CO2-Emissionen von Firmen Rangliste entlarvt Europas Klimasünder

Wer sind Europas Klima-Schmutzfinken, wer die Musterschüler? Eine britische Umweltorganisation hat erstmals ein Treibhausgas-Ranking der 300 größten Firmen des Kontinents aufgestellt. Nur ein einziges deutsches Unternehmen kam unter die saubersten zehn: die Deutsche Bank.

RWE-Kraftwerk Niederaußem: Klimasünder-Index mit 300 europäischen Firmen
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RWE-Kraftwerk Niederaußem: Klimasünder-Index mit 300 europäischen Firmen

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Die Menschen blasen immer mehr Treibhausgase in die Luft - aller Klimaschutz-Bemühungen zum Trotz. Wer allerdings wie viel ausstößt, ist längst nicht sicher. Zwar gibt es Zahlen über die CO2-Emissionen einzelner Staaten, doch in Zeiten global operierender Industrien wäre ein Ranking der Unternehmen mindestens ebenso interessant. Die britische Environmental Investment Organisation (EIO) hat jetzt versucht, eine solche Rangliste für Europa zu erstellen.

Der 42 Seiten starke Bericht mit dem Titel "Environmental Tracking Europe 300" listet die 300 größten Firmen des Kontinents nach deren sogenannter CO2-Intensität auf. Sie berechnet sich aus der Menge an ausgestoßenem Treibhausgas im Verhältnis zum Umsatz.

Die zentralen Ergebnisse des Reports, den SPIEGEL ONLINE vorab erhalten hat, lauten:

  • Die geringste CO2-Intensität erreicht laut EIO-Studie der britische Finanzdienstleiser Aviva mit einem jährlichen Ausstoß von 0,85 Tonnen Kohlendioxid pro einer Million US-Dollar Umsatz. Auf Platz zwei folgt die niederländische Versicherungsfirma Aegon mit einem Wert von 1,35.
  • Das klimafreundlichste deutsche Unternehmen ist demnach die Deutsche Bank mit einer CO2-Intensität von 4,68. Die nächstbeste deutsche Firma ist die SAP AG auf Platz 21 mit einem Wert von 12,69.
  • Das Unternehmen mit der größten CO2-Intensität ist laut Studie die Firma International Power. Der multinationale Stromkonzern mit Sitz in London stößt im Jahr rund 63,7 Millionen Tonnen CO2 aus - das macht 11.182 Tonnen pro einer Million Dollar Umsatz. International Power hat sich auf Anfrage nicht zu den Zahlen geäußert.
  • Bei der absoluten Menge an freigesetzten Treibhausgasen ist laut EIO-Report allerdings ein deutsches Unternehmen der größte Klimaverschmutzer Europas: Der Energiekonzern E.on emittiert pro Jahr 164,8 Millionen Tonnen CO2. Auf eine Million Dollar Umsatz kommen damit knapp 1300 Tonnen. E.on hat sich auf Anfrage nicht zu den Zahlen geäußert.
  • Noch CO2-intensiver arbeitet der Konkurrent RWE: Er kommt auf einen Wert von 2490 Tonnen und liegt mit einem Gesamtausstoß von 152 Millionen Tonnen pro Jahr nur knapp hinter E.on. Der Wert sei etwas zu hoch, erklärt RWE auf Anfrage: Die CO2-Intensität des Unternehmens liege bei 2343 Tonnen CO2 pro einer Million US-Dollar Umsatz. Ziel sei, den Wert nun deutlich zu senken: In 14 Jahren sollen bei RWE 30 Prozent der benötigten Energie aus Erneuerbaren Quellen stammen.
  • Noch CO2-intensiver als RWE arbeitet die HeidelbergCement AG. Sie ist laut EIO mit rund 3800 Tonnen CO2 pro Million Dollar Umsatz das CO2-intensivste deutsche Unternehmen und befindet sich auch in Europa unter den zehn Firmen mit der schlechtesten Bilanz. Nach eigenen Angaben betrug die CO2-Intensität pro Million US-Dollar Umsatz jedoch nur 3100 Tonnen CO2, erklärte die HeidelbergCement AG auf Anfrage.

Die Daten von HeidelbergCement seien nicht unabhängig geprüft worden, betonen die EIO-Experten. An dieser Stelle zeigt sich das größte Problem des Rankings: Die Daten sind teils schwierig erhältlich und nicht besonders leicht zu vergleichen. Die CO2-Rangliste krankt vor allem daran, dass viele Firmen keine Daten freigegeben haben: Nur 43 Prozent der Firmen hätten ihre Emissionen öffentlich gemacht und durch unabhängige Organisationen verifizieren lassen, räumt die EIO ein. 29 Prozent hätten ungeprüfte Daten veröffentlicht, 13 Prozent überhaupt nichts über ihre Emissionen verraten.

