Forscher über Gentechnik-Urteil "Als würde man Schrotflinten erlauben, aber Skalpelle verbieten"

Der Europäische Gerichtshof hat Pflanzen als Genfood eingestuft, die Züchtungen gleichen. Hier erklärt der deutsche Biochemiker Holger Puchta, warum das ein Fehler war.

Siegel "ohne Gentechnik"
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Siegel "ohne Gentechnik"

Ein Interview von


Zur Person
  • Karlsruher Institut für Technologie
    Holger Puchta, 57, ist Geschäftsführender Direktor des Botanischen Instituts am Karlsruhe Institute of Technology (KIT).

SPIEGEL ONLINE: Am Mittwoch hat der EuGH entschieden: Pflanzen, deren Erbgut mit der neuen Crispr-Methode verändert worden sind, gelten fortan als Genfood. Hat Sie das überrascht?

Puchta: Ja, im Vorfeld gingen die Zeichen in die entgegengesetzte Richtung. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass die neuen Crispr-Methoden ein Risiko darstellen könnten. Ich bin enttäuscht. Auch die Pflanzenzüchter machen lange Gesichter.

SPIEGEL ONLINE: Das Urteil ist ja kein Verbot. Es fordert bloß Transparenz im Supermarkt durch die Kennzeichnung gentechnisch veränderter Produkte, damit die Kunden entscheiden können.

Puchta: Das sagen Sie so einfach. Wie wollen Sie erkennen, ob eine Pflanze durch herkömmliche Züchtung oder mit Crispr entstanden ist? Es gibt keinerlei Möglichkeit, das zu überprüfen, denn schon die natürlichen Mutationen, die auf dem Acker auftreten, sind sehr viel zahlreicher als die hochpräzisen Eingriffe mit Crispr. Hier wird ohne empirische Belege operiert.

Das Wichtigste zum Crispr-Gentechnik-Urteil
Worüber wurde entschieden?
Werden Pflanzen mit moderner Gentechnik verändert, lassen sie sich nicht mehr von Züchtungen unterscheiden. Strittig war deshalb, ob diese Pflanzen unter das strenge Gentechnikrecht fallen oder - wie Züchtungen - frei angebaut und als Lebensmittel verkauft werden dürfen.

Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat nun entschieden, dass diese Pflanzen, wie alle anderen gentechnisch veränderten Pflanzen auch, streng reguliert werden müssen. Das Urteil ist allerdings umstritten, weil in der Züchtung bereits andere Verfahren erlaubt sind, bei denen das Erbgut auf ähnliche Weise verändert wird. So dürfen Pflanzen etwa radioaktiv bestrahlt oder mit Chemikalien behandelt werden.
Wie unterscheidet sich die neue Technik von Züchtungen?
Ausgangspunkt ist bei beiden Verfahren ein Schnitt in der DNA. Natürlicherweise entstehen sie beispielsweise durch Sonnenstrahlen. Züchter nutzen mitunter Strahlung oder Chemikalien, um die DNA an vielen verschiedenen Stellen im Erbgut per Zufallsprinzip zu schneiden. In der neuen Gentechnik erzeugen Genscheren die Schnitte gezielt.

Ist der Schnitt gesetzt, passt in Natur, Züchtung und Gentechnik exakt das gleiche: Die Zelle versucht, den Schaden zu reparieren. Das ist ein natürlicher Mechanismus, der allerdings nicht perfekt funktioniert. So kann es passieren, dass die Zelle an der Bruchstelle eine oder mehrere falsche Basen in den DNA-Strang baut. Diese Schreibfehler reichen aus, um die Funktion ganzer Gene abzuschalten oder zu verändern. Pflanzen mit neuen Eigenschaften entstehen.
Was ist der Unterschied zu alten Gentechnikverfahren?
Vor der Entwicklung neuer Genscheren wie Crispr war Gentechnik mit größeren Eingriffen ins Erbgut verbunden. Ganze Gene wurden entfernt oder stillgelegt sowie zum Teil artfremde Informationen eingebaut. Der Eingriff hinterließ stets Spuren in der Zelle, sodass die Organismen eindeutig als gentechnisch verändert zu erkennen waren.

Mit den neuen Genscheren ist das anders. Es ist möglich, dass die Schere das Erbgut nur schneidet. Die Zelle versucht diesen Schnitt dann zu reparieren, wobei Fehler entstehen. Solche Mutationen kommen auch natürlich in Pflanzen vor, nur dass hier keine Schere die DNA schneidet, sondern zum Beispiel Sonnenstrahlen.

Weil Genscheren keine Spuren im Erbgut hinterlassen, unterscheiden sich mit ihnen behandelte Pflanzen schließlich nicht von natürlich mutierten oder gezüchteten Exemplaren. Die Kontrolle ist daher schwierig.

