Staub über Deutschland Guck mal da oben, die Sahara!

Wetterbedingt sind derzeit große Mengen an Staub aus Afrika über Deutschland unterwegs. Wer Glück hat, kann sich über tolle Sonnenaufgänge freuen. Wer Pech hat, macht sein Auto kaputt.

DPA

Von


Wenn es dunkel wird über Leipzigs Nordosten, haben Martha und Polly ihren großen Auftritt. Denn erst dann sind ihre feinen grünen Lichtstrahlen am Himmel zu sehen. Mit Hilfe der Laserstrahlen vermessen Forscher am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung die Atmosphäre (Tropos) über ihren - und unseren - Köpfen.

Und dabei haben sie es derzeit mit einem interessanten Phänomen zu tun: "Wir beobachten in den letzten Tagen Staub aus der Sahara", beschreibt Tropos-Forscher Patric Seifert. "Er ist aktuell in der mittleren Troposphäre zwischen zwei und sieben Kilometern zu finden."

Schuld daran ist die Wetterlage: Über West- und Südwesteuropa, so berichtet es der Deutsche Wetterdienst, befindet sich derzeit ein ziemlich beeindruckendes Tiefdruckgebiet. Gleichzeitig liegt über Mitteleuropa eine Hochdruckzone, die Deutschland seit Tagen fantastisches Wetter beschert.

Eine Höhenströmung sorgt dafür, dass der Staub aus Afrika bis nach Europa gelangt: Von Tunesien beispielsweise geht es in Richtung Adria, dann über den östlichen Alpenraum und Polen nach Deutschland - und von dort auch weiter über Nord- und Ostsee bis nach Skandinavien. Auch in den kommenden Tagen werde diese Wetterlage bestehen bleiben, sagt Tropos-Foscher Seifert. Der Staub ist also gekommen um - vorerst - zu bleiben.

Mit neun Millionen Quadratkilometern ist die Sahara die größte Trockenwüste der Erde - und die größte Staubquelle auf unserem Planeten. Jedes Jahr wehen von dort um die 500 Millionen Tonnen in verschiedene Erdteile, teils Tausende Kilometer weit.

Die Lasermessgeräte der Wissenschaftler funktionieren im Grundsatz ähnlich wie ein Radargerät. Nur dass keine Radiowellen in den Himmel geschickt werden, sondern ultrakurze Lichtpulse. Wenn diese in der Atmosphäre auf Schwebeteilchen - wie etwa die Sandpartikel - treffen, werden sie zum Teil wieder zur Erde reflektiert - und lassen sich dort messen.

Aus der seit dem Aussenden vergangenen Zeit und der Menge des zurückgestrahlten Lichtes können die Forscher dann auf die Höhe und die Konzentration der Teilchen schließen. Auch der Deutsche Wetterdienst untersucht mit seinem Messnetz der sogenannten Ceilometer so den Himmel.

Fotostrecke

5  Bilder
Saharastaub: Sand per Luftpost

Um die 40 Mikrogramm feinsten Saharastaub (PM-10) pro Kubikmeter Luft messen die Forscher derzeit in der Troposphäre. Zur Einordnung: Wenn über die Luftqualität in Innenstädten und daraus resultierenden möglichen Fahrverboten diskutiert wird, dann spielt dabei ein Grenzwert von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft eine Rolle. Der darf nur an 35 Tagen pro Jahr überschritten werden, so steht es in den entsprechenden Verordnungen.

Von wegen saubere Bergluft

Doch im Gegensatz zum Autoverkehr sorgt der Feinstaub aus Afrika in Mitteleuropa nicht am Boden für Luftbelastung, sondern bestenfalls in den Bergen. Schweizer Forscher etwa betreiben in 3580 Meter Höhe, auf dem Jungfrauchjoch, eine Aerosol-Messstation, die winzige Partikel direkt nachweist. Dort wurde am Mittwoch wieder ein "Saharsstaub-Ereignis" gemessen.

In Griechenland dagegen gibt es auch Probleme am Boden, wie Nikolaos Mihalopoulos berichtet, Chef des National Observatory in Athen. Beim letzten großen Staubsturm vor einigen Wochen hätten die Messgeräte seines Hauses in der Station auf Kreta Werte um die 1000 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft gemessen, also das Zwanzigfache des Grenzwerts - und zwar am Boden. Wegen Sichtbehinderungen gab es Behinderungen am Flughafen von Heraklion.

Dass Kreta so stark betroffen war, liegt daran, dass die griechische Insel deutlich näher an den Ursprungsgebieten des Sandes in der Sahara liegt - es also auch schwerere Partikel mit dem Wind noch bis dorthin schaffen. Die Staubstürme damals hatten aber auch in Skigebieten in Osteuropa für spektakuläre, beinahe außerirdisch anmutende Bilder gesorgt.

Auf die Frage, ob es einen Trend zu mehr Staubstürmen aus dem Süden gebe, kann Mihalopoulos auf Nachfrage keine Antwort geben. Messungen mit hoher Genauigkeit habe man erst aus den letzten 15 bis 20 Jahren. Daraus lasse sich nicht seriös etwas ableiten. Was er aber durchaus sagen könne: Wetterlagen mit Südwind, bei denen die Staubstürme überhaupt möglich seien, die hätten in den vergangenen Jahren durchaus leicht zugenommen.

