Satellitenfilm Die Erde atmet

Ein neuer Satellitenfilm zeigt, dass unser Planet zu atmen scheint wie ein Lebewesen: Die Lufthülle der Erde wandelt sich rhythmisch, weil Pflanzen im Wandel der Jahreszeiten Gase aufnehmen und freisetzen. Doch warum sammelte sich zuletzt immer mehr Methan in der Atmosphäre?

ESA / Uni Bremen

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Hamburg - Auf der Umwelttagung "Living Planet" in Edinburgh werden kommende Woche faszinierende Messungen vorgestellt. Der Umweltphysiker Maximilian Reuter von der Universität Bremen hat Satellitendaten der vergangenen zehn Jahre zu einem Film aufbereitet, der den Luftwechsel der Erde zeigt - im Wandel der Jahreszeiten scheint der Planet zu atmen wie ein lebendiger Organismus.

Überlagert wird der jährliche Zyklus von der steten Anreicherung des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2), das mit Abgasen aus Fabriken, Kraftwerken und Autos in die Atmosphäre gelangt.

"Die Daten zeigen, dass CO2 trotz aller Anstrengungen der Klimapolitik weiterhin stark zunimmt", berichtet der Umweltphysiker Michael Buchwitz von der Universität Bremen. Die CO2-Menge hat bereits die Schwelle von 400 Molekülen pro einer Million Luftteilchen ("parts per million", ppm) erreicht. Vor der Industrialisierung im 19. Jahrhundert verharrte der Wert bei 280 ppm.

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Die Farben der Luft

Satelliten messen die Gase in der Atmosphäre: Sie registrieren das Sonnenlicht bis in den langwelligen Infrarotbereich. Je mehr Gase in der Luft schweben, umso stärker wird das Licht gefiltert, die gemessenen Farben werden blasser. Jedes Gas absorbiert andere Wellenlängen, so dass es im Farbspektrum sein Kennzeichen hinterlässt. Der Film zeigt es zur Verdeutlichung andersrum: Stärkere Farben zeigen eine Zunahme der Gase. Die Bremer Forscher haben nun sämtliche Daten des europäischen Satelliten "Envisat" ausgewertet, der bis 2012 zehn Jahre lang im Dienst war.

Lebenszyklen der Pflanzen erklären das "Atmen" der Lufthülle: Wachsen ihre Blätter, binden die Gewächse CO2 - der Treibhausgasanstieg verlangsamt sich. Im Winter hingegen überwiegt die Freisetzung des Gases aus Böden, Vulkanen oder der Atmung von Tieren und Menschen.

In den Tropen, wo die Jahreszeiten schwach ausfallen, schwankt die CO2-Menge kaum. Auch über den ausgedehnten Ozeanen der Südhalbkugel variiert das Treibhausgas in der Luft wenig. Methan reichert sich vor allem im Hochsommer und Herbst an, wenn beispielsweise in feuchten Reisfeldern und Sümpfen Pflanzenreste verfaulen.

Die Satellitendaten sollen klären, wie viel Gase die Vegetation bindet. Die Kenntnisse sind ungenau, so dass Klimaprognosen auch in dieser Hinsicht zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Wird die Pflanzenwelt die Klimaerwärmung abmildern? Oder ist ihre Aufnahmefähigkeit von Treibhausgasen bald erschöpft? "Die Schwankungen von Jahr zu Jahr sind sehr hoch", berichtet Buchwitz.

Das Methan-Rätsel

Klimamodelle unterschätzten die Variationen. "Um die Simulationen zu verbessern, wollen wir verstehen, warum es die Unterschiede gibt", sagt der Umweltforscher, der am Projekt "Climate Change Initiative" der Europäischen Raumfahrtagentur Esa und des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) beteiligt ist. "Wenn wir wissen wollen, wie sich das Klima der Erde in den kommenden Jahren verhält, müssen wir uns ein Bild der Vergangenheit machen und das Verhalten der Treibhausgase über Jahre studieren", ergänzt der Umweltforscher Achim Friker vom DLR.

Auch die Daten zum Methangas verwirren die Experten: Bis 2007 blieb die Menge im Jahresdurchschnitt recht konstant, lediglich das "Atmen", also die jahreszeitlichen Schwankungen wurden aufgezeichnet. Seither jedoch sammelt sich mehr Methan in der Luft, das den Treibhauseffekt verstärkt. "Über die Quellen herrscht Unklarheit", sagt Buchwitz. Womöglich setzen die Förderung von Erdgas oder die Viehhaltung vermehrt Methan frei.

