Datenklau bei Klimaforschern: Keine Hinweise auf die große Verschwörung

Von Christoph Seidler

Gesammelte Daten (Symbolbild): "Ein paar der Zitate aus den Mails klingen nicht gut." Zur Großansicht
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Gesammelte Daten (Symbolbild): "Ein paar der Zitate aus den Mails klingen nicht gut."

Hitzig diskutieren Wissenschaftler und Blogger über Dokumente britischer Klimaforscher, die ein Hacker gestohlen und öffentlich gemacht hat. Große Enthüllungen bergen die Dateien wohl nicht. Gezeigt hat die Affäre aber: Die Klimaforschung braucht noch mehr Transparenz.

Zumindest das Timing stimmt. Nur wenige Tage vor dem Klimagipfel in Kopenhagen sorgt ein Konvolut von Dokumenten im Netz für Aufregung, das Hacker von einem Computer der Climatic Research Unit (CRU) der University of East Anglia gestohlen haben. Zufall? Wohl kaum. Wann wenn nicht jetzt, kann man mit solchem Material für Schlagzeilen sorgen?

Ob alle Dokumente authentisch sind, kann momentan noch niemand sagen - auch wenn einiges darauf hindeutet. "Einige echte E-Mail-Konversationen, an denen ich auch beteiligt war, sind offenbar erbeutet worden", sagt Michael Mann von der Pennsylvania State University im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Er ist Schöpfer der sogenannten Hockeystick-Kurve, die den massiven Anstieg der CO2-Konzentration in der Erdatmosphäre belegen soll. Die Darstellung von 1999 ist in ihren Details von einigen Forscher wohl zurecht kritisiert worden - und für Klimaskeptiker seitdem ein rotes Tuch. Auch der deutsche Klimaforscher Hans von Storch, der am Institut für Meteorologie der Universität Hamburg und am Institut für Küstenforschung in Geesthacht arbeitet, bestätigt auf seiner Webseite die Authentizität der gestohlenen Daten.

Manche Kommentatoren sehen in dem schwer überschaubaren Mail-Sammelsurium - 63 Megabyte als komprimiertes Dateiarchiv - nun den ultimativen Beweis, dass der Mensch nicht an der Aufheizung seines Planeten Schuld ist. Und den Beweis dafür, dass Wissenschaftler diese Tatsache unter der Decke zu halten versuchen. Doch genau das Gegenteil dürfte der Fall sein. Denn nach erster Durchsicht scheint das - illegal beschaffte - Material keine großen argumentativen Sprengsätze zu enthalten. Das bestätigt SPIEGEL ONLINE auch ein Klimaforscher, der namentlich nicht genannt werden möchte. Zu emotional ist die Diskussion - da fürchtet mancher Wissenschaftler, jedes Statement könne falsch interpretiert werden.

Was steht nun in den Mails? Da schreibt zum Beispiel Kevin Trenberth vom National Center for Atmospheric Research in Boulder (US-Bundesstaat Colorado), einer der führenden Autoren des vierten Fortschrittsbericht des Uno-Weltklimarates, es sei eine Schande, dass die Wissenschaft die derzeitige Pause der Erderwärmung nicht erklären könne. Und CRU-Chef Phil Jones schreibt in einer Mail davon, dass er einen "Trick" angewandt habe, um aus Baumringen gewonnene Datenreihen zu ergänzen. Interessanter ist da schon die Nachricht, in der Jones seinen Kollegen Mann im Mai 2008 auffordert, den Mailverkehr mit einem Kollegen zu löschen, in dem es um den vierten Fortschrittsbericht des Uno-Weltklimarates geht. Klimaskeptiker sehen darin einen Versuch, eine Freigabe der Informationen nach dem US-Informationsfreiheitsgesetz ("Freedom of Information Act", FOIA) zu torpedieren.

"Keine Operation von Amateuren"

Mit dem programmatischen Kürzel FOIA bezeichnete sich auch der Hacker, der die Daten der Briten erbeutete. Zu seiner Identität gibt es bisher noch keine Anhaltspunkte. "Ich glaube, das Ganze war zu wohldurchdacht, zu sorgfältig orchestriert und der Zeitpunkt zu gut gewählt, um eine Operation von Amateuren gewesen zu sein", mutmaßt Michael Mann. Belegen kann er das freilich nicht.

