Chiemgau-Einschlag Forscher halten Kelten-Kometen für Legende

Ein Komet soll vor 2500 Jahren den Chiemgau verwüstet und die dort lebenden Kelten ausgelöscht haben. Doch das kosmische Geschoss gab es nie, behauptet das bayerische Landesamt für Umwelt. Die Anhänger der Meteoritentheorie werfen den Experten hingegen schwere Fehler vor.

NSF / Nicolle Rager-Fuller

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Der Tüttensee ist kein beeindruckendes Gewässer. Im Durchschnitt gerade einmal zehn Meter tief, im Durchmesser nur wenig mehr als 200 Meter groß - ein See wie so viele in Bayern. Genauso langweilig, wie er heute wirkt, soll der Tüttensee einst auch entstanden sein - zumindest wenn Experten des bayerischen Landesamts für Umwelt (LfU) recht haben.

Als vor 12.500 Jahren die letzte Eiszeit endete, zogen sich auch die Gletscher zurück. Doch das Abschmelzen vollzog sich ungleichmäßig: Hier und dort blieben größere Brocken zurück - sogenanntes Toteis, das sich über Jahrzehnte halten kann und langsam in den auftauenden Untergrund einsackt. Auf diese Art entstehen Toteiskessel - und ein solcher sei auch der Tüttensee, glauben die Forscher des Landesamts auf Basis neuer Untersuchungen.

Doch es gibt da noch eine andere Theorie - und sollte sie stimmen, herrschte bei der Entstehung des Tüttensees alles andere als Langeweile. Vor 2500 Jahren stürzte demnach ein Komet in die Erdatmosphäre, zerbrach kurz vor dem Aufprall und schlug in einem 27 mal 58 Kilometer großen Gebiet zahlreiche Krater. Die Katastrophe hätte den damals in der Region lebenden Kelten den Garaus gemacht und den Tüttensee geschaffen, glauben die Mitglieder des "Chiemgau Impact Research Teams" (CIRT), eines Clubs von Hobbyforschern um den Würzburger Geologie-Professor Kord Ernstson.

Der mitunter emotional geführte Streit zwischen den beiden Fraktionen tobt seit Jahren. Jetzt glauben die Anhänger der Eiszeittheorie, die Debatte endgültig für sich entschieden zu haben. "Den Kelten fiel der Himmel nicht auf den Kopf", heißt es in einer Mitteilung des LfU.

Radiokarbon-Messungen sollen Theorie vom Kelten-Kometen widerlegen

Die Geologen nahmen nach eigenen Angaben Proben von den Seeablagerungen am Kesselboden und dem darauf wachsenden Moor. Analysen mit Hilfe der Radiokarbon-Methode (siehe Kasten links) hätten ergeben, dass das Moor bereits in einem halben Meter Tiefe 4800 Jahre alt war, an seinem Boden rund zehntausend Jahre. Die darunter liegenden Seeablagerungen habe man auf ein Alter von 12.500 Jahren datiert - was bestens zu einer Entstehung am Ende der Eiszeit passe.

Zwar sei noch immer nicht mit letzter Sicherheit bewiesen, dass es sich um ein Toteisloch handele, betont LfU-Chefgeologe Roland Eichhorn. Man könne aber ausschließen, dass ein Meteorit den Tüttensee zur Zeit der Kelten geschaffen hat. "Wenn in dem Loch seit 12.500 Jahren Grünzeug wächst, dann kann es nicht erst vor 2500 Jahren entstanden sein", sagt Eichhorn im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Geophysiker Ernstson beeindruckt das wenig: "Das Landesamt behauptet, Proben vom Kesselboden genommen zu haben. Doch die Proben stammen vom Ufer des Tüttensees - ohne dass das in der Pressemitteilung erwähnt wurde." LfU-Geologe Eichhorn bestätigt das durchaus - sieht darin aber kein Problem: Der Tüttensee-Kessel bestehe nicht nur aus dem See selbst, sondern auch aus dem umliegenden Uferbereich.

An den falschen Stellen gebohrt?

Ernstson aber glaubt, dass die LfU-Experten an Stellen ihre Proben genommen haben, die durch den Meteoriteneinschlag kaum verändert wurden. Daten aus geophysikalischen Messungen zeigten, dass der tatsächliche Meteoritenkrater des Tüttensees im Durchmesser deutlich kleiner und nicht etwa größer sei als der See selbst. Das LfU habe seine Proben in dem Bereich zwischen dem eigentlichen Krater und dem umliegenden Wall aus Auswurfmaterial genommen. Die dortigen Sedimentschichten könnten auch durchaus aus der Eiszeit stammen, meint Ernstson. Die Ergebnisse der Datierung seien deshalb "überhaupt keine Überraschung".

Zudem bleibe es "unerfindlich", wie das LfU aufgrund dieser "mehr oder weniger punktförmigen Datenerfassung" eine Aussage über das gesamte Meteoritenkrater-Streufeld treffen wolle, das eine Fläche von 27 mal 58 Kilometern umfasse. Die Aussage, der Chiemgau-Einschlag habe nicht stattgefunden, sei aufgrund dieser Daten "wissenschaftlich unzulässig", so Ernstson. Es bleibe dabei, dass "alle bisherigen Beobachtungen zur Struktur und Geologie des Tüttensees stimmig in Bezug auf einen Meteoritenkrater sind". CIRT-Mitglieder haben im Fachblatt "Antiquity" sogar die Theorie aufgestellt, dass der Phaeton-Mythos der griechischen Antike auf dem Chiemgau-Einschlag zurückgehe.

