CO2-Speicher im Meer Teures Seegrab für den Klimakiller

Um Kohlendioxid von der Atmosphäre fernzuhalten, kann man es einfach im Meer einlagern - diese Idee wird inzwischen auch in Deutschland ernsthaft geprüft. Experten warnen vor den Risiken. Und vor immensen Kosten für die Stromkunden.

Von Gerd F. Michelis


Die Idee klingt einfach: Um den Treibhauseffekt zu bremsen, könnte Kohlendioxid schon bei der Entstehung abgetrennt und tief unter dem Meer endgelagert werden. Dieses Szenario hat zuletzt immer mehr Freunde gefunden - unter ihnen seit Neuestem auch die Unterzeichnerstaaten der London Convention, eines internationalen Abkommens zur Regelung der Abfallstoff-Verklappung in den Ozeanen. In einem Zusatzvertrag ist seit Anfang November die CO2-Versenkung unter dem Meer erlaubt. Ein Beschluss, der gar nicht jedem gefiel.

"Bedauerlich" nannte zum Beispiel der japanische Wirtschaftsforscher Akihiro Amano die Entscheidung. Denn nun werde auch seine Regierung eine Gesetzesänderung auf den Weg bringen, die es ermögliche, Kohlendioxid unter japanischen Gewässern einzulagern - in einem der tektonisch aktivsten Gebiete dieser Erde.

Dem neuen Beschluss zufolge darf das Treibhausgas zum Beispiel in den porösen Sandstein oder in salzwasserführende Gesteinsschichten unterhalb der Ozeane gepresst werden. Diese Aquifere sind unter dem Pazifik und dem Japanischen Meer nicht nur zahlreich, sondern auch in großer Ausdehnung und hinreichender Tiefe vorhanden.

"Besonders für küstennahe Kraftwerksbetreiber wäre es wirtschaftlich sinnvoll, diese salinen Aquifere zu nutzen", sagte Amano, der das japanische Umweltministerium berät. "Die Transportwege zur Küste wären kurz, und Pipelines, die das abgeschiedene und aufgefangene CO2 in den Untergrund befördern, müssten nicht sehr lang sein." Nach Schätzungen des Wirtschaftsministeriums in Tokio könnten in den Aquiferen vor Japan rund 150 Milliarden Tonnen Kohlendioxid gespeichert werden. Das entspricht etwa dem Hundertfachen der jährlichen CO2-Emissionen Japans.

Warnung vor enormen Kosten

Den verlockenden wirtschaftlichen Aspekten hält Amano allerdings Warnungen vor horrenden Kosten und austretendem CO2 entgegen. Sollte das gespeicherte Kohlendioxid wirklich wieder in die Atmosphäre entweichen, wäre die Menge zwar wohl zu gering, um die globale Erwärmung deutlich zu beschleunigen, sagt der Wissenschaftler. "Sie könnte allerdings groß genug sein, um im betroffenen Meeresgebiet schwere Schäden an Tier- und Pflanzenwelt zu verursachen." Dass CO2-Ausgasungen am Tiefseeboden der Tierwelt erheblich schaden können, haben deutsche Forscher schon herausgefunden.

Salz-tektonische Strukturen Nordostdeutschlands: Die "Struktur Schweinrich" ist ein potentieller CO2-Speicher
BGR

Salz-tektonische Strukturen Nordostdeutschlands: Die "Struktur Schweinrich" ist ein potentieller CO2-Speicher

Dennoch wird die Kohlendioxid-Speicherung unter dem Meer nicht nur im Fernen Osten, sondern auch in Deutschland ernsthaft diskutiert. "Aquifer-Speicher haben auch unterhalb der Ozeane das grundsätzliche Potential, CO2 sicher zu lagern", sagt Manfred Fischedick vom Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie zu SPIEGEL ONLINE.

Der norwegische Ölkonzern Statoil zum Beispiel hat schon von 1996 bis 2004 Kohlendioxid aus der Förderung im Sleipner-Erdgasfeld in eine poröse Sandsteinformation unter der Nordsee geleitet. Rund acht Millionen Tonnen des Treibhausgases lagern dort in 1000 Metern Tiefe. Nach Angaben der Projektpartner ist bisher kein Kohlendioxid entwichen.