Amateurhaft angestellt haben sich hingegen die bestohlenen CRU-Forscher: Sie wurden schon am 17. November von den Betreibern der Webseite realclimate.org gewarnt - und versuchten die Angelegenheit auszusitzen. Öffentlich kommuniziert wurde der Datendiebstahl nicht. Als Journalisten dann doch Wind von der Sache bekamen, begann das Trommelfeuer im Netz. CRU-Chef Jones ließ lediglich über die Pressestelle seiner Hochschule ein Statement verbreiten, für persönliche Anfragen blieb er unerreichbar. Auch eine Mail von SPIEGEL ONLINE ließ Jones unbeantwortet.

So vergaben die Briten eine Chance, ihre Position darzustellen. "Die Affäre wirft einige Fragen auf: Wie gehen wir als Wissenschaftler mit Unsicherheiten und vielleicht auch Fehlern um? Und wie ist unser Verhältnis zur Öffentlichkeit?", sagt Klimaforscher Jochem Marotzke vom Max-Planck-Institut für Meteorologie im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. All diese Fragen hätten Jones und seine Kollegen beantworten können - und ein paar weitere, zumindest missverständliche Formulierungen in den E-Mails erklären können: "Ein paar der Zitate aus den Mails klingen nicht gut. Sie könnten Klimaskeptikern in die Hände spielen", sagt Marotzke.

Öffentlichkeit hat Interesse an maximaler Transparenz in der Klimaforschung

Konkret geht es zum Beispiel um Jones' Formulierung mit dem "Trick". "Das ist ein sehr unehrlicher Versuch der Angreifer, die Tausende Mails nach einem einzigen Wort oder einer Formulierung durchsucht haben, die belastend aussehen könnte", argumentiert Klimaforscher Mann. Seiner Ansicht nach habe sein britischer Kollege nur ausdrücken wollen, dass er einen "cleveren Weg" gefunden habe, mit einem Problem umzugehen - und zwar damit, dass Klimadatenreihen, die aus Baumringen abgleitet werden, für die vergangenen Jahrzehnte von den tatsächlich gemessenen Werten abweichen.

Vielleicht haben auch die Medien einen Anteil an der aktuellen Lage - weil sie gern möglichst eingängige Sätze von Klimaforschern hören möchte. Relativierungen sind nicht immer erwünscht. Der eine oder andere Forscher mag da in vorauseilendem Gehorsam versucht sein, scheinbar schwer zu erklärende Effekte gleich ganz unter den Tisch fallen zu lassen. Doch von einer systematischen Klima-Verschwörung fehlt in den Mails jede Spur. Klimaskeptiker wird das nicht überzeugen.

Und auch wenn die Affäre - abgesehen von vielen Emotionen - wohl eher wenig Handfestes zurücklassen wird, zeigt sie doch eines: Abgesehen vom manchmal rüden Ton der Forscher in ihren privaten Mails, haben die Wissenschaftler ein wichtigeres weiteres Problem. Die Öffentlichkeit hat ein großes Interesse an maximaler Transparenz in der Klimaforschung - eine Nachricht, die vielleicht noch immer nicht bei jedem Wissenschaftler angekommen ist. "Die Climatic Research Unit ist dafür bekannt, dass sie die Daten, die ihren Publikationen zugrunde liegen, nicht frei zur Verfügung stellt. Warum das so ist, weiß ich nicht", beklagt Marotzke. Sein Kollege von Storch regt auf seiner Webseite ebenfalls an, das Prinzip der Offenlegung von Daten stärker als bisher durchzusetzen.

Selbstredend rechtfertigt Neugier nicht den Diebstahl von Daten. Doch die Neugier ganz zu ignorieren, wie es die britischen Forscher taten, kann auch nicht die Antwort sein. Wie sie auf die Affäre reagieren werden, bleibt abzuwarten. Forscher von Storch hat angeregt, dass Kollegen wie Mann ("ein problematischer, aber mächtiger Pförtner") und Jones in Zukunft nicht mehr an der Beurteilung von Fachpublikationen, dem sogenannten peer review, beteiligt sein sollten - und auch nicht an den Aktivitäten des Uno-Weltklimarates. Zu problematisch seien einige Statements in den Mails.

Ob sich die Forscher dazu bewegen lassen dürften, ist mehr als zweifelhaft. Eines scheint jedoch sicher sein, wie Marotzke betont: "An der grundsätzlichen Interpretation des Klimawandels ändert dieses Material nichts."

