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Gerüchte um Chemiewolken Weltverschwörung am Himmel

Kondensstreifen am Himmel: Spuren einer großen Verschwörung? Zur Großansicht
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Kondensstreifen am Himmel: Spuren einer großen Verschwörung?

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Flugzeuge hinterlassen massenhaft Kondensstreifen am Himmel. Handelt es sich bei den Abgasfahnen in Wirklichkeit um Chemie-Wolken, mit denen Staaten um die Weltherrschaft kämpfen? Einblick in eine populäre Verschwörungstheorie.

Verschwörungstheorien haben ihren Charme. Sie versprechen, die Welt zu erklären, ohne einfach nur etabliertes Wissen nachzubeten. Wenn da nicht die Verschwörungstheoretiker wären. Die sind mitunter missionarisch gestimmt, wie die Reaktionen auf einen SPIEGEL-ONLINE-Artikel gezeigt haben, der berichtete, dass Raketenabgase vermehrt leuchtende Nachtwolken entstehen lassen. Zahlreiche Anhänger der sogenannten Chemtrail-Theorie schrieben Kommentare und E-Mails. Sie bieten interessanten Einblick in eine der populärsten Spökenkiekereien.

Die Chemtrail-Theorie ist eine typische Verschwörungstheorie: Eine verschwiegene Elite Tausender Eingeweihter, zu der auch Mitarbeiter deutscher Bundesbehörden, Forschungsinstitute und zahlreicher Fluggesellschaften gehören, sorgt angeblich dafür, dass das "weltgrößte Geheimprojekt" seinen Lauf nimmt. Flugzeuge versprühen demnach im Auftrag von Staaten Chemikalien, um Wetter und Klima zu ändern, Menschen zu vergiften oder anderweitig Einfluss auf das Weltgeschehen zu nehmen.

Als Beleg für die These gelten das Gewimmel von Kondensstreifen am Himmel sowie deren oft erstaunliche Formen. "Fragen Sie sich auch, was da Seltsames am Himmel passiert? Warum der Himmel immer mehr ausbleicht? Warum immer mehr Menschen über chronische Krankheiten und Alzheimer klagen?", fragt die Bürgerinitiative "Sauberer Himmel", die für einen "Himmel ohne Chemie-Wolken" kämpft.

"Geisterwolken" gibt es wirklich

In Wirklichkeit sorgt der rasant zunehmende Flugverkehr für immer mehr Kondensstreifen: In feuchter Luft können die Abgase der Jets nicht verdunsten, sie bleiben als Dampfstreifen sichtbar. Höhenwind und Feuchtigkeit zerfasern die Spuren oft zu breiten Teppichen. Sie blockieren Wärmestrahlung von der Erde, so dass sich die Luft unter ihnen Studien zufolge ein wenig erwärmt.

Tatsächlich gibt es Methoden, das Wetter künstlich zu verändern. Vor Großereignissen oder Unwettern schießen Flugzeuge manchmal Silberjodid in Wolken, damit es früher regnet. Auch "Geisterwolken" gibt es: Dabei handelt es sich um Metallstreifen, die vom Militär zu Übungszwecken in der Luft verteilt werden, um die Radarüberwachung zu stören. Außerdem überlegen Forscher, den Klimawandel mit Hilfe von Schwefeldunst oder anderer Methoden des sogenannten Geo-Engineerings zu bremsen - bislang sind das aber nur Gedankenspiele.

Für eine systematische heimliche Vergiftung der Luft indes gibt es nicht einen einzigen Beleg. Chemtrail-Vertreter präsentieren auf ihren Internetseiten dennoch eine Vielzahl von Himmelsfotos und auch manches Messergebnis. In keinem Fall hielten die Behauptungen Überprüfungen stand. Dabei würde es lediglich 500 Euro kosten, auf eigene Faust einen Wetterballon loszuschicken, der die chemische Verschmutzung des Himmels nachweisen würde, rechnen Kritiker den Chemtrail-Anhängern vor.

