China und USA: Klimasünder sündigen immer schlimmer

Aus Cancún berichtet

Brasilien ist top, Norwegen überholt Deutschland - der Klimaschutzindex der Umweltorganisation Germanwatch zeigt, wer am meisten gegen die globale Erwärmung unternimmt. Das Ranking macht aber auch klar: Die USA und China rutschen immer weiter ab.

Aktion am Rande des Klimagipfels: Kaum ein Land tut bisher genug für den Kimaschutz Zur Großansicht
REUTERS

Aktion am Rande des Klimagipfels: Kaum ein Land tut bisher genug für den Kimaschutz

Unter den Besten nichts Neues: Brasilien führt weiter den Klimaschutzindex von Germanwatch an, der am Montag auf dem Uno-Klimagipfel im mexikanischen Cancún präsentiert wurde.

Auf Platz eins liegt das südamerikanische Land dennoch nicht: Die ersten drei Positionen bleiben vakant - sie sind Ländern vorbehalten, deren Politik ausreichen würde, den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur auf zwei Grad gegenüber vorindustriellen Zeiten zu begrenzen. Doch dieses Kriterium erfüllt nach Meinung von Germanwatch kein einziger Staat.

Die Rangliste, die in den vergangenen Jahren internationale Beachtung fand, basiert auf Emissionsdaten der Internationalen Energieagentur IEA und den Einschätzungen von 190 Experten in den Staaten. Begutachtet wurden 57 Länder, die für insgesamt mehr als 90 Prozent der weltweiten energiebezogenen CO2-Emissionen verantwortlich sind. Auf Platz vier und damit auf dem besten Rang liegt Brasilien, vor allem wegen seines erfolgreichen Vorgehens gegen die Zerstörung des Regenwalds. Auf Platz fünf folgt Schweden, Rang sechs geht an Norwegen. Die Skandinavier haben sich damit an Deutschland vorbeigeschoben, das 2009 zwei Plätze verloren hatte und nun auf Platz sieben verharrt.

Kritik an Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke

Zwar habe sich die Bundesregierung inzwischen vorgenommen, den Treibhausgasausstoß um 80 bis 95 Prozent gegenüber dem Jahr 1990 zu reduzieren, heißt es im Germanwatch-Bericht. Auch in Sachen Energieeffizienz und erneuerbare Energien habe sich Berlin "ehrgeizige Ziele" gesetzt. Doch zwischen Anspruch und Realität klaffe eine Lücke: Es mangele an politischen Instrumenten zur Umsetzung der Klimaziele.

Harsche Kritik erntet Deutschland vor allem für sein neues Energiekonzept. Die Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke etwa "hemmt die Investitionen in erneuerbare Energien und bremst deren Wachstum", so Germanwatch. Ein schwacher Trost: Wenigstens in der Liga der zehn größten Treibhausgasemittenten der Welt tut Deutschland noch das meiste gegen die Erwärmung. Mit knapp drei Prozent des weltweiten Kohlendioxidausstoßes liegt Deutschland auf Platz fünf in der Top Ten der Klimasünder.

"Das deutsche Emissionsniveau ist traditionell hoch und verändert sich nur langsam", sagt Germanwatch-Experte Jan Burck nach der Vorstellung des Indexes in Cancún. Seit 1990 sei der Pro-Kopf-Ausstoß um nur drei Tonnen CO2 pro Jahr gesunken.

An deren Spitze baut China seinen unrühmlichen Vorsprung aus. Mittlerweile ist das bevölkerungsreichste Land der Erde für mehr als 22 Prozent des weltweiten Treibhausgasausstoßes verantwortlich, die USA folgen mit 19 Prozent. Ausgerechnet diese beiden Länder - das ist die schlechteste Nachricht des Germanwatch-Reports - haben im Klimaschutz-Index weiter an Boden verloren: Die USA ist von Rang 53 auf 54, China gar von Platz 52 auf 56 abgerutscht. Dahinter kommen nur noch Kanada, Australien, Kasachstan und Saudi-Arabien.

Schlechtester Klimagipfel-Präsident der Geschichte

In China gibt es wenigstens einen Hoffungsschimmer: Die Politik versucht intensiv, die CO2-Emissionen in den Griff zu bekommen, lobt Germanwatch. So gebe es national verbindliche Ziele zur Reduzierung der Energieverschwendung, und die Hälfte der weltweit neu installierten erneuerbaren Energiequellen entfalle mittlerweile auf China. Im Klimaschutzindex bekommt Peking deshalb gute Noten für seine politischen Ziele.

