EuGH-Entscheidung Wann ist eine Gentechnik-Pflanze eine Gentechnik-Pflanze?

Mit moderner Gentechnik lassen sich unerkannt Mutationen in Organismen einschleusen, die auch natürlich auftreten. Der Europäische Gerichtshof muss nun entscheiden, ob so veränderte Pflanzen unter das Gentechnik-Gesetz fallen.

Gentechnisch veränderter Maiskolben auf einem Feld (Archiv)
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Gentechnisch veränderter Maiskolben auf einem Feld (Archiv)


Eine Weizensorte, die gegen die gefürchtete Pilzkrankheit Mehltau resistent ist oder stressresistente Maispflanzen: An der Entwicklung solcher und vieler anderer Kulturpflanzen arbeiten derzeit zahlreiche Pflanzenforscher. Viele nutzen dazu ein molekulares Werkzeug, das sich seit einigen Jahren in rasantem Tempo in den Labors rund um die Welt verbreitet: Crispr/Cas9, kurz Crispr.

Mit der Genschere ist es möglich, das Erbgut - und damit die Eigenschaften von Pflanzen und anderen Lebewesen - schneller, günstiger und präziser zu verändern als bisher. Viele Forscher sehen enormes Potenzial in der Technologie. Das Besondere: Die Schere hinterlässt außer der von ihr durchgeführten Veränderungen keine Spuren im Erbgut. Werden mit Crispr also Mutationen eingefügt, die auch natürlich auftreten können - etwa durch Züchtung - lässt sich im Nachhinein nicht mehr sagen, welche Methode angewendet wurde.

Gentechnik-Kritiker fürchten deshalb, dass mit Crispr eine Vielzahl gentechnisch veränderter Pflanzen geschaffen, schlimmstenfalls unkontrolliert angebaut und letztlich den Verbrauchern unwissentlich untergejubelt werden könnten.

Beide Seiten warten derzeit mit Spannung auf ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH), der die entscheidende rechtliche Bewertung von entsprechenden Organismen liefern soll, die mit Crispr und vergleichbaren Techniken erzeugt wurden. Die Entscheidung wird in den kommenden Monaten erwartet.

Gentechnisch veränderter Organismus oder normale Zuchtpflanze?

Die Frage ist: Handelt es sich in den zur Debatte stehenden Fällen um gentechnisch veränderte Organismen (GVOs), die unter die strengen Auflagen des europäischen Gentechnikrechts fallen? Sie müssten in diesem Fall unter anderem ein Zulassungsverfahren durchlaufen und gekennzeichnet werden.

Oder sind viele Crispr-Produkte keine GVOs, weil sie nicht zu unterscheiden sind von Pflanzen, die natürlich entstanden sind oder mit konventionellen Züchtungsmethoden erzeugt wurden? In diesem Fall dürften sie ohne spezielle Prüfung und Kennzeichnung in den Verkehr und auf den Markt gebracht werden.

Der Generalanwalt des EuGH, Michal Bobek, legte im Januar dieses Jahres eine Stellungnahme zur rechtlichen Bewertung der Verfahren vor. Darin heißt es unter anderem, dass mit Crispr und vergleichbaren Verfahren erzeugte Organismen nicht als gentechnisch verändert anzusehen sind, solange die vorgenommenen Veränderungen auch auf natürliche Weise entstanden sein könnten.

Zu einem ganz anderen Schluss kommt der Rechtsfachmann Ludwig Krämer. Er hat sich im Auftrag von Testbiotech - einer gentechnik-kritischen Lobbyorganisation - mit der Stellungnahme befasst. Seiner Ansicht nach fallen die neuen Verfahren sehr wohl unter den Geltungsbereich der EU-Freisetzungsrichtlinie, welche die Zulassung gentechnisch veränderter Organismen regelt. Pflanzen und Tiere, die damit verändert wurden, müssten in einem Zulassungsverfahren auf Risiken untersucht werden.

"Fallweise entscheiden"

"Mit der hohen Präzision der Crispr-Technologie ist ein wesentlicher Schritt erreicht, den Pflanzenzüchtung schon immer angestrebt hat", sagt Ralf Wilhelm, Leiter des Fachinstituts für die Sicherheit biotechnologischer Verfahren bei Pflanzen am Julius-Kühn-Institut. Man könne damit Züchtungsziele wie Krankheits- und Schädlingsresistenz oder eine erhöhte Widerstandsfähigkeit gegen Nässe oder Trockenheit erreichen - und zwar wesentlich schneller und günstiger als je zuvor.

Hinsichtlich einer rechtlichen Bewertung der Verfahren hält sich Wilhelm allerdings bedeckt. "Wir würden von wissenschaftlicher Seite keinen Sinn darin sehen, zwei Organismen, die völlig gleich sind, rechtlich unterschiedlich zu bewerten." Allerdings müsse man fallweise entscheiden und die Art der jeweiligen Veränderung berücksichtigen.

"Das ist ein Werkzeug, eine Methodik, die in vielen Zusammenhängen einsetzbar ist", so Wilhelm. So können mit Crispr etwa auch mehrere Gene gleichzeitig stillgelegt werden oder neue Genbausteine eingefügt werden - von der eigenen wie von fremden Arten. Vor allem wenn fremde Gene eingefügt würden, bedürfe es nach dem Gentechnikrecht einer umfassenden Sicherheitsprüfung der resultierenden Produkte, sagt Wilhelm. Das bei solchen größeren Eingriffen das Gentechnik-Gesetz greift, ist allerdings auch unstrittig.

