Knochensplitter

Knochensplitter Deutschlands bemerkenswerteste Fossilien

Urweltmuseum Hauff Holzmaden

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Seit 2008 kürt die Paläontologische Gesellschaft das Fossil des Jahres. Bisherige Preisträger waren entweder groß, selten, spektakulär oder frisch entdeckt. In diesem Jahr wurde eine 185 Millionen Jahre alte Riesen-Seelilie ausgezeichnet. Aber was charakterisiert eigentlich "ein ganz besonderes Fossil"?

Fossilien können bedeutend sein, einfach nur schön und dekorativ oder aus rein persönlichen Gründen wertvoll. Da hat das eine nichts mit dem anderen zu tun: Was ein Fossil zu etwas Besonderem macht, hängt natürlich auch vom Betrachter ab. Selbst für Profis ist die wissenschaftliche Bedeutsamkeit längst nicht das einzige Kriterium.

Ich persönlich hänge besonders an den paar kleinen Fossilien, die ich selbst gefunden habe. Das sind dann nur sehr grob oder gar nicht präparierte Stücke, Ammoniten, Muscheln, Teile von Seelilien - nichts Wichtiges. In einem Regal hinter mir stehen zwei ganz rohe Ammoniten, einer davon hat einen Durchmesser von immerhin 16 Zentimetern, aber einen deutlich sichtbaren Riss, und ist auch nicht vollständig aus dem umliegenden Stein - seiner "Matrix" - herausgearbeitet.

Weder wertvoll noch schön, aber von brachial-sentimentalem Reiz: Grob behauene Ammoniten (Ceratiten aus Thüringen, Trias, ca. 235-240 Mio. Jahre)
Frank Patalong

Weder wertvoll noch schön, aber von brachial-sentimentalem Reiz: Grob behauene Ammoniten (Ceratiten aus Thüringen, Trias, ca. 235-240 Mio. Jahre)

Er ist nach gängigen Kriterien nicht schön, aber mein Lieblingsstück.

In Museen sehe ich mir dagegen gern an, was spektakulär oder neu entdeckt ist. So ein fossiles Palmblatt (siehe unten) würde ich mir sofort an die Wand hängen: Leider hängt es stattdessen im Naturhistorischen Museum in Wien, eine Platte von über zwei Meter Höhe. Für mich ist es eines der schönsten, weil dekorativsten Exponate der dortigen Ausstellung, in der natürlich auch Seelilien zu sehen sind.

Kurzum: Ich finde, dass durchaus allein schon ästhetischer Reiz ein Fossil zu etwas ganz Besonderem machen kann. Jenseits aller Wissenschaftlichkeit ist aber vor allem wichtig, welche Geschichte wir damit verbinden.

Naturhistorisches Museum Wien: Fossiles Palmblatt
Frank Patalong

Naturhistorisches Museum Wien: Fossiles Palmblatt

Und der Oscar geht an...

Solche Dinge sind offensichtlich auch für die Profis ein Kriterium. Vielleicht wird eine fossile Seelilie so zum Fossil des Jahres 2014?

Diese an Blumen erinnernden Tiere, die mit Seesternen verwandt sind, sind nicht wirklich selten. Man kann sie sich in vielen Museen ansehen. Nicht nur im Frankfurter Senckenbergmuseum steht eine solche Platte mit Crinoidea, auf der es so wimmelt, dass man sich plastisch vorstellen kann, wie einst ganze Unterwasserwälder solcher Stachelhäuter den Meeresgrund bedeckten.

Seelilien gibt es seit über 480 Millionen Jahren, und auch wenn ihre Hochzeit seit 250 Millionen Jahren vorbei ist, gibt es sie immer noch - vor allem in der Tiefsee. Über 200 Arten (von denen aber nur noch rund zwei Dutzend "gestielt" und dauerhaft verankert leben) gibt es noch in unseren Ozeanen. Doch selbst das ist nur noch ein leiser Widerhall des enormen Artenreichtums, der weltweiten Verbreitung und der Größen, die Seelilien einst hervorbrachten.

...die Schönheitskönigin

Die Seelilie Seirocrinus subangularis, Fossil des Jahres 2014 der Paläontologischen Gesellschaft, brachte es vor 185 Millionen Jahren auf Wuchslängen von fast 20 Metern. Ihre Kronen, die so sehr an Blüten erinnern, konnten mehr als einen Meter Durchmesser erreichen.

Aber solche Fossilien müssen gar nicht groß sein, um zu beeindrucken. Das in diesem Jahr ausgezeichnete Stück wurde "aufgrund seines Bekanntheitsgrades und seiner wissenschaftshistorischen Bedeutung" ausgewählt, heißt es in einer Mitteilung der Paläontologischen Gesellschaft.

Ich glaube, in Wahrheit hat man gerade diese Seelilie herausgesucht, weil sie schlicht so schön ist: Prächtig erhalten steht da ein kleiner "Strauß", jede Wurzel, jeden Stiel, jede Faser der Kronen erkennt man. Der zweite Grund ist ganz offensichtlich sentimentaler Natur: Die erste Originalplatte dieser Seelilie gehörte zu den ersten Fossilen überhaupt, die in Deutschland das akademische Interesse an vorzeitlichem Leben weckten. Das gibt dem Fossil sozusagen eine zweite Zeitdimension, eine historische Tiefe - ein bisschen so, wie man unwillkürlich an Mary Anning denkt, wenn man das Relief eines Ichthyosaurus sieht.

Gefunden wurde dieses ursprünglich "Schwäbisches Medusenhaupt" genannte Stück bereits 1724 vom Priester Eberhard Friedrich Hiemer, der den Fund eines solchen versteinerten Meereswesens mitten auf dem Lande zeittypisch als Beweis für die Sintflut deutete. Bereits 1827 gelangte das Fossil nach Göttingen, wo es heute in den Sammlungen des Geowissenschaftlichen Museums der Universität zu sehen ist.

Wer sich so etwas einmal im Original ansehen will, braucht aber selten weit zu fahren: Auch das Urweltmuseum Hauff in Holzmaden zeigt Teile des Schwäbischen Medusenhauptes, das Berliner Naturkundemuseum oder auch die Paläontologische Sammlung der Uni Tübingen.

Welche Fossilien die Paläontologische Gesellschaft sonst seit 2008 als außergewöhnlich auszeichnete und wo man die Exponate heute sehen kann, haben wir in einer Bildergalerie zusammengestellt. Und wie sehen Ihre "ganz besonderen" Fossilien aus?



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3 Leserkommentare
der_horst 19.02.2014
crigs 20.02.2014
50penny 20.02.2014

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