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insgesamt 258 Beiträge
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1. Nichts zu sehen hier, bitte weiter gehen, keine Gruppen bilden.
prometheus2000 24.11.2009
Bitte liebe Bürger, geht zurück ins Bett oder vor Eure Grossbildschirme und zahlt brav eure Carbon Steuer an Lord Master Al Gore, damit er die Erde kühl hält. Nicht nachdenken! Leugner haben keine Chance!
2. Bisher nur die Spitze des Eisbergs
ReimarG 24.11.2009
Da werden Sie sich aber noch wundern, in den Daten verstecken sich noch einige brisante Sachen, die jetzt nach und nach gefunden werden. Besonders in den Programmen die noch etwas an Zeit zur Analyse benoetigen steckt offensichtlich noch einiges an "Tricks" die die Daten so verbiegen wie es die IPPC gerne sehen moechte. Es ist klar, dass es von den Betroffenen heruntergespielt wird aber allein, das der Direktor eines solchen Institut den Tod eines Kritikers als zu bejubelndes Ereigniss darstellt zeigt um was fuer Menschen es sich dort teilweise handelt.
3. Klimaforschung
TKl 24.11.2009
Die eigentliche Problematik ist die Tatsache, daß hier eine Gruppe von Klimaforschern sowohl die Veröffentlichungen im IPCC-Report als auch in Fachzeitschriften (als Reviewer) kontrolliert und nicht genehme Forschungsergebnisse unterdrückt hat. Im Mittelpunkt vieler Auseinandersetzungen steht hier der Hockeystick von M. Mann, der die Klimageschichte ohne mittelalterliches Wärmeoptimum (MWP) und ohne kleine Eiszeit (LIA) darstellte. Andere wissenschaftliche Forschungsergebnisse wie z.B. die auf Stalagmiten-Untersuchungen basierende Rekonstruktion von Prof. Mangini (Uni Heidelberg), die ausgeprägte Warm- und Kaltzeiten zeigte, haben aufgrund der Gatekeeper-Funktion der etablierten Forscher keine Chance auf Veröffentlichung in Fachjournalen. Durch diese Praktiken wird ein "Konsens" suggeriert, daß es kein globales MWP und LIA gab. Daraus wird abgeleitet, daß die "natürliche" Klimavariabilität nur klein, der menschengemachte Anteil aber groß ist. Man käme zu anderen Schlußfolgerungen, wenn bereits in der Vergangenheit die Temperaturen ohne menschlichen Einfluß stärker geschwankt hätten.
4. Was es zeigt ...
kurtwied 24.11.2009
... ist, dass es sich nicht um Wissenschaft handelt, was die Universität und ihr angeschlossenes Institut betreibt. Es ist eben keine ergebnisoffene Analyse, sondern das Institut greift bei der Datenerfassung ein, um einen Trend hervorzuheben und Daten, die diesem Trend widersprechen unter den Tisch fallen zu lassen. Ein wissenschaftliches Institut hat nicht ein Ergebnis zu favorisieren. Und das ist ein Skandal, auch wenn der Autor des Artikels dies durch Überhöhung ("große Verschwörung") versucht zu relativieren. Das zeigt übrigens auch, dass dieser Artikel kein guter Journalismus ist - denn der Autor berichtet nicht unparteiisch, sondern meint die Manipulatoren schützen zu müssen, weil es ja um die vermeintlich "gute Sache" geht.
5. Datenklau bei Klimaforschern
hartus 24.11.2009
Klimaforscher: anscheinend unfähig und mafiös! Ergebnisse manipuliert (Jahresringe)! Unfähig, den Temperaturverlauf der letzten 10 Jahre zu erklären, aber genau wissend, wie es in 100 Jahren aussieht. Wer vom Geld der Öffentlichkeit lebt, hat damit seriös umzugehen, muss sich auch unangenehmen Fragen stellen und zu eigenen Schwächen (= Nichtwissen) stehen.
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Weltklimaverhandlungen
Wichtige Punkte
Die G-8-Staaten haben sich grundsätzlich zu dem Ziel bekannt, den globalen Temperaturanstieg im Vergleich zum Beginn des Industriezeitalters auf zwei Grad Celsius zu begrenzen. Auch die Schwellenländer haben sich dem jetzt angeschlossen. Doch konkrete Vorgaben und Zusagen zur Finanzierung fehlen noch - deshalb könnte es beim bloßen Lippenbekenntnis bleiben.
Worum geht es?
Die internationale Staatengemeinschaft will sich vom 7. bis 18. Dezember in Kopenhagen auf ein neues Weltklimaabkommen einigen. Es wird das Kyoto-Protokoll ersetzen, das 2012 ausläuft. Es schrieb vor, dass die Industrieländer die Emissionen der wichtigsten Treibhausgase zwischen 2008 bis 2012 um durchschnittlich 5,2 Prozent unter das Niveau von 1990 senken. Doch die USA, bis vor kurzem der größte Kohlendioxid (CO2)-Emittent, haben das Abkommen nie ratifiziert. Und China, heute größter Luftverschmutzer, bekam überhaupt keine verbindlichen Reduktionsziele vorgeschrieben, weil es damals noch als reines Entwicklungsland eingestuft wurde.
Wer sind die wichtigsten Akteure?
Außer den USA und China sollen diesmal auch die anderen Schwellenländer wie Indien, Mexiko oder Brasilien ins Boot geholt werden. Insgesamt werden 192 Staaten nach Kopenhagen reisen. Doch auch die Entwicklungsländer sollen Verantwortung übernehmen und Wege festlegen, wie sie klimaschonendes Wirtschaftswachstum erreichen wollen. Der Westen ist dafür auch zu Finanz- und Technologietransfers bereit.
Wie ist der Stand in Europa?
Europa - vor allem Deutschland - sieht sich gerne als Vorreiter im globalen Kampf gegen die Erderwärmung. In den globalen Verhandlungen tritt das Bündnis gemeinsam auf, vertreten von der EU-Kommission und der EU-Ratspräsidentschaft, derzeit Schweden. Die 27 EU-Staaten haben im Dezember in ihrem "EU-Klimapaket" beschlossen, bis 2020 den CO2-Ausstoß um ein Fünftel gegenüber 1990 zu senken. Jetzt fordert die EU von den anderen großen Verschmutzern ähnliche Bekenntnisse.