Ganz anders dagegen die USA. Zwar ist dort die Klimapolitik unter Präsident Barack Obama im Vergleich zur Regierungszeit seines Vorgängers George W. Bush deutlich vorangekommen. So flossen mehr als zehn Prozent des staatlichen Konjunkturpakets in erneuerbare Energien und Projekte zur Steigerung der Energieeffizienz. Auch darf die Bundesumweltbehörde EPA nach langem politischen und juristischen Streit inzwischen endlich Treibhausgase regulieren.

Doch das Klima- und Energiepaket gilt inzwischen als gescheitert - im Senat fand sich keine Mehrheit, die oppositionellen Republikaner übten erfolgreich die Totalblockade, freilich mit Unterstützung einer ganzen Reihe von Obamas Demokraten. Deshalb seien die USA nicht in der Lage, ihre ohnehin schwachen Zusagen im "Copenhagen Accord" - dem Minimalkompromiss des Klimagipfels Ende 2009 - einzuhalten. An eine Führungsrolle der USA in den internationalen Verhandlungen ist derzeit erst gar nicht zu denken, und eine Besserung ist angesichts der politischen Spaltung Washingtons nicht in Sicht.

Strenger als mit den USA geht die Umweltorganisation nur noch mit einem Land ins Gericht: Dänemark verliert 16 Plätze und findet sich nun auf Rang 33 wieder - zwischen Singapur und Südkorea. Der Grund sei die "Tragödie" von Kopenhagen: Der dänische Premierminister Lars-Lokke Rasmussen, der die Verhandlungen koordinieren sollte, sei nach Meinung vieler Beobachter der schlechteste Präsident in der Geschichte der Uno-Klimagipfel gewesen.

Derlei Verschlechterungen im Klimaschutzindex, so hoffen die Germanwatch-Experten, könnten in den betroffenen Ländern auch zu politischen Debatten führen. "Das ist etwa in Schweden passiert", sagt Burck, "als das Land Platz eins an Brasilien verloren hat."

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insgesamt 25 Beiträge
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1. .
dla255 06.12.2010
Schon traurig, dass die Regierungen immer mehr den Bezug zur Realität verlieren und selbst um 5 vor 12 nochmal richtig Gas geben - dabei gibt es selbst bei Atomenergie halbwegs sichere Alternativen, bei denen sogar die Endlager überflüssig werden würden. Thorium Kraftwerke. Angeblich zu teuer, aber wenn man sich anschaut wieviel Geld die EU gerade in bankrotte EU Staaten verpulvert anstatt sich um neue Energieformen zu kümmern oder die Stromnetze in der EU zu modernisieren (200 Mrd wären nötig, genau soviel wie nach Griechenland und Irland gepumpt wurden/werden), dann sollte jeder mittlerweile ernsthafte Zweifel an dem Totschlagargument ZU TEUER haben. Anstatt wie bisher unter der Hand dicke Checks von Bergbau- und Atomlobby einzukassieren, sollten unsere Herren Politiker daher zur Abwechslung mal altruistisch handeln und mehr als nur die Zeit bis zur nächsten Legislaturperiode wahrnehmen.
2. Eine Frage an SPON
kaksonen 06.12.2010
Was bedeutet eigentlich in der Tabelle der Klimaschutz-Indizes die verrückte Zahl bei China? Ist das das außerhalb jeder Konkurrenz stehende beste Land? Ein verrutschtes Komma kann es auch nicht sein, weil China dann vor Polen stehen müsste.
3. ...
eknoes 06.12.2010
Zitat von sysopBrasilien ist top, Norwegen überholt Deutschland -*der Klimaschutzindex der Umweltorganisation Germanwatch zeigt, wer am meisten gegen die globale Erwärmung unternimmt. Das Ranking macht aber auch klar: Die USA und China rutschen immer weiter ab. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,733063,00.html
CO2-Anstieg, Fledderung sämtlicher fossiler Ressourcen, Überfischung der Weltmeere, weltweiter Ausbau von AKW (ohne eine Lösung in puncto Endlagerung), Raubbau am Regenwald zugunsten von Monokulturen für Biosprit, Vermüllung der Weltmeere, dramatisches Artensterben durch multible Eingriffe in den Naturhaushalt, hausgemachter Grundwasserrückgang usw, usw, usw.... Diese Liste könnte beliebig verlängert werden, es nimmt und nimmt kein Ende. Und das Ganze vor einer potentiell wachsenden Weltbevölkerung. Das Beispiel der Petrischale in Wissenschaftslabors, in der sich Bakterien in ihrer Nährlösung solange ungehemmt vermehren, bis sie durch ihr eigenes Wachstum zugrunde gehen, muss einem Angst machen. Petrischale Erde, Nährlösung Ressourcen, ungehemmtes Bevölkerungswachstum. Noch Fragen?
4. Wir alle sind nur arme Sünder in den Händen eines zornigen Gottes.
DukeNukem 06.12.2010
Aber wir können Buße tun, indem wir weniger Klimadioxyd ausstoßen. Vielleicht vergibt uns dieser Gott irgendwann und segnet uns mit kühlen Sommern und Nuklearen Wintern.
5. ,
tiefseetanker 06.12.2010
Zitat von kaksonenWas bedeutet eigentlich in der Tabelle der Klimaschutz-Indizes die verrückte Zahl bei China? Ist das das außerhalb jeder Konkurrenz stehende beste Land? Ein verrutschtes Komma kann es auch nicht sein, weil China dann vor Polen stehen müsste.
In der offiziellen Version steht 44,9. Muss wohl ein Fehler von Spon sein.
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Fotostrecke
Klimagipfel: Kampf um die grüne Lunge