So funktioniert Crispr in der Pflanzenzucht

Die Genschere Crispr kann Gene, die für eine bestimmte Eigenschaft der Pflanze verantwortlich sind, gezielt ansteuern. Der Genstrang wird an der entsprechenden Stelle geschnitten und dann vom zelleigenen Reparatursystem wieder zusammengefügt. Da die Reparatur nicht immer perfekt verläuft, wird das Gen dabei unter Umständen verändert, zum Beispiel ausgeschaltet. An der Schnittstelle können auch neue Gene eingefügt werden.

Die resultierende Pflanze unterscheidet sich nur in einem oder wenigen genetischen Bausteinen von der Ausgangspflanze. Solche Mutationen, die zur Stilllegung von Genen führen können, treten natürlicherweise ständig auf und führen zu zufälligen Veränderungen des Pflanzen-Erbguts. Klassische Züchtungsmethoden, etwa die Bestrahlung, erhöhen die Mutationsrate ebenfalls künstlich, um dem Zufall auf die Sprünge zu helfen und schneller eine gewünschte Veränderung im Erbgut und den Eigenschaften der Pflanze hervorzurufen.

Ob der Europäische Gerichtshof der Linie seines Generalanwalts folgt, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Sollten mit Crispr und vergleichbaren Methoden eingefügte Genveränderungen, die auch natürlich auftreten können, als Gentechnik gelten, bleibt die Frage, wie das kontrolliert werden soll. Weder in Genanalysen noch äußerlich sieht man diesen Pflanzen an, ob sie natürlich oder künstlich mutiert sind.

jme/dpa



insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
Waldschrat22393 05.03.2018
1. Überfällig wird das Schreckgespenst linker Aktivisten
der genveränderten Organismen auf die Spitze der Absurdität gebracht. Wenn ein GVOrganismus sich nicht von einem züchterisch oder natürlich entstandenen Unterscheidet, warum sollte man ihn dann legitim anders behandeln? HIer läßt der Autor vermissen, das man schon unterscheiden muß zwischen Arttypischen Veränderungen im Sinne einer Mutation und der Implantation von z.Bsp. Schnecken-DNS in Mais-DNS, was in der Natur vermutlich eher die Ausnahme sein dürfte. Es kann vorkommen - Viren die beide Arten infizieren können das. In welchem Umfang das in der Natur vorkommt kann aber (bisher) niemand beziffern. Auch wir tragen ja diverse DNS Abschnitte mit Virusinformationen in uns herum (Herpes Durchsäuchung ca. 95%, Papilloma, etc.) ohne gleich zu Zombies zu werden. Ich denke, dass man nur den zweiten Fall als "genverändert" bezeichnen kann. Also alles, was züchterisch und durch Zufall nicht entstehen kann. Das werden die Patentanwälte sicherlich nicht gern hören, aber das Beispiel der Patentierung von Genen die zu besonders fetten Schweinen führen (Monsanto) zeigt die Grenzen auf. Diese Gene konnten in vom Aussterben bedrohten Haustierrassen (Deutschland) nachgewiesen werden (also keine Erfindung) und Monsano hat erfolglos Lizenzgebühren einklagen wollen.
haichen 05.03.2018
2. "Normale" Pflanzenzuchtmethoden
"Normale" Pflanzenzuchtmethoden beinhalten auch das Bestrahlen von Samen und die Behandlung mit Erbgut verändernden Chemikalien. Bei diesen Methoden wird das Erbgut an vielen Stellen zufällig verändert und dann nach den gewünschten Eigenschaften selektiert. Was sich sonst in der Pflanze geändert hat weis niemand. Ob das natürlicher, besser oder gesünder für den Nutzer ist als Crispr/Cas9? Wird aber seit langer Zeit gemacht..
wdiwdi 05.03.2018
3. Nicht vergessen: Radioaktivität und Chemie sind bio!
Mit mörderisch ungenauen Vorschlaghammer-Mutagenen (Chemie: Triticale, Radioaktivität: Pink Grapefruit) erzeugte Mutanten sind nach allen Kriterien bio-fähig und werden in signifikanten Ausmaß im bio-zertifizierten Anbau erzeugt. Gentechnik ist nur böse, wenn man weiß, was man macht - wenn man einfach draufhaut und keine Ahnung hat, welche Gene man verändert, dann ist das Natur pur!
tuvalu2004 05.03.2018
4. Natürlich v. Gentech
@haichen: In der Zucht kann man zwar viel anstellen, aber DNA von fremden Spezies lassen sich so (in aller Regel) nicht einbinden. Auch sind die meisten Mutationen eher instabil und das Kraut geht unter. Bevor man eine stabile Pflanze hat vergeht viel Zeit - es geht halt nur was natürlicherweise auch geht. Anders bei gezielten Genveränderungen. Es lassen sich stabile Arten herstellen, die so nie entstanden wären. Und da weiß man halt nicht, wie die letztlich auf die Umwelt wirken, ob z.B. deren Nektar/Pollen bienengiftig wirkt oder beim Menschen Mutationen auslöst oder gar überhaupt keine Fressfeinde hat und die Welt überwuchert. Die Natur weiß mit natürlichen Mutationen und deren Wirkung auf das Menschenerbgut oder die Unwelt umzugehen. Wir Menschen können das gleich doppelt nicht. Erstens wissen wir zu wenig und zweitens akzeptieren wir mutierte Menschen nicht. Wenn wir dereinst mal das Menschliche Genom im Griff haben, dann vielleicht.
Freedom of Seech 05.03.2018
5. Die schlimmste Mutation ist......
....die im Gehirn der Gentechnik Kritiker. Vermutlich durch Tschernobyl kam es zu Strahlungschäden und damit zu Mutationen mit Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung. Das Gen für Rationaliät wurde dadurch abgschaltet. Ergebnis: schwerer Selektionsnachteil zulasten von Europa.
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