Zwar lassen sich mit Genscheren auch fremde Gene ins Erbgut einbauen, um solche Pflanzen ging es im Urteil aber nicht.
Wie gefährlich sind die Pflanzen?
Gentechnikgegner warnen vor unvorhersehbaren Risiken und berufen sich auf das Vorsorgeprinzip, nach dem Schäden für die Umwelt im Voraus vermieden werden sollen.

Wissenschaftler argumentieren dagegen, dass nach dieser Interpretation des Vorsorgeprinzips auch Zuchtpflanzen nicht ohne Weiteres angebaut und gegessen werden dürften.

In ihnen finden durch den Einsatz von Strahlung oder Chemikalien mitunter deutlich mehr Mutationen statt, noch dazu völlig unkontrolliert. "Aus meiner Sicht haben die neuen Methoden keine anderen Risiken als herkömmliche Züchtungsmethoden", sagt etwa Goetz Hensel vom Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung in Gatersleben in Sachsen-Anhalt.
Was hat es mit den Risikowarnungen auf sich, die es zuletzt zu Crispr gab?
Anfang Juni 2018 machten Schlagzeilen die Runde, dass Crispr unsicherer sei, als bislang vermutet. Dahinter steht eine Studie an menschlichen Netzhautzellen. Forscher hatten untersucht, inwiefern es hier durch Crispr zu Mutationen im Genom kommt, die gar nicht eingeplant waren. Das ist wichtig für die Sicherheit möglicher Therapien am Menschen.

Für die Sicherheit von mit Crispr behandelten Pflanzen spielt es dagegen keine Rolle. In der Pflanzenzucht haben sich bereits Pflanzen mit deutlich mehr Mutationen als sicher erwiesen. Diese essen wir seit Jahrzehnten.
Wie schätzt Crispr-Erfinderung Charpentier die Technik ein?
In sozialen Medien kursiert das Gerücht, Emmanuelle Charpentier, eine der Erfinderinnen der Genschere Crispr, plädiere für eine strenge Regulierung der Technik. Das gilt allerdings nur im Zusammenhang mit dem Einsatz am Menschen. So rät Charpentier beispielsweise bei Genveränderungen in menschlichen Embryonen zur Vorsicht.

Beim Einsatz von Crispr in der Pflanzenzucht ist das anders. Das EuGH-Urlaub bezeichnete Charpentier im Interview mit "ZEIT ONLINE" als "eine verpasste Gelegenheit". "Die Technologie ist viel genauer als bisherige Verfahren und sehr sicher", sagte sie und verwies auf die Möglichkeit künftig Pflanzen herzustellen, die auch in sehr trockenen oder zu feuchten Gebieten wachsen.

SPIEGEL ONLINE: Aber in der Abschätzung der Risiken gilt ja das Vorsorgeprinzip, nach dem Schäden für den Menschen und die Umwelt im Voraus vermieden werden sollen. Wie soll man das empirisch bewerten können?

Puchta: In der herkömmlichen Züchtung werden seit Jahrzehnten viel tief greifendere Eingriffe in das Pflanzenerbgut vorgenommen, indem durch Chemie oder Strahlung eine Vielzahl zufälliger Mutationen ausgelöst wird. Jedes erwünschte Züchtungsziel wird dann meist begleitet von allerlei anderen Genveränderungen, die unerwünscht sind. Crispr dagegen löst ebenfalls Brüche im Erbgut aus, das aber sehr präzise. Das Urteil klingt so, als wenn die Richter eine Schrotflinte erlauben, aber ein Skalpell verbieten wollen.

SPIEGEL ONLINE: Viele begrüßen das Urteil, wie beispielsweise Bundesumweltministerin Svenja Schulze.

Puchta: Bei Umweltschützern wird bald auch ein Umdenken stattfinden, wenn deutlicher wird, dass man mit den neuen Crispr-Methoden die Umwelt schonen kann, etwa mit Mais, der hitzeresistent ist oder durch Weizen, der weniger Dünger und Pestizide braucht und damit die Umwelt schont.

SPIEGEL ONLINE: Aber stärken die neuen Methoden nicht bloß Saatgutkonzerne?

Puchta: Im Gegenteil, die neuen Methoden sind schnell, billig, innovativ und gut für kleine Saatgutfirmen und junge Start-ups geeignet. Durch die komplizierten Auflagen werden diesen Unternehmen jetzt die Chancen zur Forschung und Entwicklung genommen.