Forscher wissen aber auch: Die Sahara exportiert seit mindestens 4700 Jahren quasi ununterbrochen Sand in die benachbarten Erdteile. Los geht der Prozess zum Beispiel mit kurzen, heftigen Regenfällen in den Bergen Afrikas, etwa im Tschad. Wasserfluten reißen dann Sedimente mit sich, die in den Tälern als Schlamm liegenbleiben. Wenn dieser dort trocknet, kann er anschließend vom Wind mitgerissen werden und auf Reisen gehen. Dabei spielen bestimmte, von den starken Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht verursachte Winde, sogenannte bodennahen Strahlströme, aber auch Gewitter- und Sturmfronten eine Rolle.

Der Staub ist dabei weit mehr als ein wissenschaftliches Kuriosum oder ein kurzzeitiges Ärgernis. Die Mineralpartikel düngen die Meere und lassen dort das Phytoplankton sprießen. Sie fliegen regelmäßig auch mit den Passatwinden über den Atlantik - und verbessern die Böden im Amazonas oder den Regenwäldern der Karibik. In Portugal wiederum haben Forscher nachgewiesen, dass die Leistung von Solarzellen durch Staubstürme sinkt - weil sie die Oberfläche der Paneele verschmutzen.

Auch Transportvehikel für Krankheitserreger

Und dann ist da noch eine Forschungsarbeit aus dem vergangenen Jahr, die belegt, dass der Sand auch als Transportvehikel für Krankheitserreger dienen kann. Forscher um Tobias Weil von der Fondazione Edmund Mach im italienischen San Michele All'adige hatten Staubablagerungen in den Dolomiten untersucht und dabei gezeigt, dass sogar ganze Gemeinschaften von Mikroorganismen, zum Teil besonders resistente Exemplare, auf dem Luftweg übers Mittelmeer reisen können. Gerade im Winter könnten sich die Bakterien und Pilzsporen in Eis- und Schneeschichten ansammeln und womöglich zur Gefahr werden.

In Deutschland hat der Wüstensand kaum direkte Folgen - zu hoch ist er in der Atmosphäre. Allerdings können die Teilchen, weil sie das Licht streuen, für spektakuläre Sonnenauf- und -untergänge sorgen. Auch lassen sie, als sogenannte Kondensationskerne, zusätzliche Wolken entstehen.

Den Boden erreichen die Partikel dagegen nur, wenn es regnet. Dann wird der Sand ausgewaschen - und landet als gelblicher Rückstand auf Oberflächen. Im Mittelalter nannte man das Blutregen. Damals zumindest ein böses Omen.

Doch in Wahrheit gibt es eigentlich nur ein Problem - und das können Autofahrer bekommen: Die müssen nämlich beim Putzen ihres Wagens den Sand mit genügend Wasser abwaschen. Sonst wirken die kleinen Körnchen nämlich wie Schleifpapier. Und ruinieren den Lack.

insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Korken 12.04.2018
1. Auch ohne Regen
Vergangenes Wochenende hatte unser Auto zweimal solch eine Staubschicht, besonders schön gesehen, da es nach dem Waschen war. Das ganze allerdings ohne Regen, also keine Plaquen oder so. Der Sand war so fein, dass schon der leichte Fahrtwind ihn wieder wegwehte, was durch die Windschutzscheibe recht spektakulär aussah, wie solch feiner Sand durch Strömungen sich verflüchtigt. Auf der Heckscheibe war im unteren Bereich Mitte dann eine Ansammlung, da dort wohl kaum Fahrtwind hingelangte. Ein- zweimal kurz kräftig pusten und er war weg. Faszinierend.
rockingham 12.04.2018
2. Feinstaub / Stickoxide
Bei der aktuellen Diskussion um Diesel-Fahrverbote geht es um Stickoxide, nicht um Feinstaub. Damit bietet der genannte Grenzwert keinerlei Vergleich. Unglaublich dass nach fast drei Jahren Diskussion das sogar bei SPON immer noch verwechselt wird...
rockingham 12.04.2018
3. Feinstaub / Stickoxide, die 2te
Oh, zuerst denken, dann schreiben... Die Aussage im Artikel ist tatsächlich richtig. Mein Fehler!
spiegelleser987 12.04.2018
4.
Die Messstationen messen den Anstieg und schieben die Ursache statistisch wieder den Dieselautos zu. So macht man es schon in Berlin. Da werden sich die Politiker und Umweltschützer freuen, endlich wieder einen Feinstaubanstieg melden zu können. .
Eulenspiegel-2018 12.04.2018
5. Schlimm, schlimm...
Könnte mal bitte jemand der AFD Bescheid geben über diese schlimmen Schleuserwinde und Migrationspartikel, die werden das brisante Thema bestimmt nicht wie bei SPIEGEL ONLINE in der Wissenschaftsrubrik vergammeln lassen, sondern zurückpusten, mindestens.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.