Die Garamanten Das mysteriöse Herrschervolk der Wüste

Vor Jahrtausenden kontrollierten die Garamanten den Karawanenhandel von Zentralafrika bis zum Mittelmeer. Die Wüstenbewohner boten Römern und Griechen die Stirn und mumifizierten ihre Toten Jahrhunderte vor den Ägyptern. Wer waren die geheimnisvollen Herrscher der Einöde?

Von Jean-Christoph Caron


Die libysche Fessan-Wüste: ein Sandmeer, das mehr als 550.000 Quadratkilometer im Zentrum der Sahara umfasst. Antoine de Saint-Exupéry, Pilot und Autor des "Kleinen Prinzen", musste dort notlanden. Ladislaus Almásy (1865–1951), das Vorbild für Hollywoods "Englischen Patienten", schleuste durch diese Wüste Nazispione nach Ägypten. Dort florierte aber antiken Berichten zufolge einst auch eine Hochkultur auf Augenhöhe mit den Griechen und Römern an der Mittelmeerküste.

Der Geschichtsschreiber Herodot beschrieb sie um 430 v. Chr. in seinen "Historien" als sehr mächtiges Volk von hoher Kriegskunst: "Die Garamanten haben Wagen, mit vier Pferden bespannt, mit denen sie die äthiopischen Höhlenvölker jagen." Die Griechen hätten die Technik der vierspännigen Streitwagen sogar erst von diesen Ur-Libyern gelernt. Doch Herodot verstrickt sich in Widersprüche: "In dem Teil Libyens, wo man wilde Tiere findet, leben die Garamanten, die jeden Kampf mit Menschen vermeiden, keine Waffen besitzen und sich nicht zu verteidigen wissen." Zweifel sind berechtigt, ob er jemals die Libysche Wüste selbst bereist hat. Noch bis in das 6. Jahrhundert n. Chr. wird dieses Volk immer wieder in antiken Chroniken erwähnt, dann verschwindet es aus der Geschichte.

Wer waren die Garamanten wirklich? Seit zehn Jahren forschen zwei große archäologische Expeditionen in der lebensfeindlichen Wüste nach Antworten: Savino di Lernia und Mario Liverani von der römischen Universität La Sapienza untersuchen an den südlichen Rändern des Fessan ein riesiges Areal von 60.000 Quadratkilometern, ihr britischer Kollege David Mattingly von der Universität Leicester konzentriert sich auf die legendäre Hauptstadt Garama im Zentrum der Wüste.

Beide Teams kämpfen nicht nur gegen das Klima und ungenügende Karten. Sie müssen auch manches Fehlurteil früherer Forscher korrigieren. Im festen Glauben an Herodot, Tacitus, Plinius und Co. deklarierten europäische Reisende des 19. Jahrhunderts manchen Fund in der Wüste als Werk der Garamanten. Zum Beispiel erklärte der Berliner Geograf Heinrich Barth (1821–1865) eine Figurengravur bei den Sandsteinfelsen des Messak Settafet zum "Garamantischen Apoll". Andere Felszeichnungen von Büffeln und Straußen veranlassten ihn zu der Vermutung, es müsse im Herzen der Sahara einmal sehr viel mehr geregnet haben – was den Tatsachen entspricht.

Als Barths Expedition in Deutschland als verschollen galt, machte sich der Astronom Eduard Vogel (1829–1856) zur Rettung auf. Dieser glaubte, 1853 bei der Beduinensiedlung Jerma das legendäre Garama entdeckt zu haben. Heute wissen wir, dass er sich von Lehmbauten aus dem Mittelalter täuschen ließ. Seine wissenschaftliche Neugier wurde dem Deutschen zum Verhängnis: Ein Sultan hielt Vogel für einen Spion und ließ ihn töten.

Edelsteine aus dem Sandmeer

Der Bremer Afrikaforscher Gerhard Rohlfs (1831–1896), der 1865 als Araber getarnt in der Sahara nun wiederum das Schicksal des Astronomen klären wollte, wunderte sich in der Oasenstadt Ghadames über "Ruinen runder und viereckiger Türme aus roh bearbeitetem Stein", die ihm wie durch Mauern verbunden schienen. Im Wissen um die antiken Berichte schloss Rohlfs, "dass die Türme, lange bevor die Römer nach Ghadames kamen, von Garamanten errichtet wurden", um "als Zufluchtsstätte und Schatzkammer wie auch zur Verteidigung gegen feindliche Angriffe zu dienen". Denn die Chroniken schwärmten nicht nur von der Kriegsmacht des frühen Saharavolks, sondern auch von ihren Schätzen an Edelsteinen: Aus dem südlichen Äthiopien sollen sie Carbunculi – Karfunkel – erstanden haben, worunter man in der Antike rote Edelsteine wie Rubin, Roter Turmalin und Granat verstand. Und aus ihrem Berg "Gyri" – dem Berg des Rings – gewannen sie laut Plinius eigenhändig kostbare Edelsteine.

