Erdbeben in China Forscher warnen vor zerstörerischen Stauseen

Die Beben in der Nähe eines Stausees häufen sich in China. Forscher des Landes warnen: Hunderte Millionen Tonnen Wasser setzen den Boden gefährlich unter Druck. Ihre Studien veröffentlichen manche unter Decknamen - denn sie rütteln an der KP-Doktrin des schnellen Wirtschaftswachstums.

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AP/ GeoEye

Hamburg/Berlin - Fan Xiao frühstückte gerade, als seine Wohnung im fünften Stock zu schwanken begann. "Das Gebäude wackelte 20 bis 30 Sekunden äußerst heftig, Tassen fielen herunter", erinnert sich der Geologe. Fan Xiao lebt in Sichuans Hauptstadt Chengdu in einer Wohnung im fünften Stock - zahlreiche Kilometer vom Epizentrum des Erdbebens vom vergangenen Wochenende im Kreis Lushan entfernt.

Der Erdbebenforscher glaubt, dass es nicht normal zugeht im Boden seiner Heimat. Bereits 2008 waren binnen weniger Sekunden Städte und Dörfer in Trümmerhaufen verwandelt worden, mehr als 90.000 Menschen ums Leben gekommen. Dieses Mal starben 188 Menschen, 11.500 wurden nach letzten Informationen verletzt. Fan glaubt auch nicht, dass diese Beben nur zu erklären sind mit den tektonischen Brüchen, die durch Sichuan verlaufen.

Der Chef-Ingenieur des "Büros für Geologie und Mineralien von Sichuan" vertritt eine Meinung, die brisant ist. Brisant, weil sie an der Energiepolitik, ja, an der Doktrin des schnellen Wirtschaftswachstums der Kommunistischen Partei rüttelt.

Die Ursache für die vielen Beben in der Region, schreibt Fan in einem jüngst veröffentlichten Aufsatz, sei der Mensch und sein Drang nach Energie, die Chinas Wirtschaftswachstum speisen soll: Die Wasserlast der vielen Stauseen, die einen Gutteil des Stroms liefern, könnten schwere Beben auslösen. Das Beben am Koyna-Staudamm in Indien 1967, bei dem 200 Menschen starben, gilt als Warnung.

Noch nie da gewesen

Mit Sorge hatte Fan in den Jahren vor dem Beben ein zunehmendes Zittern in der Umgebung des neuen Pubugou-Damms registriert. Der Damm liegt nur 80 Kilometer südlich des Epizentrums vom 20. April. Von Oktober 2006 bis Ende 2011 seien in dieser Gegend 1834 kleinere Beben registriert worden, die sich auf den Untergrund des Stausees konzentrierten, besonders auf den zentralen Teil des Wasserbeckens, nahe des Damms und flussabwärts, schreibt Fan.

Besorgniserregend sei auch, dass der Stausee des nicht weit entfernten und noch nicht ganz fertiggestellten Xiangjia-Damms im Oktober 2012 mit hoher Geschwindigkeit aufgefüllt wurde. Der Anstieg von 76 Metern in nur sechs Tagen sei "in der Geschichte" noch nie da gewesen. Deshalb sei das Risiko "geologischer Katastrophen zweifellos gewachsen".

Mit derartigen Prognosen macht man sich wenig Freunde in China. In tiefen Tälern lässt die Regierung mit Hunderten Dämmen Wasser stauen. Der deutsche Forscher Christian Klose vom US-amerikanischen Forschungsinstitut Think Geohazards war einer der ersten, der sich unbeliebt machte: Die Erdbebenkatastrophe von Sichuan 2008 sei auf den Zipingpu-Damm zurückzuführen, hatte Klose kurz nach dem Beben auf einer Tagung erklärt.

Beben-Uhr vorgedreht

Das neue Wasserreservoir habe die "Erdbeben-Uhr" manipuliert, hatte Klose argumentiert. Sein Gewicht von 320 Millionen Tonnen habe den Druck auf den Untergrund so gefährlich erhöht, wie es die natürliche Bewegung der Erdplatten erst in Jahrhunderten vermocht hätte, stimmten bald US-amerikanische Kollegen in einer Studie zu. Auch Fan Xiao hatte sich der Deutung angeschlossen.

Andere Experten vor allem aus China widersprachen: Sie bestätigten zwar zunehmendes Bodenzittern am Zipingpu-Stausee nach der Füllung - die Last könne aber nur flache Beben erklären, hatten sie berechnet. Das Desaster-Beben von 2008 ereignete sich aber in 19 Kilometer Tiefe.

Die Nahtzone im Gestein verlaufe bis zur Oberfläche, widerspricht Klose in neueren Berechnungen. Der immense Druck des Stausees habe das Gestein auf einer Seite von der Naht weggedrückt, so dass es sich leichter bewegen konnte. Am 12. Mai 2008 ruckte es mit der extremen Stärke von 7,9.

Fataler Dominoeffekt

Verräterisch sei, wie sich der Boden bei dem Beben bewegt habe, meint Klose: Wie ein Lineal, das immer stärker über die Tischkante gedrückt werde, sei der Boden in jenem schrecklichen Moment exakt in Richtung des Sees zurückgefedert. Radardaten zeigten, dass sich der Untergrund unmittelbar am Staudamm bei dem Beben am stärksten verformt habe.

