Debatte um neues Erdzeitalter: Was vom Menschen übrig bleibt

Von und Christian Schwägerl

Klimawandel, Betonwüsten, Ackerbau: Wir Menschen haben das Angesicht der Erde grundlegend verändert. Doch hat mit uns sogar eine neue geologische Epoche begonnen - das Anthropozän? Wissenschaftler fahnden nach einer Erdschicht, die belegen könnte: Mensch macht Natur.

Anthropozän: Auf der Fährte des Menschen Fotos
AP

Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen kann es nicht fassen: "Es ist unglaublich, was ein einzelnes Wort verändert", sagt er. Das Wort heißt: "Anthropozän" - es ist sein Wort: Auf einem Wissenschaftskongress in Mexiko vor zwölf Jahren hatte Crutzen den Begriff in die Runde geworfen, um einen Umbruch in der Natur zu beschreiben: Der Einfluss des Menschen auf die Umwelt sei mittlerweile so übermächtig, dass eine neue Epoche angebrochen sei, das "Zeitalter des Menschen" - auf griechisch: "Anthropozän".

Manchen Geologen kommt der Vorschlag einem Putsch gleich. Eine hitzige Debatte ist entbrannt, sie elektrisiert nicht mehr nur Wissenschaftler, sondern nun auch die Öffentlichkeit: Medien verkünden den Anbruch der "Menschenzeit" auf der Titelseite, Künstler beschwören das Anthropozän, selbst Berater der Bundesregierung rechnen mit dem neuen Zeitalter. Doch unter Geologen, die über die Einführung von Erdzeitaltern entscheiden, gibt es harte Gegner des Vorschlags, die sich zur Wehr setzen.

Dabei stößt die Idee von der Menschenzeit vielfach auf Begeisterung. "Die tiefere Bedeutung des Anthropozäns besteht darin, dass wir Menschen jeden Aspekt unserer Umwelt verändert haben - von einer sich erwärmenden Atmosphäre bis zum versauernden Ozean", schrieb jüngst die "New York Times". "Menschen sind zu einer Naturkraft geworden, die den Planeten auf der geologischen Skala umgestaltet", raunte das britische Nachrichtenmagazin "The Economist". Es begrüßte seine Leser auf der Titelseite mit der Zeile "Willkommen im Anthropozän"; darunter prangte eine Erdkugel, die von Menschen umgestaltet wird.

Doch bevor das Anthropozän offiziell ausgerufen werden kann, müssen Geologen zustimmen - unter ihnen ist nun eine heftige Debatte entbrannt. Über den Erdkalender wacht die Internationale Kommission für Stratigraphie (ICS), das Hauptgremium für Schichtenkunde. Sie entscheidet über neue Zeitalter anhand von Ablagerungen im Boden: Geologische Epochengrenzen markieren einschneidende Zäsuren der Erdgeschichte, jedes Zeitalter muss eindeutig anhand einer einheitlichen Schicht im Boden weltweit nachweisbar sein.

Die "goldene Schicht"

Nach solch einem Beweisstück für das Anthropozän fahnden Geologen: "Wir suchen sozusagen die 'goldene Schicht', sagt der Geologe Jan Zalasiewicz von der University of Leicester - eine Erdschicht also, die den globalen Einfluss des Menschen auf den Planeten eindeutig belegt. Auf einer Tagung in der Geologischen Gesellschaft in London, der "Geological Society of London", trugen Forscher jüngst zahlreiche Indizien zusammen, die ein "Zeitalter des Menschen" plausibel erscheinen ließen:

  • Der Geograf Erle Ellis von der University of Maryland legte dar, dass der Mensch bereits mehr als drei Viertel der Landoberfläche der Erde umgestaltet hat. "Nur noch 23 Prozent sind Wildnis und nur noch 11 Prozent der Photosynthese an Land passiert in Wildnisgebieten, der Rest besteht aus Agrarland, Siedlungen, Nutzgebieten", sagte Ellis.
  • Der vom Menschen verursachte Klimawandel werde Luft, Land und Meere auf Zehntausende Jahre grundlegend ändern, sagte der australische Klimaforscher Will Steffens. Dazu zähle eine langfristige Versauerung der Ozeane durch Kohlendioxid, die langfristig Einfluss auf die Gesteinsbildung am Meeresboden haben werde.
  • Staudämme, Bergbau, Erosion und Städtebau veränderten die Böden bereits jetzt grundlegend, betonte der amerikanische Geologe James Syvitski von der University of Colorado-Boulder. Beispielsweise würden hinter Staudämmen riesige Mengen Sedimente abgelagert, die im Küstenbereich fehlten.
  • Hinzu kommen massive biologische Veränderungen: Der Mensch rotte etwa durch Regenwaldrodung Arten aus, während er durch Zucht und Biotechnologie neue Lebensformen erzeuge, neuerdings sogar künstliche Chromosomen. Handel, Transport und Landwirtschaft verbreiteten zudem Organismen über die ganze Welt, die zuvor in einer Nische lebten. "Das werden Geologen der Zukunft auch in Versteinerungen sehen, die von unserer Zeit bleiben werden", sagt Jan Zalasiewicz.

