Fotoprojekt in China Alte Bäume als Statussymbole

Ein Gingko wird für viel Geld umgepflanzt - vom Dorf in die Großstadt. In Chinas Metropolen passiert das täglich, viele Bäume überleben das nicht. Yan Wang Preston hat das groteske Geschäft fotografiert.

Yan Wang Preston/ Hatje Cantz

Ein Interview von


ZUR PERSON
  • Yang Lu
    Yan Wang Preston, Jahrgang 1976, ist in China geboren, lebt aber inzwischen in England. Für ihre Arbeiten ist die Fotografin häufig in ihrem Heimatland unterwegs. Unter dem Titel "Mother River" hat sie den Jangtsekiang von der Quelle bis zur Mündung dokumentiert. Mit ihrem Fotoprojekt "Forest" gewann sie den ersten Preis des Syngenta Photography Award, es ist als Buch bei Hatje Cantz erschienen. Mehr Fotos gibt es unter: yanwangpreston.com.

SPIEGEL ONLINE: Sie fotografieren umgepflanzte Bäume in China. Einem haben Sie sogar einen Namen gegeben: Frank. Was hat es mit ihm auf sich?

Preston: Frank ist der einzige Baum, den ich fotografiert habe, bevor er nach dem Ausgraben abtransportiert wurde. Ich war durch Zufall in dem Dorf, wo er groß geworden war, bevor es zerstört wurde. Wie einem Menschen habe ich ihn hier und da fotografiert. Mit Bäumen geht das normalerweise ja nicht. Ich empfand eine Art persönliche Verbindung zu Frank. Ich habe ihn gesehen und diesen Namen irgendwie gefühlt. Die meiste Zeit sonst habe ich auch eher Waldgebiete fotografiert. Da waren immer viele Bäume. Aber Frank war immer nur Frank. Leider hat er an seinem neuen Standort vor einem Hotel nicht überlebt. Nur die rote Erde war nach zwei Jahren noch da. Es ist kein schönes Bild, aber es ist wichtig für mich.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie überhaupt darauf gekommen, sich mit Bäumen zu beschäftigen?

Yan Wang Preston: Das erste Mal aufgefallen sind mir diese seltsamen Bäume schon 2010, als ich für ein anderes Projekt in China war. Es waren alte Bäume, ihre Äste waren abgeschnitten, sie standen in Plastiksäcken auf brandneuen, öffentlichen Plätzen. Ich machte einige Fotos, aber beschäftigte mich noch nicht weiter damit. Beim nächsten Besuch fielen mir noch mehr solcher Bäume auf. Das Thema sprach mich emotional an. Die Bäume wirkten so gequält! Also begann ich ein Langzeitprojekt und besuchte die Orte immer wieder.

Fotostrecke

9  Bilder
Fotos von Yan Wang Preston: Umgepflanzte Bäume

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit den Bäumen passiert?

Preston: Manche sehen immer noch halbtot aus, stehen aber noch da. An anderen Orten sind die Bäume wieder verschwunden. Ganze Gegenden wurden noch einmal umgebaut. Ich konnte teilweise nicht einmal mehr meinen ursprünglichen Standort wiederfinden. Aber es gibt auch Bäume, die sich ganz gut entwickelt haben. Sie sind gewachsen, ein richtiger Wald ist entstanden. Das war fast schon beängstigend! Sieben Jahre davor war da nur ein Feld mit umgepflanzten Bäumen.

SPIEGEL ONLINE: Also zeigt die Aktion zumindest teilweise Erfolg?

Preston: Ja, die Geschichte ist komplizierter, als ich anfangs dachte. Einen Großteil der Fotos habe ich in Chongqing gemacht. Das ist eine Millionenstadt im Wachstum, die sich selbst vorgenommen hat, eine grüne Stadt zu werden. Bei meinen ersten Besuchen sah ich häufig Werbeplakate mit den fünf Leitlinien. Gleich an erster Stelle: Wir wollen eine Wald-Stadt sein! Tatsächlich hat sich die Stadt während meines Projekts verändert. Sie sieht viel freundlicher aus. Aber die Stadt hat die Wälder eben mit alten Bäumen angelegt, weil sie zu ungeduldig war zu warten, bis junge Bäume wachsen. Es bleibt ein Geschäft.