Die Konzentration von CO2 war zuletzt immer schneller gestiegen. Mitte der sechziger Jahre stieg die Kurve pro Jahr um 0,7 Teilchen pro Million. Mitte der achtziger Jahre wurde der Grenzwert von 350 CO2-Teilchen überstiegen. Mittlerweile beträgt der Anstieg pro Jahr zwei bis drei CO2-Moleküle pro Million Luftteilchen. Der Mensch hat den CO2-Gehalt der Luft damit mittlerweile um mehr als 40 Prozent erhöht.

Wie stark das zusätzliche Treibhausgas die Erde bislang schon erwärmt hat, ist umstritten. Die Durchschnittstemperatur der Erde in Bodennähe ist in den vergangenen 130 Jahren um 0,8 Grad gestiegen. Der vorherrschenden Deutung zufolge ist CO2 für zwei Drittel der Temperaturzunahme verantwortlich. Ende September wollen die Vereinten Nationen die neuesten Klimaprognosen vorstellen.



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insgesamt 50 Beiträge
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Seite 1
vantast64 05.09.2013
1. Es wird weiter am Ast gesägt,
auf dem wir alle sitzen. Nichteinmal den Fleischkonsum will man reduzieren. Nur gut, daß ich keine Kinder habe, ich würde mir sonst um die Zukunft Sorgen machen.
klugscheißer2011 05.09.2013
2.
Zitat von sysopUC BREMEN/ INSTITUTE OF ENVIRONMENTAL PHYSICSEin neuer Satellitenfilm zeigt, dass unser Planet zu atmen scheint wie ein Lebewesen: Die Lufthülle der Erde wandelt sich rhythmisch, weil Pflanzen im Wandel der Jahreszeiten Gase aufnehmen und freisetzen. Doch warum sammelte sich zuletzt immer mehr Methan in der Atmosphäre? http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/die-erde-atmet-satellitenfilm-zeigt-treibhausgase-a-920312.html
Weil wer atmet, irgendwann auch mal furzen muss! :-)
Alphabeta 05.09.2013
3. Die Erde ist jedenfalls übervölkert
und überzivilisiert, wird ausgebeutet und vergiftet. Das wäre alles nicht nötig, wenn die Menschheit endlich ihre falsche materialistische Sicht aufgäbe und begriffe, daß nicht nur sie allein lebendig ist, sondern auch alles andere um sie herum. Es fehlt trotz aller modernen Erkenntnisse immer noch das Wichtigste: Die Achtung vor dem Leben und das dementsprechende Verhalten. Es heißt immer nur wieder: Wachstum, Wachstum, Wachstum! Woher denn? Wir haben doch nur diese eine Mutter Erde? Wenn diese kranke und blinde Gier nach nur immer mehr und weiter so nicht endlich verschwindet, wird dieser Planet als Lebewesen wahrscheinlich verenden. "They rape her own mother earth" hat der rote Mann einmal dem weißen Mann vorgeworfen. Jetzt werd ich wahrscheinlich wiederals "Öko" beschimpft. Es ist wohl wirklich hoffnungslos. Es gibt zwei Dinge, die endlos groß sind...
Ontologix II 05.09.2013
4. Religion und Methan
Eine der größten Methanquellen ist die massenhafte Haltung von wiederkäuenden Rindern. Um die Milliarden Fleischbuletten für Muslime und Juden religiös-korrekt zu produzieren, darf kein Schweinefleisch verwendet werden. Schweine würden weit weniger Methan in die Atmosfäre blasen.
aueronline.eu 05.09.2013
5. Wir werden den Planet als Ganzes begreifen müssen
oder auch nicht. Nur moralisch und ethisch brächte es bei dem Ei en oder anderen ein neues Bewusstsein, aber logische Konsequenz bleibt aus, weil eben Geld die Welt regiert. Gaia, der Planet als ein Organismus. Inklusive aller bon uns definierten lebendigen Masse. Ich selbst bin überzeugt, dass wir da Unterscheidungen getroffen haben, die so nicht stimmen. Angefangen bei der Definition, was lebendig ist und was nicht. Macht man nur einen Schritt zurück ob unserer scheinbaren intellektuellen Größe, funktioniert unser Planet nicht viel anders als eine Zelle.
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