Knochensplitter

Knochensplitter Der kleinste Dickschädel der Welt

Pachycephalosauria waren, wie der Name übersetzt sagt, die Dickschädel unter den Sauriern. Was nicht heißt, dass sie groß sein mussten: Kanadische Paläontologen beschreiben nun einen besonders kleinen. Was nicht überraschend ist, sondern überfällig war - Großsaurier waren wohl Ausnahmen.

Typus Pachycephalosaurus: Pflanzenfresser mit "Helm". Den nutzte er wahrscheinlich zum Rammen - ob primär zur Verteidigung oder bei Balzkämpfen, weiß man nicht
Corbis

Typus Pachycephalosaurus: Pflanzenfresser mit "Helm". Den nutzte er wahrscheinlich zum Rammen - ob primär zur Verteidigung oder bei Balzkämpfen, weiß man nicht


Acrotholus audeti war wohl nichts Besonderes, argumentieren seine Entdecker um den kanadischen Paläontologen David Evans in den "Nature Communications", einem Online-Ableger des "Nature"-Magazins. Doch gerade dass Acrotholus so normal gewesen sei, mache ihn bemerkenswert: Die nun neu beschriebene Art aus der Familie der Pachycephalosauria war ungewöhnlich klein.

Anhand dreier Fossilien beschrieb ein Forscherteam vom Royal Ontario Museum die neue Variante, die nur rund 40 Kilogramm schwer und so groß wie ein Hund geworden sein dürfte. Gemein mit ihren Verwandten hat sie aber den dicken Schädel, mit einem Schädeldach von über fünf Zentimeter Dicke.

Und noch ein weiteres Merkmal, argumentieren die Forscher, habe Acrotholus audeti sogar mit den meisten anderen Sauriern gemein gehabt: seine geringe Größe. Zwar kennt man zahlreiche kleine Saurierarten, bisher aber wurden mehr Fossilien großer Tiere gefunden. Das, schreiben Evans und seine Co-Autoren, sei keine Frage der Zahl, sondern der Knochenmasse - der kleine Acrotholus stehe für eine "verborgene Vielfalt". Denn kleine Knochen fossilisierten schlechter und seltener als besonders große.

Die Masse macht's

Ganz davon abgesehen, dass sie weniger auffällig sind. Donald Henderson vom ebenfalls kanadischen Royal Tyrrell Museum berichtete am Montag im "Guardian" von einer ganz besonders spektakulären Ausgrabung. Und das in mehrfacher Hinsicht: Seinem Team gelang die Bergung eines Ankylosauriers, und zwar aus marinem Sediment.

Da hatte der natürlich absolut nichts zu suchen, denn alle Dinosaurier waren Landlebewesen. Die Tyrrell-Forscher gehen davon aus, dass der Saurier tot über einen Fluss ins Meer gespült und annähernd 200 Kilometer weit transportiert wurde, bevor er im Meeresschlick versank und irgendwann fossilisierte.

Noch ungewöhnlicher aber ist die Geschichte der Ausgrabung selbst. Das Fossil fiel im ganz normalen Tagebau-Minenbetrieb auf - als ein Großbagger in zwölf Meter Höhe Material aus einer Klippe sprengte. "Size matters", auf die Größe kommt es eben an, wenn in solchen Situationen ein Fossil überhaupt auch nur bemerkt werden soll. Henderson freut sich jetzt über ein noch zu präparierendes Großfossil, das man anders als mit Riesenbaggern und schwerem Gerät gar nicht hätte bergen können. Selten genug, dass der Abbau von Mineralien in so einem Maßstab zu einem paläontologischen Glücksfall wird.

Groß fällt auf

Glücksfälle sind auch alle Funde kleiner Saurier, wobei Pachycephalosauria hier bessere Karten haben als andere. Sie werden wohl nicht nur deshalb ungewöhnlich häufig gefunden, weil diese Pflanzenfresser eben besonders häufig waren, sondern insbesondere wegen ihrer dicken Schädel. Bis zu zehn Zentimeter Knochendicke bei den größten Arten begünstigen die Fossilisierung. Im Gegenschluss fossilisierten sehr feine Knochen nur unter sehr günstigen Umständen.

Tatsächlich hatten Saurier ja klein begonnen. Archosaurier - aus denen Dinosaurier, Vögel, Krokodile und Flugsaurier hervorgingen - waren die Profiteure des Massensterbens am Ende des Perm gewesen. Sie besetzten die ökologischen Nischen, die die primitiveren Synapsiden per Aussterben freimachten. Die frühesten Dinosaurier bewegten sich dabei flink, aber eher bodennah, Gewichte über 20 bis 30 Kilogramm waren die Ausnahme, Saurier von Hühnergröße nicht selten. Allerdings blieb das nicht lang so: Mit dem Jura begann der Trend zum Größenwachstum, der erst in der Kreide seinen Höhepunkt finden sollte. Die damalige Megafauna war von seitdem nicht mehr erreichter Größe.

Aber, so Evans und Co., sie war eben auch Megafauna: Großtiere aber seien bis heute die Ausnahmen im Ökosystem. Man müsse davon ausgehen, dass zu gleicher Zeit eine weit größere Vielfalt und Masse an kleinen Tieren zu Füßen der riesigen Saurier gelebt habe - Tiere wie der Mini-Pachycephalosaurus Acrotholus audeti.

Auch wenn der Gedanke an sich nicht neu ist, dass es neben den Riesen unter den Sauriern eben auch Zwerge gab, mag Evans These von der verborgenen Vielfalt der Mini-Saurier unser Bild des damaligen Ökosystems wieder ein wenig weiter formen. Plausibel ist es allemal, wenn man sich die heutige Wildfauna ansieht: Sehr wenige Großtiere stehen da sehr vielen kleinen gegenüber. Es erscheint nur logisch, für frühere Epochen ähnliches anzunehmen.

pat

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