Nach einem Starkbeben erschüttern normalerweise Tausende Nachbeben das Land. In Sichuan 2008 jedoch war es etwas anders: Um den See herum sei es seltsamerweise ruhig geblieben, berichtet Klose. Das sei ein Hinweis für den immensen Druck der Wasserauflast.

Das Beben vom vergangenen Wochenende könnte eine Folge der gewaltigen Erschütterungen von 2008 sein, meint Fan: Beide Schläge ereigneten sich an derselben Nahtzone. Ein Beben löst zwar die Spannung entlang eines Abschnitts, doch am Ende des Bruches kann sich der Druck aufs Gestein dabei erhöhen. Dort, meint Fan, sei die Naht nun am vergangenen Wochenende gebrochen - es bebte. Ein fataler Dominoeffekt also. Doch auch der Einfluss des noch näheren Pubugou-Damms wird untersucht.

Pseudonym John Jackson

Das Beben habe zwei Dämme mittlerer und 53 kleinerer Größe beschädigt, teilte das Ministerium für Wasserressourcen mit. Mehr als 3000 Ingenieure, Arbeiter und Soldaten seien unterwegs, um die Dämme in der Gegend zu inspizieren und zu reparieren.

Die Schäden verleihen einer aktuellen Studie neue Brisanz: Sie warnte gleichzeitig vor Flutwellen mit womöglich Hunderttausenden Toten, falls die Dämme nicht nur Erdbeben auslösen, sondern zudem Erschütterungen nicht aushalten. Viele seien "wie Kaskaden" dicht hintereinander gebaut. Zerbricht ein Damm, könnte das Schicksal der Mauern weiter unten besiegelt sein. Die Autoren der Studie wollen anonym bleiben, wohl aus Sorge vor Repressionen - sie überschreiben ihre Arbeit mit dem Pseudonym John Jackson.

"Zusätzlich zu den Gefahren von starken natürlichen seismischen Aktivitäten in Westchina könnten durch Reservoirs hervorgerufene seismische Aktivitäten die Häufigkeit und die Stärke von Erdbeben in der Region verstärken", heißt es auch in einer Studie der kanadischen Regierungsorganisation Probe International vom vergangenen Jahr. Die Überwachung und die Analyse in der Nähe der Reservoirs müsse verstärkt werden, fordert Fan.

Seine besondere Sorge gilt dem Drei-Schluchten-Damm, dem riesigen Wasserwehr am Yangtse. Auch er könne Erdbeben auslösen, fürchten chinesische Wissenschaftler. Der frühere Vizeminister für Wasserressourcen und Strom und leidenschaftlicher Gegner des Damms, Li Rui, hat sich jüngst zu Wort gemeldet. Das von der Partei so hochgepriesene Bauwerk, sagte er, sei kein Gewinn, sondern eine Gefahr für Umwelt und Menschen. Seit das Reservoir gefüllt sei, bebe die Erde in der Region viel häufiger als früher.

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harald441 29.04.2013
1. Heuzutage ist es ja so, daß jeder, der gerne in die
Medienspalten kommen möchte, dies am besten erreicht, indem er vor irgendetwas meint warnen zu müssen. Das ist einfach eine derzeit gängige Modeerscheinung. Leider. Auch dieser Bericht wimmelt daher von Begriffen wie "meint", "könnte", "kann nicht ausgeschlosen werden", usw., usf. Das aber ist keine exakte Wissenschaft! Diese darf natürlich eine Theorie aufstellen, muß diese aber doch ziemlich hieb- und stichfest durch vergleichende Messungen zu untermauern suchen, bevor er an die Öffentlichkeit tritt. Davon finde ich aber nichts in jenem Artikel, so daß man das ganze wieder als unnötige Panikmache abzutun geneigt ist.
wolfi55 29.04.2013
2. Das muss man anders sehen
Was sind schon ein paar hunderttausend Menschenleben gegen eine gutgefüllte Brieftasche des regionalen Parteifunktionärs. Da werden Bedenken in Bündel von Geldscheinen abgewogen.
zooombie 29.04.2013
3. Das Phänomen ist ja schon länger bekannt,
wird aber von den größenwahnsinnigen Machbarkeitsfanatikern nur zu gerne ignoriert. De facto ist die Erdkruste im Verhältnis dünner und elastischer als die Lederhaut eines Fußballs, Druck erzeugt Gegendruck, so viel habe sogar ich in der ersten Physikstunde mitbekommen.
interessierter Laie 29.04.2013
4. ...na endlich
kommt mal jemand drauf, dass die einzige steuerbare und auch nennenswert als Speicher geeignete "erneuerbare" Energiequelle Wasserkraft durch Erdbeben und andere Naturereignisse mindestens genauso gefährlich sein kann, wie ein AKW. Ein starkes Beben am Dreischluchtendamm, genauso wie eine große Gerölllawine u.ä. würde wesentlich mehr Tote bedeuten als ein havariertes AKW wie in Fukushima, selbst wenn Spätfolgen berücksichtigt werden. Danke! Man sieht wieder dass das Schwarz-Weiß-Denken bestimmter Gruppierungen schlicht und einfach falsch ist.
KarlFaktor48 29.04.2013
5.
Bei Ökostrom hört der Spaß auf, da gibt es keine Probleme und Menschenleben sind gleich gar nicht in Gefahr. Außerdem sollte man doch als Grüner die KP bei ihrem Wirken unterstützen. Wie mit Kritik umzugehen ist, da nehmen sich unsere Grüne und die chin. KP nicht viel.
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