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12. Mai 2012, 12:07 Uhr

Artenschutz

Der hoffnungslose Kampf des Affen-Retters

Aus Hanoi berichtet Thilo Thielke

Brandrodung, Umweltverschmutzung, erbarmungslose Jagd: In Asien sind zahlreiche Affenarten vom Aussterben bedroht. Ein Deutscher kämpft mitten im Urwald für das Überleben der seltenen Primaten - doch selbst er glaubt kaum noch an ihr Überleben.

Endlich mal wieder eine Erfolgsgeschichte. Tilo Nadler lächelt. Das Affenbaby aber klammert sich ängstlich am Safarihemd des Deutschen fest, unruhig wandern seine brikettschwarzen Augen hoch zu Nadlers Vollbart, taxieren die buschigen grauen Augenbrauen. Es weiss noch nicht, dass es jetzt erst einmal in Sicherheit ist. Vor ein paar Wochen wäre es fast krepiert.

Der kleine Affe, kaum dreieinhalb Monate alt, gehört zur Spezies Pygathrix cinerea, einer Primatenart aus der Gruppe der Schlankaffen. Wegen seines grauen Rückenfells wird er auf Deutsch auch Grauer Kleideraffe genannt. Es gibt nicht mehr viele dieser im vietnamesischen Hochland beheimateten Tiere, vielleicht ein paar hundert. Nadler hatte sie Mitte der neunziger Jahre als erster entdeckt. Doch sie gelten als hochgradig gefährdet. In ein paar Jahren könnte die Art schon ausgestorben sein.

Das Affenbaby, das Nadler jetzt auf dem Arm hat, wurde gemeinsam mit seiner Mutter bei Wilderern konfisziert und dann ins "Endangered Primate Rescue Center" im Norden Vietnams gebracht. Die Frankfurter Zoologische Gesellschaft unterhält diese Rettungsstation mitten im Urwald, und Nadler ist ihr Chef - der Vater der Affen gewissermaßen.

Baby und Muttertier befanden sich in erbärmlichen Zustand, als sie kamen. Lange mussten die deutschen Dschungelärzte um das Überleben der Tiere bangen. Doch nun nehmen die beiden wieder Nahrung zu sich. Wenn alles gutgeht, können sie irgendwann ausgewildert werden - auch wenn es bis dahin noch ein langer Weg ist, eine Sisyphusarbeit.

Eine Zeit der Euphorie

Seit 1993 lebt Nadler, 70, schon hier am Rande des Cuc-Phuong-Nationalparks. Damals hatte er die Rettungsstation aufgebaut, Park-Ranger geschult, versucht, das Management des Nationalparks zu verbessern. Ziel war es, die letzten Delancour-Languren, ein andere bedrohte Affenart, vor dem Aussterben zu bewahren. Das von den Kommunisten ziemlich heruntergewirtschaftete Vietnam öffnete sich damals langsam nach Westen.

Es war eine Zeit der Euphorie. Und Nadler, der studierte Klimatechniker aus Dresden, der schon viel von der Welt gesehen, sogar als Mitglied einer sowjetischen Expedition zwei Jahre in der Antarktis gelebt hatte, glaubte endlich, eine neue Aufgabe und ein neues Zuhause gefunden zu haben.

Schnell wuchs das Zentrum. Die Ranger konfiszierten immer mehr Tiere, also musste Platz geschaffen, mussten Käfige und Gehege gebaut werden. Mittlerweile beherbergt Nadlers Mannschaft 150 Affen, diese gehören 15 Unterarten an, von denen sechs nur hier im Rescue Center vorkommen. Alle sind hochgradig vom Aussterben bedroht. In Nadlers Zentrum soll nun eine Gefangenschaftspopulation aufgebaut werden, und irgendwann, so die Hoffnung, sollen alle Affen wieder in die freie Wildbahn zurückgebracht werden.

20 Gibbons getötet, um einen zu fangen

Doch der Erfolg der Ranger offenbarte auch das Elend der Tiere. Viele der beschlagnahmten Kreaturen befanden sich in einem derart schlechten Zustand, dass sie nicht lange überlebten. Befragungen der Wilderer ließen die Dimension des Massensterbens zumindest schemenhaft erkennen. "Die Wilderer erzählten uns, dass sie für jedes Gibbonbaby, das sie lebend fangen und dann als Haustier verkaufen können, im Schnitt 20 Tiere töten", sagt Nadler.

Die meisten anderen Affenarten aber landen direkt in den Kochtöpfen der Vietnamesen, denen Affenfleisch als Delikatesse gilt. Nadler: "Viele Vietnamesen, die unseren Nationalpark besuchen, fragen nachher, wo sie denn die Tiere essen können, die sie gerade gesehen haben." Hoffnung, dass das Experiment Artenschutz in Vietnam doch noch gelingt, hat Nadler deshalb wenig. Die Wirtschaft des Landes boomt, und wer in Vietnam Geld hat, verlangt nach exotischen Speisen. Die Regierung tut wenig, um die Tiere zu beschützen. Und neugebaute Straßen machen noch den letzten Winkel des tropischen Landes den Wilddieben zugänglich.

"Die Lage im Park ist hoffnungslos", sagt Nadler. Bleiben will er dennoch. Er hat in Vietnam geheiratet und zwei Söhne, Khiem und Heinrich. Illusionen aber hat er nicht mehr. Wenn seine beiden Söhne groß sind, werden die meisten vietnamesischen Affenarten ausgerottet sein.

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