SPIEGEL ONLINE: Wie funktioniert das Geschäft mit den Bäumen?

Preston: Viele der Bäume kommen aus Dörfern, die zerstört werden, weil dort neue Städte oder Industrie entstehen. Das passiert in China quasi täglich. Am Jangtsekiang sind zum Beispiel um die 30 neue Wasserkraftwerke entstanden, alle Dörfer in der Nähe wurden dafür geflutet. Diese Dörfer sind oft alt, die Bäume dort auch. Das ist eine Hauptquelle für die umgepflanzten Bäume in den Großstädten.

SPIEGEL ONLINE: Woher stammen die Bäume noch?

Preston: Es gibt auch Händler, die in die Dörfer gehen und den Bewohnern dort ein Angebot für ihre alten Bäume machen. Für viele ist das kein großes Ding, weil im Garten ja auch noch andere Bäume stehen. Ich nehme auch an, dass ein Teil der Bäume einfach illegal ausgebuddelt wird. Gingkos zum Beispiel wachsen sehr, sehr langsam. Wer pflegt so einen Baum schon Jahrzehnte und verkauft ihn dann einfach? Die Bäume sind wie Trophäen! Es ist offensichtlich: Je teurer ein Shoppingzentrum oder ein Hotel, desto größer und älter sind die Bäume davor. Auch die Stadt will solche Bäume auf ihren Plätzen. Da geht es um öffentliche Gelder. Gerade die besonders alten, teuren Bäume überleben das Umpflanzen häufig nicht. Das ist wie bei Menschen: Die Bäume sind an ihre ursprüngliche Umgebung gewöhnt, ihre Wurzeln sind groß. Und dann muss wieder ein neuer Baum her, der wieder Geld kostet.

SPIEGEL ONLINE: Die Bäume scheinen für Sie fast menschliche Züge zu haben?

Preston: Ja, ich wollte anfangs auch nur die Bäume porträtieren, wie lebendige Skulpturen. Erst später habe ich dann auch die urbane Architektur und die Menschen mitfotografiert. Bäume haben einen Charakter, sie sind mysteriöse Wesen. Verschiedene Kulturen haben verschiedene Arten, symbolisch mit Bäumen umzugehen. Aber überall werden Bäume mit dem Lebenskreislauf assoziiert.

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Yan Wang Preston:
Forest

Hatje Cantz Verlag; 128 Seiten; 50,00 Euro

SPIEGEL ONLINE: Es gibt auch einige Fotos ganz ohne Bäume. Was wollen Sie damit zeigen?

Preston: Je länger ich mich mit den Bäumen beschäftigt habe, desto mehr habe ich über die Farbe Grün nachgedacht und darüber, wie sie für Umweltfreundlichkeit steht. Grün ist besser! Aber mit diesem Konzept findet auch viel Missbrauch statt. Hauptsache ein Baum, auch wenn er aus Plastik ist, denken manche. Und in manchen Orten in China geht es so weit, dass steile Berghänge, an denen nichts wächst, mit grüner Plastikplane abgedeckt werden. Einfach nur, damit es aus der Ferne grün aussieht. Als ich das durch Zufall sah, musste ich das festhalten.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in China fotografiert. Sind die verpflanzten Bäume vor allem dort, im Land des Wachstums, ein Thema?

Preston: In China passiert das nicht nur vereinzelt, sondern überall im Moment. Aber das Phänomen gibt es auch anderswo. Erst neulich habe ich hier in Manchester einige Olivenbäume auf einem 47-stöckigen Hochhaus fotografiert. Die Bäume sind mehr als 300 Jahre alt und stammen aus Italien. Ich habe die Besitzerin gefragt, warum sie die Bäume hier einpflanzen ließ. Sie sagt zu mir: "Ich fühle mich dadurch geerdet." Ich sagte nichts dazu. Ich denke nicht, dass sich die Bäume geerdet fühlen. Jeder steht in einem großen Topf und die Bewässerung ist über einen Computer gesteuert. Sie tragen auch keine Oliven, weil es da oben hinter der Glasscheibe kaum Insekten gibt und keinen Wind. Sie sind reine Dekoration. Mich interessiert, wie sie sich entwickeln. Vielleicht gibt es irgendwann einmal eine Fortsetzung des "Forest"-Projekts.

