Deutschland Drei Viertel aller Biotope gefährdet

Die Lebensräume für Tiere und Pflanzen sind in Deutschland in einer bedrohlichen Lage, glaubt man einem Bericht der Bundesregierung. Demnach sind fast drei Viertel aller Biotope gefährdet oder von der Zerstörung bedroht.


Berlin - Streuobstwiesen, Moore, Flüsse, Bäche - die Liste der in Deutschland gefährdeten Lebensräume ist lang. Nach Angaben der Bundesregierung sind 72 Prozent der knapp 700 Biotop-Typen gefährdet oder sogar akut von Vernichtung bedroht. "Wir löschen damit die Datenbank der Natur, nicht auf Diskette, sondern auf der Festplatte", sagte Bundesumweltminister Sigmar Gabriel am Mittwoch in Berlin. "Wir können dann nicht mehr darauf zurückgreifen."

Streuobstwiese in der Nähe eines Braunkohletagebaus bei Otzenrath (Juli 2005): Mehrzahl der Biotope ist nach wie vor bedroht
DPA

Streuobstwiese in der Nähe eines Braunkohletagebaus bei Otzenrath (Juli 2005): Mehrzahl der Biotope ist nach wie vor bedroht

Die Neuauflage der "Roten Liste der gefährdeten Biotoptypen" zeige, dass sich die Lage der Lebensräume sogar noch verschlechtert habe, sagte der SPD-Politiker. So wurden 1994, als das Bundesamt für Naturschutz die Rote Liste erstmals auflegte, nur 68 Prozent der Biotope als gefährdet eingestuft. Diese Zahl ist aber nicht direkt mit den 72 Prozent des aktuellen Berichts vergleichbar, da der Biotoptypen-Schlüssel überarbeitet wurde und Datenlücken geschlossen wurden.

In Deutschland gibt es 690 verschiedene Lebensraumtypen, wie die Studie ausführt. Nicht nur der Klimawandel mache der Natur zu schaffen, auch zu viel Dünger oder Gülle könnten Lebensräume zerstören, sagte Gabriel. Zwar sei durch verbesserten Naturschutz und die Zunahme der ökologischen Landwirtschaft bei manchen Biotop-Arten eine Stabilisierung erreicht worden: Etwas mehr als die Hälfte aller Biotop-Arten gelten der Studie zufolge als stabil. Dazu gehörten Strandbiotope an Nord- und Ostsee, was vor allem daran liege, dass fünf Nationalparks eingerichtet worden seien. Ebenfalls nicht mehr von Rückgang bedroht seien Gebüsche, bestimmte Heckentypen und Feldgehölze. Zu den Fortschritten gehöre auch die allgemein bessere Wasserqualität.

Es bestehe dennoch "kein Grund zur Entwarnung", betonte Rudolf Ley, Vizepräsident des Bundesamts für Naturschutz. Immer noch schrumpften einstmals weit verbreitete Lebensräume wie Blumenwiesen oder Klarwasser-Seen. Aber nicht nur die Natur leide. Eine kaputte Umwelt sei auch eine wirtschaftliche Belastung. Werde die Landschaft unattraktiver, könnten Touristen wegbleiben.

Für die nächsten zehn Jahre sagte Gabriel für ein Drittel der Biotope eine "deutliche bis massive negative Entwicklung voraus". Um das international vereinbarte Ziel, bis 2010 den Rückgang der biologischen Vielfalt zu stoppen, zu erreichen, müssten mehr Naturschutzgebiete ausgewiesen werden. Auch bei den finanziellen Instrumenten dürfe man "nicht nachlassen".

Die Umweltminister der G8-Staaten hatten in der "Potsdam-Initiative zur biologischen Vielfalt 2010" in der vergangenen Woche festgehalten, dass die Erhaltung der biologischen Vielfalt genauso wichtig sei wie der Klimaschutz. Gabriel erklärte, die Anstrengungen des Naturschutzes müssten auf allen Ebenen fortgeführt werden, "um unser Naturerbe dauerhaft zu sichern".

mbe/rtr/AFP



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