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CO2-Emissionen: Energieagentur warnt vor dramatischem Anstieg

Ohne China und Indien droht der Kampf gegen die Erderwärmung zu scheitern, warnt die Internationale Energieagentur. Die CO2-Emissionen würden ohne die beiden Länder bis 2030 um 57 Prozent steigen. Ein schwacher Trost: Deutschland könnte sein Kyoto-Soll schon dieses Jahr erfüllen.

London - Trotz weltweiter Bekenntnisse zum Kampf gegen den Klimawandel steigen Energieverbrauch und CO2-Emissionen in den kommenden Jahrzehnten dramatisch an, warnt die Internationale Energieagentur (IEA). Nur sofortige Maßnahmen und ein technologischer Wandel beispiellosen Ausmaßes könnten den verheerenden Trend stoppen. Zu diesem Befund kommt die IEA in ihrem am heutigen Mittwoch vorgestellten "World Economic Outlook 2007".

Ölförderung in China: Aufstrebende Schwellenländer verschlechtern CO2-Bilanz der Menschheit
REUTERS

Ölförderung in China: Aufstrebende Schwellenländer verschlechtern CO2-Bilanz der Menschheit

Ohne eine globale Kursänderung würde der Energiebedarf bis 2030 um mehr als 50 Prozent zunehmen, heißt es in der Studie. Knapp die Hälfte dieses Anstiegs werde von China und Indien verursacht. Wie diese beiden Staaten ihren immensen Energiehunger stillten, werde den Rest der Welt beeinflussen, sagte IEA-Direktor Nobuo Tanaka. China werde vermutlich noch in diesem Jahr und damit drei Jahre früher als erwartet die USA als größten CO2-Emittenten überholen. Niederländische Forscher hatten im Sommer die These aufgestellt, dass Chinas CO2-Ausstoß bereits 2006 über dem der USA gelegen hat.

Weil der Anteil fossiler Brennstoffe im globalen Energiemix unerwartet stark zunimmt, werden auch die CO2-Emissionen dramatisch steigen: bei einer Fortsetzung der derzeitigen Politik bis zum Jahr 2030 um 57 Prozent, warnte die IEA. "Der Klimawandel würde noch beschleunigt", sagte Tanaka in London, wo der Bericht vorgestellt wurde.

Selbst wenn alle Maßnahmen umgesetzt würden, die derzeit rund um den Globus in Erwägung gezogen werden, würden die Emissionen in gut zwanzig Jahren um ein Viertel höher sein als heute. Dabei müsste der jährliche CO2-Ausstoß im selben Zeitraum um vier auf 23 Gigatonnen gesenkt werden, um den durchschnittlichen Temperaturanstieg auf 2,4 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu beschränken.

Interaktive Grafik
Die 10 größten CO2-Emittenten
Der Weg dazu: Eine höhere Brennstoffeffizienz, die Umstellung auf Kernenergie und erneuerbare Energien sowie ein umfassendes Programm zur CO2-Speicherung in der Industrie. Damit dieses Stabilisierungsszenario Wirklichkeit werde, müssten "in allen Ländern drastische politische Aktionen ergriffen werden und bislang beispiellose technologische Fortschritte erzielt werden", heißt es in dem Bericht.

Kohleverbrauch explodiert

Anzeichen dafür sieht die IEA noch nicht: Obwohl sich schon führende Staats- und Regierungschefs verpflichtet haben, die Energienutzung zu ändern, verdüsterte sich der IEA-Ausblick im Vergleich zum Vorjahr. Vor allem mit dem nun prognostizierten enormen Anstieg des Kohleverbrauchs um 73 Prozent bis 2030 hat die Organisation zuvor nicht gerechnet. Grund dafür: Wegen der hohen Gas- und Ölpreise wird Kohle immer wettbewerbsfähiger.

Der Ölverbrauch wird sich in 20 Jahren um 37 Prozent erhöhen. Zwar reichten die Reserven in den kommenden Jahrzehnten aus. Aber ein Angebotsengpass bis 2015 mit einem abrupten starken Anstieg der Ölpreise " kann nicht ausgeschlossen werden", heißt es.

Die 1974 gegründete Energieagentur mit Sitz in Paris berät ihre 26 Mitgliedsstaaten in Energiefragen. Neben Australien, Kanada und den USA gehören ihr auch 19 europäische Staaten an. Der Schwerpunkt des diesjährigen Ausblicks liegt auf China und Indien.

Das starke Wachstum und der steigende Wohlstand in den beiden Ländern hätten zu einer erheblichen Verbesserung der Lebensqualität geführt, sagte IEA-Chef Tanaka. Er sprach von einem legitimen Bestreben, das vom Rest der Welt unterstützt werden müsse.

Gleichwohl mache das Auftauchen von zwei neuen Riesen auf dem Energiemarkt ein geschlossenes Handeln der Staatengemeinschaft umso dringender. "Die kommenden zehn Jahre sind entscheidenden für alle Länder. Wir brauchen einen radikalen Wechsel zu Investitionen in saubere und effizientere Technologien."

Gute Nachrichten aus Deutschland

Ein schwacher Trost angesichts der globalen Lage ist die Nachricht, dass Deutschland sein Klimaschutzziel nach dem Kyoto-Protokoll möglicherweise schon dieses Jahr erfüllt - fünf Jahre früher als geplant. Das zumindest prognostizierte die Organisation Germanwatch anhand des Rückgangs beim Energieverbrauch.

Germanwatch-Experte Christoph Bals sagte der Nachrichtenagentur AP, zu erwarten sei im laufenden Jahr ein Rückgang der Emissionen um mindestens drei bis vier Prozent und damit "mit ziemlicher Sicherheit die zugesagten 21 Prozent Reduktion gegenüber 1990". Nach dem Kyoto-Protokoll ist Deutschland verpflichtet, den Ausstoß von sechs Klimagasen von 1990 bis 2012 um 21 Prozent zu vermindern. Die letzte offizielle, bei den Vereinten Nationen erfasste Zahl sind 18,4 Prozent Rückgang bis zum Jahr 2005.

Allerdings reagierte selbst Bundesumweltminister Sigmar Gabriel zurückhaltend auf die Erfolgsmeldung: "Das will ich erst einmal sehen", sagte der SPD-Politiker. Andere Experten halten die Prognose für plausibel. "Es ist möglich", sagte Michael Strogies, beim Umweltbundesamt zuständig für die offizielle Meldung des deutschen Klimagasausstoßes an die Uno. Allerdings müsse man den Jahresabschluss abwarten. Würden die nächsten Monate extrem kalt, wäre auch die bislang positive Klimabilanz getrübt.

Hintergrund der Germanwatch-Prognose sind Zahlen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen, wonach der deutsche Energieverbrauch bis Ende September gegenüber dem Vorjahr um 7,5 Prozent zurückgegangen ist. Dabei sank der Verbrauch an Mineralöl um 10 Prozent, der an Erdgas um 11,6 Prozent. Werden weniger fossile Brennstoffe verfeuert, sinken auch die Emissionen. Gleichzeitig stieg wegen außergewöhnlich guter Windbedingungen die Produktion an Windstrom um knapp 60 Prozent.

Die positive Entwicklung 2007 ist allerdings laut Bals hauptsächlich Sondereffekten geschuldet: So trug der extrem milde Winter dazu bei, dass wenig geheizt wurde; wegen der Mehrwertsteuererhöhung Anfang des Jahres zogen viele Verbraucher ihren Heizölkauf ins Jahr 2006 vor. Die hohen Öl- und Gaspreise boten einen Anreiz zum Sparen.

hda/mbe/AP

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