Das Interview führte Kathrin Fromm für das Fotoportal Seen.by.

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Koda 06.09.2018
1. Falscher Ansatz für grüne Städte
Da wird viel Geld und Energie raus geworfen, um "grün" zu wirken, dabei ginge das auch sicher anders. Erst vor einigen Wochen war hier ein Artikel über einen Architekten, der auch Hochhäuser so plant, dass Pflanzen mit einbezogen werden. Natürlich geht es in einem Hochhaus auch kaum ohne PC-gesteuerte Bewässerung - aber auch hier liesse sich viel sparen.
strixaluco 06.09.2018
2. Wo ein Baum nicht wachsen will...
Wo ein Baum nicht wachsen will, ist auch für Menschen kein guter Platz zum Leben - der Grund, warum so viele Stadtbäume, auch kleiner gepflanzte, kaputt gehen, sind heftige Temperaturschwankungen, festgebackener, kaum noch luft - und wasserdurchlässiger Boden, Streusalz, Schadstoffe, kaum Platz zum Ausbreiten der Wurzeln in zubetonieren Flächen, vermehrte Ausbreitung von Schädlingen durch importierte Jungpflanzen der immergleichen Sorten, Abgase, ... Wo ein Baum Platz hat und gedeiht, da geht es uns auch gut, mit ihm und auch seinetwegen. Jeder einzelne Baum in der Stadt ist gut für unsere Gesundheit - nachweislich! Aber man sollte es nicht über den Zaun brechen. Wenn man mehr auch die Form als auf die Vitalität der Pflanze wert legt, muss man sich nicht wundern, wenn das nicht lange gut geht, Ziersorten sind mitunter anfällig (und Kugelahorn sieht zum Beispiel letztlich wirklich bescheiden aus, wenn er schlecht und zu spät gepflegt wird). Grosse Bäume lassen sich ausserdem nur verpflanzen, wenn man viele Wurzeln kappt oder sie gleich oft gepflanzt, so dass sie sich nicht so ausbreiten. So ein Baum kann aber nie so robust werden wie ein natürlich gewachsener, der sich, je nach Art, mitunter mit Meter tiefen Wurzeln "krisensicher" machen kann. Besser kleiner pflanzen, dann ist der Baum noch versetztar und anpassungsfähig! Das hilft aber auch nur, wenn man ihn nicht komplett einpflastert, damit rundum alles schön glatt, Stöckelschuh- und Kehrmaschinen- tauglich ist...
permissiveactionlink 07.09.2018
3. Die Gingkos in transparenten
Plastiksäcken dokumentieren das eigentliche Problem : Mit geeigneten Maschinen ist es heute kein wirkliches Problem mehr, auch große Bäume mit entsprechend umfangreichem Wurzelwerk zu verpflanzen. Dafür muss ein sehr großes Bodenvolumen mit dem Baum ausgehoben werden. Macht man genau das nicht, dann werden große Teile des Wurzelwerks abgeschnitten. Wieder eingegraben hat der Baum dann zum einen kaum Stabilität, zum anderen verdunstet er aber im Sonnenlicht viel Wasser über seine Blätter. Dabei trocknet er aus, weil keine oder viel zu wenige Wurzeln Wasser nachliefern können. Mit einer transparenten Folie kann man die Luftfeuchtigkeit hoch halten. Der Baum treibt dann Photosynthese, ohne zu vertrocknen. Bei der Stecklingsbewurzelung arbeitet man genauso : einfach transparente PET-Flasche (mit abgeschnittenem Boden) darüberstülpen, bis der Steckling bewurzelt ist. Das kann Wochen dauern. Ohne Flasche ist er bereits nach wenigen Stunden vertrocknet !
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