Weniger CO2 durch Emissionshandel
Kohlendioxid-Reduktion
AP
Die Unterzeichner des Kyoto-Protokolls wollen den Ausstoß von Klimagasen reduzieren. Die Europäische Union etwa hat sich verpflichtet, ihre Gesamtemissionen in den Jahren 2008 bis 2012 gegenüber dem Stand des Jahres 1990 um acht Prozent zu senken. Deutschland will bis 2012 rund 21 Prozent weniger CO2 ausstoßen als noch 1990.

Durchschnittlich wollen die Kyoto-Vertragsstaaten zunächst bis 2012 durchschnittlich 5,2 Prozent weniger Treibhausgase ausstoßen als im Durchschnitt des Jahres 1990. Sechs Treibhausgase werden in einem Zusatz zum Protokoll genannt: Kohlendioxid, Methan, halogenierte Fluorkohlenwasserstoffe (HFCs), Perfluorkohlenwasserstoffe (PFCs), Lachgas (Distickstoffmonoxid) und Schwefelhexafluorid.
Verschmutzung nach Ländern
AP/ NASA
Über den Handel mit Abgasrechten sollen Industrie und Energieerzeuger zu Einsparungen beim Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxids (CO2) gezwungen werden. Dafür wurde EU-weit das European Trading Scheme (ETS) eingeführt. Darin wird auch festgelegt, welche Regierungen wie viele Verschmutzungsrechte verteilen dürfen.

Die nationalen Regierungen teilen Energiesektor und Industrie diese Abgasrechte für jeweils eine Handelsperiode zu. In Deutschland erfolgte dies bislang gratis, künftig wird ein Teil der Zertifikate auch versteigert. Firmen, die mehr CO2 ausstoßen als erlaubt, müssen Strafe zahlen. Verkehr, Haushalte, Gewerbe, Handel und der Dienstleistungssektor müssen an dem System bislang nicht teilnehmen.
Verknappung und Handel
AFP
Fehlende Berechtigungen müssen an der Börse gekauft oder der CO2-Ausstoß muss über Modernisierungen entsprechend reduziert werden. Wer viel Treibhausgas einspart, kann mit dem Verkauf von Zertifikaten Geld verdienen.

Die geplanten Zuteilungen werden in Deutschland im sogenannten nationalen Allokationsplan (NAP) zugewiesen. Der erste NAP deckte die Handelsperiode von 2005 bis 2007 ab. Der NAP II läuft von 2008 bis 2012. Pro Jahr werden der Energiewirtschaft und der Industrie Emissionsrechte für 453 Millionen Tonnen CO2 zugestanden.

Kritiker fordern, dass die Zertifikate höchstbietend versteigert und nicht verschenkt werden sollen. Ebenso wird gefordert, weitere Quellen von Klimagasen in das System einzubeziehen, beispielsweise den Flugverkehr.