Überhaupt lassen sich Firmen unterschiedlicher Branchen nur schwer vergleichen: Dass etwa ein Zementhersteller deutlich mehr CO2 produziert als eine Bank, liegt im Wesen der Unternehmungen. Die hohe CO2-Intensität der Zementbranche erkläre sich vor allem mit den chemischen Prozessen bei der Produktion, betont ein Sprecher von HeidelbergCement. Für Zement wird Kalkstein (chemische Formel: CaCO3) verarbeitet, aus dem bei der Erhitzung im Herstellungsprozess CO2-Teilchen verdampfen. HeidelbergCement erforscht nach eigenen Angaben bereits neue Bindemittel, die Zement ersetzen könnten. Einstweilen werde jedoch vor allem der niedrige Preis pro Tonne Zement im Vergleich zu anderen Stoffen wie etwa Stahl oder Aluminium die CO2-Intensität hoch halten.

Nur direkte Treibhausgas-Emissionen erfasst

Eine weitere Unsicherheit der Rangliste rührt daher, dass sie nur direkte Treibhausgas-Emissionen umfasst und solche Emissionen, die aus dem Stromverbrauch der Unternehmen resultieren. Indirekte Emissionen - wie etwa das An- und Abliefern von Produkten und Materialien, die Abfallbeseitigung oder die Reisen der Angestellten sind nicht in die Auswertung eingeflossen. Sie aber könnten enormen Einfluss auf die Rangliste haben, wie die EIO einräumt - insbesondere auf das Abschneiden der Finanzunternehmen, die derzeit neun der zehn Top-Plätze auf der Liste einnehmen.

Selbst der Vergleich zwischen den Firmen, die verifizierte Daten veröffentlicht haben, gestaltet sich knifflig. "Das Berichtswesen ist extrem inkonsistent", sagt Sam Gill, geschäftsführender EIO-Direktor. Manche Firmen berichteten für ein Kalenderjahr, andere für ein Bilanzjahr. Hinzu komme das Problem der Aktualität: Der größte Teil des Rankings basiert auf Zahlen von 2009, manche Unternehmen haben aber auch schon Daten für 2010 veröffentlicht.

Dennoch hält Gill den Bericht seiner Organisation für einen wertvollen Beitrag: "Er zeigt nicht nur die Emissionen, sondern auch den Grad der Offenheit der Unternehmen." Das Ziel sei eine Steigerung der Transparenz und die Schaffung einer Grundlage für Börsen-Indizes, die Investoren eine Möglichkeit geben könnten, den Klimawandel aktiv zu bekämpfen.

Zudem hofft Gill auch auf die Wirkung der CO2-Rankings auf das Image der Unternehmen: Je mehr Firmen ihre Daten veröffentlichten, desto größer werde der Druck auf alle anderen. Gill: "Die Öffentlichkeit kann die Emissionsdaten in einem verständlichen Format abrufen und so erkennen, wer die Anführer und wer die Bummler sind."

Mitarbeit Axel Bojanowski

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insgesamt 206 Beiträge
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spiegel-ecom 26.04.2011
1. Kosmetik
Da musste der Artikel "Schuldenkrise: Griechenland schockiert mit Riesendefizit" offenbar aber ganz schnell von der Toppschlagzeile auf die ganz hinteren Ränge verbannt werden! Wer hat denn da interveniert?
MasterMurks 26.04.2011
2. Nö.
Wer auch immer eine solche "Studie" veröffentlicht (die Anführungszeichen müssen sein, schließlich ist aufaddieren von kWh keine Forschung) hat wohl den Knall nicht gehört: Wer allen Ernstes glaubt, man könne Banken, Versicherungen und Dienstleister auf Kohlendioxidbasis mid Energieversorgern, Chemieunternehmen und Zementherstellern vergleichen, der glaubt auch, dass Strom aus der Steckdose und die Milch aus dem Supermarkt kommt!
der andere 26.04.2011
3. Aha
Zitat von sysopWer sind Europas Klima-Schmutzfinken, wer die Musterschüler? Eine britische Umweltorganisation hat erstmals ein Treibhausgas-Ranking der 300 größten Unternehmen des Kontinents aufgestellt.*Für die deutsche Wirtschaft fällt die Bilanz*schlecht aus: Nur eine Firma kam*unter die*saubersten zehn. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,758600,00.html
Na watt ne Erkenntnis! Versicherungsfirmen mit Stromproduzenten vergleichen - dann kann ich auch Dieselpreise an den Tankstellen mit Ritter Sport Schokolade vergleichen... Was soll uns der Artikel sagen, dass Kohle verbrennen mehr CO2 erzeugt, als Versicherungsvorschläge zu mailen... Super Schlußfolgerung und unbedingt gut zu wissen!
soisses1 26.04.2011
4. Wer
hätte das gedacht? Und wieviele Tonnen CO2 wurden zur Anfertigung dieser Studie emittiert? Da kann ich nur noch http://www.nucleostop.de/Die_Losung/die_losung.html empfehlen. Gibt es sicher auch für Strom aus Kohle ...
tellerrandgucker 26.04.2011
5. Au weia!
Wer hat denn diese alberne Studie in Auftrag gegeben? Und vor allem: wer hat dafür bezahlen müssen? Tolles Ergebnis! Ich hätte auch prognostizieren können, dass ein Zementwerk mehr CO2 in die Atmosphäre pustet als eine Bank. Vielleicht sollte man mal ein Ranking eröffnen, dass den sinnlos-Wert von in Auftrag gegebenen Studien misst. Zum Kopfschütteln.
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