Doch während in der EU, aber auch in Russland, der CO2-Ausstoß von 1990 bis 2005 wegen des Zusammenbruchs der Ostblock-Schwerindustrien sowieso sank, stieg er im gleichen Zeitraum in den USA, Japan und anderen großen Industrienationen. Gemessen am derzeitigen Niveau müsste die EU ihren Ausstoß nur noch um zwölf Prozent senken. Besonders Japan fordert deshalb 2005 als Basisjahr und hat ein Reduktionsziel von 15 Prozent angeboten. Die USA wollen ihre Treibhausgase im gleichen Zeitraum um 17 Prozent reduzieren. Der Weltklimarat (IPCC) fordert Minderungen um 25 bis 40 Prozent bis 2020 gegenüber 1990.
Was sind die Knackpunkte der Verhandlungen?
Es geht um Geld, Bezugsjahre und Prozente. Der Streit um das Basisjahr steht symptomatisch für das globale Ringen um die Lastenteilung. Die Entwicklungs- und Schwellenländer beharren auf der Schuld des Westens am Klimawandel und fordern ihre Rechte auf Wohlstand und Wirtschaftswachstum. Die Industrienationen sind bereit, der Dritten Welt zu helfen, in Kopenhagen kursiert die Zahl von hundert Milliarden Dollar, die bis 2020 pro Jahr gezahlt werden sollen. Experten Umstritten ist auch der Schlüssel, mit dem die Gelder auf die einzelnen Länder umgerechnet werden sollen.

Experten streiten zudem darüber, ob Technologien wie die CO2-Abscheidung und -Lagerung oder klimafreundliche Projekte in Entwicklungsländern angerechnet werden können oder ob sie nicht vielmehr das Problem nur aufschieben und deshalb abzulehnen sind.
Was, wenn die Verhandlungen scheitern?
Gibt es in Kopenhagen keine Einigung, ist nicht alles verloren, aber es wird zeitlich eng: Bis 2012 muss eine neue Konvention ratifiziert sein, da dann das Kyoto-Protokoll ausläuft. Und sollte die Weltgemeinschaft nicht zusammenstehen, dürfte die Erderwärmung ungebremst weitergehen. Experten warnen, dass die Temperaturen noch in diesem Jahrhundert um mehr als sechs Grad steigen würden. Es drohen katastrophale Überschwemmungen wegen der Eisschmelze, Dürren, Stürme, Artensterben und Millionen "Klimaflüchtlinge". ssu/dpa

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Globale Erwärmung: Sicherheitsrisiko Klimawandel