Klimawandel Waldrodung erwärmt Klima seit Jahrhunderten

Vor der Industrialisierung ausgestoßenes Kohlendioxid wirkt noch heute, berichten Forscher. Ihren Berechnungen zufolge trägt der CO2-Ausstoß von damals zu etwa neun Prozent zum heutigen Klimawandel bei.

Brandrodung im Amazonas (Archivbild von 2003): Große Mengen CO2 freigesetzt
DPA

Brandrodung im Amazonas (Archivbild von 2003): Große Mengen CO2 freigesetzt


Wenn Wald in Ackerland umgewandelt wird, setzt das Kohlendioxid frei. Der größere Teil der CO2-Emissionen vor der Industrialisierung geht auf die veränderte Landnutzung zurück. Das damals ausgestoßene Kohlendioxid trägt zu etwa neun Prozent zur heutigen Erderwärmung bei, berichten die Klimaforscher Julia Pongratz und Ken Caldeira von der unabhängigen Carnegie-Institution im Fachmagazin "Environmental Research Letters".

Bei Rodungen für Felder entstand das Treibhausgas Kohlendioxid einerseits unmittelbar - beim Verbrennen des Holzes. Aber auch die im Boden zurückgebliebene Kohle setzte noch über viele Jahrzehnte Kohlenstoff frei. In der Atmosphäre wirkt das vor dem Jahr 1850 freigesetzte CO2 noch immer, da Meere und Pflanzen es nur sehr langsam wieder aufnehmen.

"Die relativ geringen CO2-Mengen, die vor Jahrhunderten ausgestoßen wurden, beeinflussen unser Klima bis heute, wenn auch nur in relativ geringem Ausmaß", sagte Pongratz. "Aber der Blick in die Vergangenheit zeigt, dass der relativ große Ausstoß von heute die Atmosphäre und das Klima noch für viele Jahrhunderte prägen wird."

Die Wissenschaftler bezogen in ihre Berechnungen außerdem die Zunahme der Weltbevölkerung und deren Folgen ein. Zwischen den Jahren 850 und 1850 stieg die Zahl der Menschen um das Fünffache, was zu mehr CO2-Emissionen führte. Etwa um 1800 gab es zum ersten Mal eine Milliarde Menschen, heißt es bei der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung. Da China und Indien in diesem Zeitraum eine Bevölkerungsexplosion verzeichneten, gehen 20 bis 40 Prozent des gesamten CO2-Ausstoßes beider Nationen auf die vorindustrielle Zeit zurück, schreiben Pongratz und Caldeira.

Verteilung der Lasten des Klimawandels

Ihr Modell ist aus diesem Grund möglicherweise relevant für die politische Diskussion um die Verteilung der Lasten des Klimawandels: Bezieht man die vorindustrielle Zeit in die Berechnung ein, nimmt der Beitrag der Entwicklungs- und Schwellenländer zur Erderwärmung gegenüber den Industrienationen um zwei bis drei Prozent zu.

Bis zum Beginn der Industrialisierung um das Jahr 1850 war die CO2-Konzentration in der Atmosphäre recht konstant. Sie lag bei etwa 280 Molekülen Kohlendioxid in einer Million Luftteilchen (280 ppm; parts per million). Seitdem steigt der Wert beständig. Eine neue Höchstkonzentration von 400 ppm wurde nach Angaben der US-Wetterbehörde Noaa weltweit erstmals im Frühjahr 2012 in Alaska gemessen.

Ende 2011 teilte die Weltwetterorganisation mit, dass im Vorjahr so große Mengen Treibhausgas wie nie zuvor freigesetzt worden seien.

wbr/dpa

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