"Schämen Sie sich!"

Doch die sehen im geeinten Widerspruch sämtlicher Forschungsinstitute und Behörden naturgemäß erst recht einen Beweis für ihre Theorie - ein Phänomen, das Psychologen gut kennen. Dass auch in Behörden und Fluggesellschaften keine verschworene Einigkeit, sondern menschliches Durcheinander herrscht, scheint ihnen unvorstellbar. Selbst Widersprüche ihrer Theorie verunsichern Verschwörungstheoretiker nicht.

Entsprechend fielen Kommentare zum SPIEGEL-ONLINE-Artikel über die leuchtenden Nachtwolken aus. Eine Studie hatte ergeben, dass die Abgase von Raketen in 80 Kilometern Höhe vermehrt Eisschleier entstehen lassen, die nach Sonnenuntergang als silbrige Wolken schimmern. "Ihr Bericht ist eine Beleidigung für den gesunden Menschenverstand, schämen Sie sich", schrieb ein Leser. "Solchen Mist zu verbreiten, aber nichts über Chemtrails zu schreiben, ist skandalös", fand ein anderer.

Desinformation sei journalistisches Kalkül: "Über die wahren Hintergründe des Geschehens am Himmel wollen Sie nicht aufklären, weil Sie Ihre Karriere nicht aufs Spiel setzen wollen", meinte ein weiterer Leser. Aber irgendwann werde "das Lügensystem zusammenbrechen" und "klar sein, für wen Sie gearbeitet haben".

"Chemtrails auch tagsüber gut zu sehen"

Auch die Autoren der Nachtwolken-Studie bekommen Nachhilfe: "Diese Wissenschaftler scheinen noch nicht zu wissen, was sich mittlerweile selbst in der Bevölkerung herumgesprochen hat, nämlich dass unser Himmel flächendeckend mit giftigen Chemikalien (Barium, Aluminium etc.) eingesprüht wird", meint ein gewisser Herr Bauer. "Diese Chemtrails kann man auch tagsüber sehr gut sehen."

Leuchtende Nachtwolken schweben allerdings achtmal höher als Flugzeuge, das dokumentieren Tausende Messungen. Aber das glaubt ja kein Mensch: "Kein Mensch glaubt doch ernsthaft, das diese Wolken 90 Kilometer über der Erdoberfläche schweben und von Raketen verursacht werden", schreibt ein Leser. "Schon auf dem Foto ist sehr gut zu erkennen, dass diese Wolken sich in einer Höhe von irgendwo zwischen fünf und zehn Kilometer befinden müssen."

"Werden Sie Bademeister"

Glaubwürdige Informationen finde man anderswo - im SPIEGEL-ONLINE-Forum. "Lesen Sie sich die Kommentare zu Ihrem Artikel durch. Dort finden Sie tausendmal mehr Wahrheit als in dem von Ihnen verfassten Text!", heißt es in einer Lesermail.

Tatsächlich finden sich im Forum aufschlussreiche Hinweise. Können wirklich Raketenabgase Wolken erzeugen? "Raketen? Man sollte die eigene Naivität und unendlich begrenzten Horizont nicht als Maßstab für die Realität verwenden", schreibt "Bilgens". "Es sind Chemtrails." Die würden "seit längerer Zeit als Waffe und zur Erpressung ganzer Staaten verwendet". Auch Insektenvölker litten unter den Chemikalien, vermutet "DannyWyatt": "Was versprühen die da wirklich, und hat das mit dem vermehrten Insektensterben in letzter Zeit zu tun? Warum verschleiern die das so sorgfältig???"

Um die Wahrheit zu erkennen, hülfe ein Berufswechsel, rät ein Leser: "Sie könnten zum Beispiel Bademeister werden. Dann haben Sie Zeit genug, den Himmel zu beobachten, und ich bin überzeugt, die Wahrheit wird Ihnen wie Schuppen von den Augen fallen! Zudem sind Sie dann kein Zudiener der Propagandamaschinerie mehr."

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