Golf von Mexiko: Delfine starben durch Eiswasser und Ölpest

Am Golf von Mexiko strandeten im Frühjahr 2011 unzählige Delfine. Nun meinen Forscher, die Ursache zu kennen: Spätfolgen der Ölpest und Eiswasser seien schuld an den rätselhaften Todesfällen.

Große Tümmler: Hunderte von ihnen starben Anfang 2011 aus ungeklärter Ursache. Zur Großansicht
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Große Tümmler: Hunderte von ihnen starben Anfang 2011 aus ungeklärter Ursache.

Hamburg/Alabama - Anfang 2011 strandeten fast doppelt so viele junge Delfine am Golf von Mexiko wie normalerweise. Bislang war unklar, was genau die Großen Tümmler (Tursiops truncatus) von ihrer Route abgebracht oder getötet hat. Eine Studie im Fachmagazin "Plos One" legt nahe, dass die Ölpest vom April 2010 und große Mengen Eiswasser für die hohe Todesrate verantwortlich sind.

Mit Hilfe von Messbojen erfassten amerikanische Wissenschaftler Wassertemperatur und Strömung vor der Mobile Bay, die direkt an den Golf von Mexiko grenzt. Die gleichen Daten zeichneten sie entlang des nördlichen Golfs von Mexiko auf und verglichen die gesammelten Werte mit den Kennzahlen der gestrandeten Delfine. Besonders viele orientierungslose Große Tümmler wurden im Februar und März 2011 gefunden- unmittelbar nachdem das Wasser an der Messstation zwei bis drei Wochen lang bei einem Temperatur-Minimum von etwas über zehn Grad Celsius gelegen hatte.

Doch Temperaturschwankungen sind für Delfine eigentlich nichts Ungewöhnliches. Die Forscher vermuten deshalb, dass eine Aneinanderreihung von Ereignissen zum Tod der Tiere führte. Drei Geschehnisse machen sie für die Strandungen verantwortlich: Bereits ein Jahr zuvor, Anfang 2010, war das Wasser im Golf von Mexiko ungewöhnlich kalt. Kurz darauf, im April explodierte die Ölplattform Deepwater Horizon, woraufhin sich große Mengen Öl im Meer ausbreiteten. Schließlich floss zur Frühlingsgeburtenzeit 2011 erneut ungewöhnlich viel Schmelzwasser über die Mobile Bay ins Meer.

Einige der Tiere waren bereits krank bevor sie starben

Über die Abfolge der Ereignisse erklären sich die Forscher auch, warum Anfang 2011 so ungewöhnlich viele Jungtiere strandeten. Unter den 186 Großen Tümmlern, die zwischen Januar und April 2011 die Küste erreichten, waren 86 Neugeborene - das sind fast doppelt so viele, wie der Durchschnitt in der Vergangenheit. Da Delfine eine Tragezeit von etwa 12 Monaten haben, wurden die schwachen Tiere wohl während des kalten Frühlings 2010 und während der Zeit der Ölpest gezeugt. Das könnte ihre Überlebenschancen beeinflusst haben.

"Keiner der Faktoren würde alleine dazu führen, dass die Tiere die Orientierung verlieren oder sterben", sagt Ruth Carmichael vom Dauphin Island Sea Lab in Alabama, die die Studie leitete. "Doch die wiederkehrenden Kaltwasserströme waren wohl zusammengenommen zu viel. " Die Delfinpopulation sei bereits durch geringe Nahrungsreserven - verursacht durch das Öl in der Nahrungskette - und bakterielle Infektionen geschwächt gewesen.

Zwischen Juni 2010 und Januar 2012 hatten Wissenschaftler 51 gestrandete Delfine auf das Bakterium Brucella getestet. 12 Tests seien positiv gewesen, sagt Teri Rowles von der US-amerikanischen Wetter- und Ozeanografiebehörde (Noaa). Das Bakterium Brucella, das auch in einigen gesunden Tieren, wie Kühen vorkommt, kann in Delfinen eine Lungen- oder Hirnentzündung, Haut- und Knocheninfektionen verursachen oder dazu führen, dass die Delfinkuh ihr Kalb verliert.

"Ältere Studien haben bereits gezeigt, dass die Delfine im Golf von Mexiko nach dem Unglück auf der Deepwater Horizon und einigen extrem kalten Wintern in schlechtem Zustand waren. Von der Meeresforschungsbehörde Noaa wissen wir, dass einige Brucella hatten", erklärt Carmichael. "Den Tieren, die bereits gestresst und in schlechtem Zustand waren, gab das kalte Wasser Anfang 2011 offenbar den Rest."

Noch immer analysieren Forscher die Delfinkadaver. Oft sind die Tiere jedoch bereits in zu schlechtem Zustand, wenn sie gefunden werden, um die genaue Todesursache noch aufzuspüren. Carmichael hofft nun, das ihre Studie helfen wird, die physikalischen und chemischen Umwelteinflüsse zukünftig besser einzuschätzen: "Es ist wichtig zu verstehen, welche Einflussfaktoren menschengemacht sind und unter Kontrolle gebracht werden können und welche von der Natur vorgegeben sind", sagt die Wissenschaftlerin.

jme

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