Ausgegraben

China Mit den Mongolen kamen die Umweltgifte

Von

Aubrey Hillman

China hat gravierende Umweltprobleme - und das bereits seit Jahrhunderten. Schon die Mongolen vergifteten Erde und Gewässer. Ihre Metallverarbeitung hinterließ in einem See sogar noch deutlich schwerere Schäden als die heutige Industrie.

Es steht nicht gut um die Natur des bevölkerungsreichsten Landes dieser Erde. China verfügt zwar über die viertgrößte Fläche aller Staaten dieser Welt - doch rund 200.000 Quadratkilometer davon, ein Sechstel der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche, sind mit Schwermetallen verseucht. Was in diesen Regionen wächst, enthält unweigerlich hohe Konzentrationen von ihnen.

Doch die Belastung ist nicht allein mit schnell aufgebauten Fabriken zu erklären, die modernen Umweltstandards nicht genügen. Eine internationale Gruppe von Geologen um Audrey Hillman von der University of Pittsburgh hat die Sedimente des Er Hai Sees in der südwest-chinesischen Provinz Yunnan untersucht - und dabei festgestellt, dass bereits mit der Ankunft der Mongolen in der Gegend die Schwermetallbelastung des Sees katastrophale Werte erreichte.

Spitzenwerte vor 700 Jahren

Für ihre Studie entnahmen die Forscher Bohrkerne an drei unterschiedlichen Stellen im See. Besonders interessant waren dabei die Proben vom östlichen Rand des Er Hai. Hier liegt die Stadt Dali - und das bereits seit mehr als 3000 Jahren. Was auch immer die Einwohner Dalis an Abfall produzierten, landete unweigerlich im See. Die Bohrkerne reichten jedoch noch weiter in die Vergangenheit zurück. Rund 4.500 Jahre konnten die Wissenschaftler die Geschichte des Er Hai zurückverfolgen.

Von 2.500 vor Christus bis etwa 200 nach Christus passierte dort nicht viel. Die Konzentrationen von Blei, Silber, Cadmium und Zink blieben unauffällig. Dann jedoch, zwischen 200 und 450 nach Christus, verdoppelten sich die Werte. Es folgte wieder eine längere Pause, doch um 1100 nach Christus schnellten die Werte dann plötzlich nach oben, erreichten einen Höhepunkt um das Jahr 1300 und fielen danach bis etwa 1980 wieder ab.

Dünger und Silbererz

Erst in den vergangenen 30 Jahren stieg die Bleibelastung wieder leicht an. Erstaunlich ist das Ausmaß der antiken Verseuchung: Zur Zeit der Yuan-Dynastie (1279 bis 1368) musste der See drei- bis viermal höhere Schwermetallwerte verkraften als heute.

Was geschah am Ufer des Er Hai? Zwischen den Jahren 200 und 450 nach Christus stieg nicht nur die Schwermetallbelastung, sondern auch die Dicke der Sedimente. Bis zu zehnmal mehr Schwebstoffe setzten sich in diesen zweieinhalb Jahrhunderten auf dem Seeboden ab. Tonmodelle aus den Gräbern der Han-Dynastie (206 bis 220 nach Christus) zeigten bewässerten Ackenbau, schreiben die Forscher in ihrem Aufsatz in der Zeitschrift "Environmental Science & Technology". Der Beginn dieser neuen Art von Landwirtschaft fällt mit den dickeren Sedimentschichten zusammen. Möglicherweise geriet mit den Sedimenten auch Dünger in den See.

Tödliches Blei

Der heftige Anstieg im 12. und 13. Jahrhundert aber ist nicht mit Landwirtschaft zu erklären. Schuld waren vielmehr die Mongolen, insbesondere die Yuan-Dynastie unter ihrem Begründer Kublai Khan - und ihre Gier nach Silber. Um es zu reinigen, erhitzten die Mongolen das in der Umgebung des Sees gewonnene Silbererz über Holzfeuern. Dabei trennten sich die Metalle. Aus dem Silber entstanden Schmuck und Münzen, der Abfall aber wurde in die Umwelt entsorgt. Mit dem Verfahren war noch eine weitere Umweltsünde verbunden: In den Silberöfen verbrannten die Mongolen den Baumbestand der Region zu Asche.

"Die Bleikonzentration betrug zur Zeit der Yuan-Dynastie 120 Mikrogramm pro Gramm", führt Hillman aus. Ab einer Konzentration von 128 Mikrogramm pro Gramm gelte Blein als giftig für Organismen, die im Sediment von Gewässern lebten. "Ich bin zwar keine Biologin, aber die Bleiverschmutzung führte höchstwahrscheinlich zu hohen Sterberaten und einer Beeinträchtigung des Wachstums bei den Lebewesen im See."

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