Zalasiewicz leitet eine Arbeitsgruppe, die im Auftrag der ICS prüft, ob die vom Menschen verursachten Veränderungen den Kriterien für eine geologische Epoche genügen. "Wir müssen überzeugend darlegen können, dass die globalen Umweltveränderungen tiefgreifend genug sind, um eindeutig unterscheidbare Signale in den Bodenschichten zu hinterlassen, die sich heute und in Zukunft bilden", sagt Zalasiewicz.

"Mit den Regeln nicht vertraut"

Viele Geologen jedoch können mit Aussagen über die Zukunft wenig anfangen, ihr Hauptmetier ist die Vergangenheit. Eine geologische Epoche anhand von Vorhersagen zu definieren, sei nicht korrekt, findet der Vorsitzende der Internationalen Kommission für Stratigrahpie (IUGS), also für Schichtenkunde, Stanley Finney von der California State University in Long Beach, USA. Die IUGS hat das letzte Wort bei Entscheidungen über geologische Zeitalter.

Andere Geologen finden noch deutlichere Worte: "Die Einführung des Anthropozäns in die geologische Zeitskala würde wissenschaftlich eher Probleme schaffen als nützen", meint Manfred Menning von der deutschen Kommission für Stratigraphie. Die Geologie müsste in der Folge ihre Kriterien der Erdzeitalter überprüfen.

"Für die Einführung des Anthropozäns sind keine Realisierungschancen absehbar", glaubt auch sein Kollege Stefan Wansa, Vorsitzender der Abteilung "Quartär" der Deutschen Stratigraphischen Kommission, die für die jüngste geologische Geschichte zuständig ist. "Die Befürworter des Anthropozäns müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, mit den Regeln der Stratigraphie nicht hinreichend vertraut zu sein", ergänzt Wansa.

Spuren überall

Auch Finney glaubt nicht daran, dass die entscheidende geologische Schicht gefunden werden könnte: Menschliche Aktivitäten hätten sich weltweit keineswegs gleichzeitig im Boden niedergeschlagen, sagt der IUGS-Vorsitzende: Manche Gegenden wie Amerika seien später kultiviert worden als andere, wie etwa China oder der Nahe Osten.

Doch es gibt auch Geologen, die sehr wohl glauben, dass sich das Anthropozän nach den bestehenden Regeln der Disziplin rechtfertigen ließe. Die Geologische Gesellschaft von Amerika (GSA) nennt ihre Jahrestagung im Oktober ganz selbstverständlich "Vom Archaikum zum Anthropozän". "Das Anthropozän ist eine offensichtliche Realität", sagt die Geologin Susan Trumbore, Direktorin am Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena, "der Mensch hinterlässt fast überall eine Spur." 21 von 22 Wissenschaftlern der Stratigraphie-Kommission der Geologischen Gesellschaft von London unterstützen es, dass die Anthropozän-Idee weiter verfolgt wird, sagt der Brite Zalasiewic.

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insgesamt 136 Beiträge
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1. Sicher- ein "knackiger" Begriff fehlt !
Analogkäse 04.07.2011
Ob nun der Begriff "Anthropozän" fachlich korrekt ist oder nicht, ist mir eigentlich egal. Massen- Bewusstseins- ergreifend wird er wohl ohnehin nicht. Bleibt eher einer kleinen Fachelite vorbehalten. Wir benötigen aber m.E. einen umfassenden "knackigen" Begriff, der die Dimension des menschlichen Einflusses auf die Natur (mit all seinen Risiken) auf den Punkt bringt. Den auch Lieschen Müller und Dieter Depp verstehen...
2. Was vom Menschen übrig blieb
lizard_of_oz 04.07.2011
ist nichts als Dummheit, Gier und Trieb
3. Bekanntlich...
Airkraft 04.07.2011
...braucht die Natur den Menschen nicht!
4. ...
M. Michaelis 04.07.2011
Zitat von sysopKlimawandel, Betonwüsten, Ackerbau:*Wir*Menschen haben das Angesicht der Erde grundlegend verändert. Doch hat mit uns sogar eine neue geologische Epoche begonnen -*das Anthropozän?*Wissenschaftler fahnden nach*einer Erdschicht, die belegen könnte: Mensch macht Natur. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,769581,00.html
Und etabliert einmal mehr einen idelogischen Begriff in der wissenschaftlichen Nomenklatur. Einmal mehr ein wissenschaftlicher Fehlgriff, der leider im Trend liegt.
5. Trotz 6,5 Milliarden Menschen
derweise 04.07.2011
Trotz 6,5 Milliarden Menschen, die CO2 ausatmen, beträgt der CO2-Gehalt in der Atmosphäre gerade 0.004 %. Leute, laßt´euch nicht für dumm verkaufen!
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