Vor den deutschen Küsten sind laut Franz May von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) keine CCS-Projekte in Planung. CCS steht für "Carbon Capture and Storage" - jene Technologie, bei der Kohlendioxid bereits während des Produktionsprozesses abgetrennt, aufgefangen und endgelagert wird. Dennoch wird auch in Deutschland intensiv an der Technologie geforscht.

Unter den derzeit diskutierten Strategien zur Senkung der CO2-Emissionen sei CCS "eine Option", sagte Ludwig Stroink vom Geoforschungszentrum Potsdam. Er sieht in Deutschland eine ganze Reihe potentieller CO2-Endlager. "Nach bisherigem Kenntnisstand bieten sich poröse Sandsteinschichten in einer Tiefe von mehr als 1000 Metern und salzwasserführende Gesteinsschichten an."

Geheimniskrämerei bei der Standortsuche

Allerdings seien noch umfangreiche Forschungs- und Entwicklungsarbeiten notwendig, um die CCS-Technologie ökologisch und ökonomisch umfassend bewerten zu können. Dazu gehören etwa Risikoanalysen über eine mögliche Ausbreitung des Kohlendioxids in süßwasserhaltige Grundwasserleiter, woraufhin das Wasser versauern oder durch Schwermetalle kontaminiert werden könnte.

Bei einem von der EU mitfinanzierten Projekt namens CO2STORE forschen gleich 19 Teilnehmer aus Forschung und Industrie, darunter die Mineralölkonzerne BP, Total, Exxon und Statoil sowie der Stromkonzern Vattenfall, an der CCS-Technologie. Die BGR mit Sitz in Hannover hat für das Projekt die Fallstudie "Schwarze Pumpe" angefertigt, benannt nach dem gleichnamigen Braunkohlekraftwerk in der Lausitz. Das Ziel: unterirdische CO2-Speicherpotentiale in Nordostdeutschland aufzuspüren. Dies sei gelungen, sagt BGR-Mann May. Man habe mehrere "große Strukturen" mit einer Kapazität von vermutlich mehr als 400 Millionen Tonnen identifiziert.

"Allerdings sind Unternehmen, die CO2-Speicherprojekte angekündigt haben, mit Informationen zur Standortsuche sehr zurückhaltend", sagt May. Aus gutem Grund: Der Wettbewerb um die größten und besten unterirdischen Lagerstätten ist entbrannt. So schnappte eine deutsche Gasprom-Tochter den Kohlendioxid-Entsorgern die geologisch vielversprechende "Struktur Schweinrich" in Mecklenburg-Vorpommern vor der Nase weg. Kaum waren entsprechende Untersuchungsergebnisse veröffentlicht, beantragte das Unternehmen an der Stelle die Einrichtung eines Erdgasspeichers.

Ein Stolperstein namens Strompreis-Erhöhung

Der Segen durch die CCS-Technologie ist bisher nur ein Versprechen auf dem Papier. Ihrer Einführung dürften vor allem politische und wirtschaftliche Zwänge im Wege stehen. Denn zum einen ist keineswegs geklärt, ob geologische CO2-Speicherungen überhaupt auf die Emissionen eines Landes angerechnet werden - und damit zur Erfüllung des Kyoto-Protokolls beitragen.

Zum anderen wird die CO2-Versenkung nach heutigem Stand enorm ins Geld gehen. Eine Statoil-Dokumentation beziffert die jährlichen Betriebskosten für die CO2-Einspritzungen in die Sandsteinformation beim Sleipner-Erdgasfeld auf umgerechnet etwa 6,6 Millionen Euro. Dabei ging es um eine Million Tonnen CO2 pro Jahr - das relativ moderne Kraftwerk "Schwarze Pumpe" stößt etwa zehn Mal so viel aus.

"Mit der CO2-Abtrennung, dem Transport und der Speicherung erhöhen sich die Produktionskosten von Strom im Kraftwerk signifikant", sagt der Wuppertaler Forscher Fischedick. Nach heutigen Schätzungen liege die Steigerung je nach technischem Fortschritt zwischen 50 und 80 Prozent.

Für den privaten Stromkunden dürfte das nicht ohne Folgen bleiben, sagt Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. "Die Stromkosten für den Endverbraucher könnten sich um 40 bis 100 Prozent erhöhen."



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