Tatsächlich haben Ernstson und seine Mitstreiter in der mutmaßlichen Einschlagsgegend Quarze und eine Kombination der exotischen Minerale Xifengit und Gupeiit entdeckt (siehe Video), die nach Meinung des Würzburger Mineralogen Ulrich Schüßler kaum von der Erde stammen kann.

Indizien, aber keine Beweise

Auch andere Forscher stießen auf Indizien für einen Impakt. So hat ein Team um den Geoforscher Wolfgang Rösler eines der Löcher im Chiemgau näher untersucht. Die Forscher stellten fest, dass die Wände einer elf Meter durchmessenden Vertiefung Temperaturen von womöglich 1500 Grad Celsius ausgesetzt waren. "Die Struktur kann nicht durch glaziale Geologie, Archäologie, Bombardements oder frühe Industrieprozesse entstanden sein", lautete die Schlussfolgerung der Wissenschaftler auf einer Fachtagung im Jahr 2005. Eine Entstehung des Lochs im Zusammenhang mit einem Einschlag "sollte in Betracht gezogen werden".

Ein Team um Karl Thomas Fehr, Mineralogie-Professor an der Universität München, schrieb 2005 im Fachblatt "Meteoritics & Planetary Science": "Die Gegend um Burghausen könnte ein großes Einschlagskrater-Streufeld enthalten." Allerdings handele es sich dabei nur um einen Verdacht, der durch weitere Untersuchungen bestätigt werden müsse - insbesondere durch Funde von Meteoritenresten.

Und genau die wurden bisher trotz intensiver Suche nicht gefunden. "Vermutlich ist der Meteorit zum größten Teil verdampft", sagt Ernstson. "Und Bohrungen direkt unter dem Tüttensee wurden uns verboten." Unter anderem wegen des Fehlens solcher Beweise haben Forscher wie etwa Uwe Reimold von der Berliner Humboldt-Universität die Impakt-Theorie bisher scharf zurückgewiesen. Auch seien Computersimulationen nicht mit einem Einschlagsfeld von 27 mal 58 Kilometern Größe in Einklang zu bringen.

LfU-Geologe Eichhorn versucht nun offenbar, den Anhängern der Meteoritentheorie eine goldene Brücke zu bauen. Denn dass ein kosmisches Geschoss den Tüttensee erschaffen habe, sei auch nach der neuen Untersuchung weiterhin möglich. "Vielleicht sollte man in der Eiszeit weiterforschen", schlägt Eichhorn vor. Zwar hätten die LfU-Fachleute bisher keine Hinweise auf einen Meteoriteneinschlag in der Eiszeit gefunden. "Aber wenn uns beispielsweise unter Hochdruck geformte Mineralien vorgelegt würden, dann würden wir der Sache natürlich nachgehen." Aber dass die Kelten im Chiemgau durch einen Einschlag ausradiert worden seien, sei "eine Legende, die man ad acta legen kann".

insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
Klo, 25.08.2010
1. ...
Zitat von sysopEin Komet soll vor 2500 Jahren den Chiemgau verwüstet und die dort lebenden Kelten ausgelöscht haben. Doch das kosmische Geschoss gab es nie, behauptet das bayerische Landesamt für Umwelt. Aber die Anhänger der Meteoriten-Theorie werfen den Experten schwere Fehler vor. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,713646,00.html
Das ist doch längst bekannt. Der "Kelten-Meteorit" IST Legende und nichts anderes. Und ferrum noricum mit Superschwertern aus Meteoriten-Eisen hat es nie gegeben.
rkinfo 25.08.2010
2. Der Himmel fiel auf Majestix ...
http://de.wikipedia.org/wiki/Figuren_aus_Asterix Zudem ist es sehr unwahrscheinlich das gerade ein Himmelsobjekt auch noch Menschen auslöscht. Kann alles sein - aber es kann auch passieren dass uns alle mal der Himmel auf den Kopf fällt.
sadie_k 25.08.2010
3. Jedenfalls
..wäre es eine Erklärung, warum die Gallier Angst haben, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fällt.
stonys_two_cents 25.08.2010
4. unfassbar ..
.. dass den Leuten in der Öffentlichkeit immer noch Raum für ihre unbegründeten Behauptungen eingeräumt wird. Es wurden bislang keine von der Fachwelt akzeptierbaren Einschlagsindikatoren gefunden, die auch hier erwähnten 'exotischen' Eisensilizide Xifengit und Gupeiit wurden nach deren eigenen Bekunden nach dem Zweiten Weltkrieg in Form von Hochofen-Schlacke als Dünger auf die Äcker gekippt (mittlerweile wieder von der Homepage gelöscht..) und ausser einer aggressiven Vermarktung der Idee, gepaart mit bunten Bildern von Löchern in der Landschaft, hat die Gruppe nach wie vor nicht zu bieten. Bleibt noch zu erwähnen, dass deren Bildungsszenario nach Theorie und Empirie der Impaktforschung nicht mit der Realität zu vereinbaren ist..
A.D.H. 25.08.2010
5. Eisenerz
Zitat von KloDas ist doch längst bekannt. Der "Kelten-Meteorit" IST Legende und nichts anderes. Und ferrum noricum mit Superschwertern aus Meteoriten-Eisen hat es nie gegeben.
Den Stahl hat es sehr wohl gegeben, genauso wie hervorragend geschmiedete Schwerter der Kelten und Germanen. Die Meteoritentheorie ist nur ein Erklärungsansatz für die Herkunft des Erzes.
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