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Deutscher Wald: Angriff der Killerkäfer

Von Jochen Bölsche

Forstwissenschaftler schlagen Alarm: Im Frühjahr droht ein Generalangriff des Borkenkäfers auf Deutschlands Wälder, die durch den Klimawandel bereits weiträumig geschädigt sind. Experten fordern einen gigantischen Waldumbau - weg von den Fichtenplantagen hin zu stabileren Mischwäldern.

Als Zeitungsreporter im vorigen Herbst durch Bayern zogen, fühlten sie sich stellenweise ans "Ende der Welt" versetzt. Wo einst Fichtenwälder grünten, erstreckten sich öde Kahlschläge, soweit das Auge reichte.

Gut 2500 Hektar – so viel wie die Insel Norderney - maß die Fläche, auf der Holzfäller eine "Wüstenei" hinterlassen hatten. Der Anblick veranlasste die "Welt am Sonntag" zu einem apokalyptischen Vergleich: "Mittelfranken hat seinen GAU."

Kettensägen-Massaker noch größerer Dimension drohen im Frühjahr, falls die Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) in Freising Recht behält. Deren Experten rechnen mit weiträumigen Notrodungen, weil der trockene Sommer 2006 und der warme Winter 2006/07 die Massenvermehrung eines der schlimmsten Waldfeinde begünstigen: des nimmersatten Borkenkäfers.

In dieser Woche schlug die LWF öffentlich Alarm: "Bei anhaltend angespannter Wasserversorgung im Boden können Fichtenbestände im Frühjahr einer zu befürchtenden Massenvermehrung des Borkenkäfers nur wenig Abwehr entgegensetzen", heißt es in einer von vier Wissenschaftlern unterzeichneten Erklärung.

"In Hab-Acht-Stellung" sieht sich angesichts des drohenden Vormarschs der Killerkäfer auch Baden-Württembergs Landesforstkammer, so deren Geschäftsführer Martin Bentele. Auch im und um den Schwarzwald haben die Sägen das Sagen. Für den Abtransport von Unmengen befallener Stämme im kommenden Sommer müsse schon jetzt, so Bentele, "ein hohes Maß an Logistik" vorbereitet werden.

Deutschlands Waldbesitzer sehen die massenhaften Kahlschläge mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Einerseits, trösten sie sich, sei der Holzmarkt wegen der boomenden Nachfrage nach Heiz-Pellets für Schadholz aufnahmefähiger denn je. "Holz ist in, Holz boomt," freut sich Michael Prinz zu Salm-Salm, Präsident der Artbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzer.

Besonders sturzgefährdet: Die Fichte

Langfristig aber müssen die rund 800.000 privaten und kommunalen Waldherren, die Prinz Salm vertritt, aufgrund des Klimawandels um die Existenz großer Teile des Waldes fürchten, speziell der Nadelholzbestände.

Denn der wärmeliebende Fichtenborkenkäfer hat von den letzten Sommern, von denen nahezu jeder als "Jahrhundertsommer" daherkam, kräftig profitiert. Das nimmersatte Krabbeltier, berichtet die Münchner TU-Ökoklimatologin Annette Menzel, "schafft in den zunehmend wärmeren Jahren statt normalerweise nur zwei nun drei oder sogar vier Generationen".

Die Vielfraße mit ihren jeweils bis zu 5000 Nachkommen stürzen sich mit Vorliebe auf die Fichten, die massiv vorgeschädigt sind – vor allem durch zwei weitere Folgen des Klimawandels: die zunehmenden Winterstürme und Sommerdürren.

Destabilisiert worden sind die Wälder durch Unwetter wie zuletzt den Orkan "Kyrill", der im Januar mit Spitzengeschwindigkeiten von über 200 Stundenkilometern über Europa fegte und auf dem Kontinent mehr als 60 Millionen Bäume fällte.

Allein im Sauerland wurden 50.000 Hektar Wald umgemäht. Mancherorts wirbelte der Sturm die Stämme wie Mikadostäbchen durcheinander. Anderswo schüttelte der Orkan die Bäume immerhin noch so heftig, dass die Feinwurzeln rissen, ohne dass die Riesen sofort umkippten.

Immer mal wieder stürzt seither plötzlich ein Baum hernieder - "ohne Vorwarnung, selbst bei Windstille", wie der Bad Homburger Stadtförster Günter Busch beobachtet hat. "Was fest aussieht, ist es nicht," warnt im südhessischen Friedrichsdorf der Förster Hans-Jörg Sommer die Bevölkerung vor Waldspaziergängen.

Überproportional orkangefährdet ist Deutschlands Waldbaum Nummer eins, die immergrüne Fichte. Mit ihrem dichten Nadelkleid und ihrem flachen Wurzelwerk bietet sie Stürmen mehr Angriffsfläche als die winterkahlen, tief verankerten Laubbäume.