Im Fessan hinter den schwarzen Vulkanbergen erforscht David Mattingly seit 1997 das Wadi al-Ajal – eine etwa 150 Kilometer lange Trockensenke, die im Norden vom Ubari-Sandmeer und im Süden vom Steinplateau Hamada Murzuk begrenzt ist. Bis dato hatte man hier keine größeren Siedlungen aus der Antike gefunden. Wie Eduard Vogel vermutete auch der Brite das legendäre Garama in der Nähe von Jerma – tausend Kilometer südlich der heutigen Hauptstadt Tripolis.

Sieben Jahre lang grub sich sein Team durch Sand, Geröll und die Schichten der von Vogel entdeckten mittelalterlichen Lehmbauten, bis es in vier Meter Tiefe fündig wurde: Ruinen aus massivem Stein, die mindestens in das 4. Jahrhundert v. Chr. datierten – laut den antiken Chronisten also in die Frühzeit der Garamanten. Die Grundrisse künden von einer außergewöhnlichen Stadt. Gestufte Steinfassaden müssen einmal zu einem riesigen Tempel gehört haben – ein Steintempel mitten in der Wüste! Und im Zentrum von Wohnvierteln, Marktplätzen und Badeanlagen – ein befestigtes Militärlager.

Offenbar rühmte Herodot die Kriegskunst des Wüstenvolks zu Recht. "Alles spricht dafür, dass Garama ein stehendes Heer an Kriegern hatte", erklärt Mattingly. Zumal eine große steinerne Mauer mit Wachtürmen die Stadt sicherte – davor ein Ringgraben, der auf den Forscher wie ein Wassergraben wirkte. Doch wie soll eine große Stadt samt Kaserne in der Wüste überlebt und sogar einen Wassergraben unterhalten haben?

Sklaven aus dem Innern Afrikas

Der Brite entdeckte zahlreiche Schächte, die senkrecht in die Tiefe führten und unterirdisch verbunden waren – ein Kanalsystem! Vom Plateau des Hamada Murzuk bis zu den Feldern Garamas konnte Regenwasser durch das Felsgestein bis zu fünf Kilometer weit unterirdisch fließen. Vielleicht gibt die so genannte Peutinger-Karte, eine im Mittelalter von Mönchen abgezeichnete römische Karte, doch die Realität wieder, da sie bei den "Garamantes" in der Wüste eine große Wasserfläche zeigt.

Die Werkzeuge für den Aquädukt schmiedete das Wüstenvolk wahrscheinlich selbst, wie Ofengruben vermuten lassen. Der britische Archäologe nimmt an, dass beim Bau Sklaven aus dem Innern Afrikas schuften mussten. Denn eine antike Chronik berichtet aus späterer Zeit von einer Sklavenexpedition der Garamanten: "Um 86 n. Chr. ging der König der Garamanten auf eine viermonatige Sklavenexpedition" – wahrscheinlich zum Tschadsee an der heutigen Südwestgrenze des Tschads zu Nigeria.

Dank der Brunnen rang man der Wüste Ackerflächen ab. Laut Herodot ersannen die Garamanten die Kultivierungstechnik, den salzigen Sandboden mit Erde zu bedecken und zu bebauen. In Garama fanden Paläobotaniker Spuren von Getreide, Wolle, Dattelpalmen, Olivenhainen und Weinreben. Für Mattingly sind die Garamanten jener Zeit deshalb auf keinen Fall Nomaden, wie es die römischen Chronisten darstellten, sondern die "erste urbane Zivilisation, die jemals in einer Wüste errichtet wurde". Die Stadt soll einst an die 10.000 Einwohner gezählt haben. In ihrer Umgebung entdeckte die britische Expedition bis zu 100.000 Gräber, die allerdings noch nicht datiert werden konnten. Klar ist: Einige davon stammen aus antiker Zeit, denn sie enthielten Glaswaren aus dem über 2000 Kilometer entfernten Rom als Beigaben. Im kommenden Jahr wird das britische Team seine Grabungskampagne fortsetzen.



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