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noalk 26.07.2018
1. Der EuGH hat weder verboten noch erlaubt
"Das Urteil klingt so, als wenn die Richter eine Schrotflinte erlauben, aber ein Skalpell verbieten wollen." - - - Der EuGH, die Judikative, hat festgestellt, dass das derzeitige Recht, gemacht von der Legislative, auf den Sachverhalt angewendet werden muss und dieses Urteil bedingt. Eine gegenteilige Entscheidung wäre dann wohl einer Rechtsbeugung gleichgekommen. Nicht der EuGH ist hier zu kritisieren, sondern die Legislative, im Prinzip also die Politik. So funktioniert nun mal die Rechtsstaatlichkeit.
drehtuere 26.07.2018
2. Die Rechtsprechung ist nicht das Problem
Es ist nicht das Problem des Gerichts, wenn die politische Debatte seit Jahren forschungsfeindlich geführt wurde. Selbstverständlich sind "klassische" Züchtungsmethoden - Pflanzen mit Radioaktivität zu bestrahlen oder mit Chemikalien zu malträtieren - am Ende gefährlicher als der gezielte Einsatz con Cripr/Cas. Aber es ist nicht Aufgabe des EuGH das aufzulösen, sondern es wäre seit Jahren Aufgabe der Politik gewesen. Wenn nun alle im Handel sich befindlichen Lebensmitteln als "kann GVO enthalten" gekennzeichnet werden müssen, schlicht weil analytisch das nicht anders nachgewiesen werden kann, dann hat die Anti-Gentechniklobby ihr Ziel erfolgreich verfehlt. Zur juristischen Aufarbeitung sei im Übrigen der Kommentar von Felix Beck empfohlen: https://www.lto.de/recht/hintergruende/h/eugh-c-528-16-genschere-crispr-mutagenese-freistzungsrichtlinie/
strixaluco 26.07.2018
3. Schnell und billig und zum Geldverdienen...
... Das sagt leider sehr viel darüber aus, wofür diese Technik wirklich so begehrt ist. Ich will nicht sagen, dass man damit nicht auch viel Sinnvolles tun kann - aber bei einem so mächtigen Werkzeug ist Kontrolle angesagt. Es stimmt nicht, das CRISPR/CAS quasi nur Dinge macht, die natürlicherweise auch passieren. Man kann damit alles Mögliche einschleusen. Sonst wäre die Technik überhaupt nicht interessant. Natürliche Evolution hat Pfade, die durch die genetische Grundausstattung einer Art beschränkt sind, es gibt quasi Berge und Schlichten, die nicht einfach überschritten werden können. Mit dieser Methode kann man sie einfach überspringen oder wegsperren - und weil jede Art in der Natur bis zu tausende ökologische Interaktionspartner haben kann, sind die Konsequenzen bei allem, was in der Natur freigesetzt wird, sehr schwer absehbar. Eingeführte Tiere, Pflanzen und Pilze von anderen Kontinenten, die auch eine lokal untypische Genausstattung haben, richten oft schon genug Schaden an! In der Landwirtschaft geht die Gentechnik ausserdem am Problem vorbei. Hier in Europa haben wir sinnlose, naturzerstörende Überproduktion, die zu einem ruinösen Preisverfall geführt hat. In Entwicklungsländern sind die Hauptprobleme der Landwirtschaft politische Konflikte, wirtschaftliche Strukturen (schlechtes, zu kleinstückuges Land für Arme, riesige, fruchtbare Ackerflächen gekapert von Grossexporteuren von Tierfutter, Palmöl, Bananen, Kaffee, Kakao etc., deren Produktion und Gewinn in Industrieländer geht) und Bildunfsmängel (Anbautechnik, standortgerechte Sortenwahl, Grundlagen von Tierhaltung-und Zucht). An widrige Bedingungen angepasste Kulturpflanzen gibt es eigentlich reichlich, man muss eben wissen, was man wo wie am besten anbauen kann. Armen Leuten "Superpflanzen" verkaufen zu wollen ist naiv und kontraproduktiv. Die Leute brauchen etwas, dass sie einfach selbst weiter ziehen können, keine Industrieprodukte und keine Bevormundung.
aliof 26.07.2018
4. Genau !
Das Urteil ist ja kein Verbot (.. wie Sie Ihre 2. Frage einleiten..) Nähers wird der gesellschaftliche Diskurs der kommenden Jahre ergeben, und gesetzliche Präzisierungen. - Nutzen wir die kleine Bremse , zum Nach- und Vordenken !!! Denn die anstehenden Umwälzungen werden das , was wir mit dem Internet erleben , noch in den Schatten stellen. Von witzigem Konsum über hilfreiche Entwicklungen bis hin zu sehr gefährlichen Anwendungen. Leider gibt es das so nirgendwo sonst auf der Welt . Ganz im Gegenteil .
DrStrang3love 26.07.2018
5.
Das Urteil des EuGH ist eine Katastrophe, weil es nicht auf Fakten basiert, sondern auf gefühlten Wahrheiten, die einer kritischen Betrachtung keine Sekunde lang standhalten. Die Gentechnikkritiker haben die Richter und die Verbraucher mit panikmachenden Halbwahrheiten geblendet, die uns weismachen wollen, dass die mit gezielten gentechnischen Verfahren erzeugten Pflanzen in irgendeiner Form unsicherer sind, als die auf herkömmliche Weise – nämlich mittels Radioaktivität und krebserregender Chemikalien – zur wahllosen Mutation gebrachten "gezüchteten" Sorten. Das Postfaktische hat wieder einmal gewonnen.
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