Heißer Sommer - Gift für die Fichten

Fichten sind von den "Kyrill"-Böen denn auch gleich "gruppenweise" gefällt worden, wie Deutschlands prominentester Förster, Georg Meister, beobachtet hat. Der Berchtesgadener Nationalpark-Planer zeigt sich davon keineswegs überrascht: Spätestens seit dem Orkan "Wiebke" im Jahre 1990 wisse die Forstpartie, "dass Fichten bei einem Sturm etwa viermal so oft umfallen wie Buchen oder Tannen und sogar achtmal so oft wie Eichen".

Und mehr als andere Baumarten leidet die Fichte auch unter den zunehmend heißen, trockenen Sommern, in denen regelmäßig ihr Abwehrsystem versagt: Mangels Zugang zum Grundwasser kann der Flachwurzler in Trockenperioden nicht genügend Harz bilden, um die Bohrlöcher des Borkenkäfers zu verschließen.

Ein Ende der Kalamitäten ist für Fachleute nicht absehbar. Denn der Klimawandel ist mittlerweile, wie die bayerischen Experten von der LWF feststellen, "ein in der Forstwirtschaft akzeptiertes Faktum". Die meisten Forscher teilen die Befürchtung von Umweltverbänden wie dem WWF, dass die jüngsten Wetterextreme lediglich einen "Vorgeschmack auf das Klima der Zukunft" geboten haben.

Wenn aber die Erderwärmung dazu führt, dass die Temperaturen etwa in Bayern, so das Freisinger Landesamt, im Schnitt um mindestens 2 Grad zunehmen und die Niederschläge um rund 20 Prozent abnehmen, wird sich eine Jahrzehnte alte Sünde wider die Natur gleich doppelt und dreifach rächen.

Die fix wachsende Fichte, Lieblingsbaum der Holzindustrie, ist in der Vergangenheit auf fast 50 Prozent der deutschen Forstfläche angesiedelt worden - obwohl der feuchtfröhliche und hitzescheue Tellerwurzler von Natur aus gerade mal ein Zehntel dieses Areals bedecken würde, vorzugsweise nasskalte Hochlagen und Hochmoorränder.

Zwangsläufige Folge: In weiten Regionen wird das Risiko des Fichtenanbaus, so die LWF, "mit einiger Sicherheit nicht mehr beherrschbar sein". Heiße Sommer, stürmische Winter, zunehmende Überflutungen – das alles, so LWF-Experte Christian Ammer, ist "Gift für die Fichte".

Auch für das Umweltbundesamt ist die Konsequenz zwingend: Weil die Fichte "schon heute an der Grenze ihres Toleranzbereichs angelangt ist", sei in Deutschland ein gigantischer "Waldumbau" dringlich.

Druck der Schädlinge

Das Berliner Amt hat eigens ein "Kompetenzzentrum Klimafolgen und Anpassung" eingerichtet, kurz "KomPass" genannt. Das Experten-Team soll nach dem Motto arbeiten: "Das Unvermeidbare beherrschen."

Die Operation Waldumbau, eine der größten Umwälzungen in der Forstgeschichte, wird sich, so die KomPass-Experten, "langwierig und schwierig" gestalten. Dabei drängt die Zeit.

Denn unter dem Druck der Schädlinge, die sich dem Klimawandel binnen weniger Generationen angepasst haben, brechen die Fichtenbestände schneller zusammen als erwartet – und das nicht nur in Süddeutschland.

Im holsteinischen Ahrensburg etwa sind nach Feststellung des örtlichen Umweltamtes schon jetzt "nahezu alle Fichten, die 60 Jahre und älter sind", geschädigt. Ein neu gepflanzter, den Klima- und Standortbedingungen besser angepasster Laubbaum aber braucht oft 120 bis 140 Jahre, bis er ausgewachsen und erntereif ist.

Angesichts solcher Zeiträume gilt es bei der Auswahl von Ersatzbäumen bereits heute eine äußerst schwierige Frage zu beantworten: Welche Arten werden in Deutschland noch nach der nächsten Jahrhundertwende gedeihen, wenn die Temperaturen im Schnitt um zwei, drei oder vier Grad angestiegen sind?

Europaweit schießen Spekulationen ins Kraut. Bei einem Klimaforum in der Schweiz berichteten Forstexperten im vorigen Herbst über das gute Gedeihen verwilderter Palmen in den Bergwäldern im Süden des Alpenlandes.

Und das SWR-Fernsehen warf schon die Frage auf, ob es in Süddeutschland Zonen geben werde, "in denen die Pinie die beste Wahl ist".

Lesen Sie auf SPIEGEL ONLINE demnächst die zweite Folge dieser Serie: Deutschland sucht den Superbaum

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