Darwin-Streit in der Türkei "Die meisten äußern Sympathien für die Zensur"

Der türkische Wissenschaftsrat hat eine Magazin-Geschichte über Darwin verhindert und die Chefredakteurin der Zeitschrift, Cigdem Atakuman, geschasst. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht die Journalistin über Kreationismus, Provokation - und Zensur.

Von , Istanbul


Keine Frage spaltet die Türken so sehr wie die vermeintliche Islamisierung ihres Landes. Jetzt scheint der Machtkampf zwischen säkularen und religiösen Kräften auch die Wissenschaft erreicht zu haben. Anfang der Woche kippte der Türkische Wissenschafts- und Forschungsrat eine 15-seitige Titelgeschichte über den Evolutionsforscher Charles Darwin aus seiner Monatszeitschrift "Bilim ve Teknik" (Wissenschaft und Technik). Die Chefredakteurin des Blattes, Cigdem Atakuman, 41, wurde entlassen.

Säkulare Türken sind in Aufruhr: Hat der Wissenschaftsrat auf Druck der konservativ-islamischen AKP-Regierung eine Evolutionsgeschichte zensiert, weil sie sich nicht mit den Werten der Religion vereinbaren lässt?

SPIEGEL ONLINE: Frau Atakuman, stimmt es, dass Sie gefeuert wurden?

Cigdem Atakuman: Ja, das stimmt. Es gibt zwar bis jetzt keine offizielle Kündigung. Mir wurde aber mündlich zu verstehen gegeben, dass ich als Chefredakteurin von "Bilim ve Teknik" keine Zukunft mehr habe.

SPIEGEL ONLINE: Wer hat Ihnen das mitgeteilt?

Atakuman: Ömer Cebeci, der Vizevorsitzende des Rates.

SPIEGEL ONLINE: Mit welcher Begründung?

Atakuman: Die Titelgeschichte über Darwin sei ein großer Fehler gewesen, ein unentschuldbarer Fehler. Im jetzigen politischen Klima in der Türkei könne so was als Provokation verstanden werden.

SPIEGEL ONLINE: In welchem politischen Klima?

Atakuman: Ich glaube, Professor Cebeci bezog sich auf die kommenden Lokalwahlen in unserem Land. Er könnte auch andere politische Entwicklungen gemeint haben, die eine vorurteilsfreie Wissenschaft blockieren. Aber ich denke es ging ihm um die Wahlen.

SPIEGEL ONLINE: Und warum? Weil eine große Titelgeschichte über die Evolution in den Reihen der Regierungspartei nicht auf Gegenliebe stößt und wir wieder mit einem triumphalen Wahlsieg der AKP rechnen dürfen?

Atakuman: Das nehme ich an. Aber ich finde das schwer nachvollziehbar. Ich arbeite seit Dezember 2008 mit Professor Cebeci zusammen. Ich hatte davor keine Beziehungen zu ihm, ich kenne weder seinen wissenschaftlichen Hintergrund noch seine Ansichten, ich weiß nicht, welches Verständnis von Wissenschaft er hat.

SPIEGEL ONLINE: Könnte er im Übrigen recht haben? Ist die Evolutionstheorie tatsächlich eine Provokation in der Türkei?

Atakuman: Schauen Sie mal auf die Web-Seite vom "Nature Magazine", dem renommiertesten Wissenschaftsmagazin der Welt. Dort wurde auch über die Zensur der Darwin-Geschichte berichtet und es gibt jede Menge türkische Leserkommentare: Die Meisten äußern Sympathien für die Zensur der Darwin-Story und für den Kreationismus, den Schöpfungsglauben.

SPIEGEL ONLINE: Besonders beliebt ist Darwin in der Türkei wirklich nicht. Nur jeder Vierte soll an die Evolutionstheorie glauben. Wie erklären Sie sich das?

Atakuman: Ich sehe die Ursachen in unserem Erziehungssystem. Dort wird nicht nur die Evolution schlecht erklärt, wenn sie überhaupt erklärt wird; das meiste wird schlecht erklärt.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie nach diesem Vorfall die Neutralität der Wissenschaft bedroht?

Atakuman: Ich möchte mir das eigentlich nicht vorstellen, aber nach den letzten Tagen habe ich so meine Bedenken, dass wir in Zukunft noch ideologiefrei arbeiten können. Seit dem Amtsantritt von Professor Cebeci haben wir einige Probleme erlebt, zum Beispiel bei der Ernennung von Mitgliedern in den Redaktionsrat.

SPIEGEL ONLINE: Wird Darwin jetzt totgeschwiegen?

Atakuman: Nein, ich glaube, es wird jetzt andere Publikationen geben. Durch die ganze Affäre hat Darwin ja einige Aufmerksamkeit erfahren. Viele wollen sich jetzt informieren. Zum 200. Darwin-Geburtstag wird es auch in der Türkei viele Veranstaltungen geben.

SPIEGEL ONLINE: Kennen Sie eigentlich Harun Yahya, den bekannten türkischen Kreationisten?

Atakuman: Nicht persönlich, aber ich weiß von meinen europäischen Kollegen, dass sie alle ein großes schweres Buch von ihm geschickt bekommen haben, den "Atlas der Schöpfung". Ich habe das Buch auch.

SPIEGEL ONLINE: Ziemlich frustrierend, dass Harun Yahya Millionen von seinen Büchern im Volk verteilt, während Ihre Titelgeschichte aus dem bekanntesten türkischen Wissenschaftsmagazin fliegt, oder?

Atakuman: Dieser Schöpfungsatlas ist ein beeindruckendes Werk, sehr bunt, sehr bilderreich. Aber der intellektuelle Wert beeindruckt mich weniger, genau so wenig wie der Kreationismus.

Das Interview führte Daniel Steinvorth



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