Kommunikation Tiere sind auch nur Menschen

In ihrem Buch "Die Sprachen der Tiere" enthüllt die Philosophin Eva Meijer die vielfältige Kommunikation unter Hunden, Vögeln und Bienen - und plädiert für ein neues Rechtsverständnis der Tiere.

Erdhörnchen
DPA

Erdhörnchen


Der französische Philosoph und Naturwissenschaftler René Descartes folgerte um 1620 aus der Tatsache, dass Tiere nicht sprechen, dass sie auch nicht denken. Immanuel Kant, der Denker der Aufklärung, sah die Tiere aufgrund ihrer Sprachlosigkeit außerhalb der moralischen Gesellschaft.

Und Martin Heidegger sprach ihnen gar die Fähigkeit zu sterben ab. Denn, so der deutsche Philosoph: Wer nicht spricht, steht nicht in der Welt - und stirbt folglich auch nicht, sondern verschwindet einfach.

Im Rahmen ihres jüngst erschienenen Buchs "Die Sprachen der Tiere" demonstriert die niederländische Schriftstellerin und Philosophin Eva Meijer nun, wie vielfältig tatsächlich aber die Sprachen der Tiere sind - und wie falsch die großen Welterklärer einst lagen. Zugleich liefert sie zahlreiche Beispiele für die vielfältigen Arten und Weisen tierischer Kommunikation.

Was ist eigentlich Sprache?

So haben zum Beispiel wildlebende Elefanten ein bestimmtes Wort für Mensch, das ihnen drohende Gefahren anzeigt. Zudem kommunizieren sie mithilfe niederfrequenter Laute über mehrere Kilometer hinweg miteinander. Wale verständigen sich ebenfalls mithilfe einer ausgeklügelten Lautsprache - und die Mantis-Garnele tut es über zwölf eigenständige Farbkanäle, die ihren Artgenossen bestimmte, jeweils farbunterschiedliche Botschaften zukommen lässt.

Kurz: es existieren, so Meijer, offenbar Codes, mit denen Wale, Vögel oder Bienen sich auf ihre jeweils eigenen Arten untereinander austauschen. Von den komplexen Systemen, die sie eigens dafür entwickelt haben, berichtet ihr Buch - ausgehend von Fragen, die da lauten: Lässt sich die Kommunikation der Tiere als Sprache bezeichnen? Können wir mit Tieren sprechen? Und was ist eigentlich Sprache?

Im Video: Luchse kämpfen - mit ihren Stimmen

Edward Trist/Storyful

"Die Kommunikation der Tiere ist auf ihr jeweiliges Lebensumfeld abgestellt", heißt es da, "sie ist das Ergebnis ihrer physischen und kognitiven Fähigkeiten. ...Da sich Tiere nicht in Menschensprache artikulieren können, glauben wir oft, wir können nicht erfahren, was sie denken. ...Doch wenn man ein Tier gut kennt, kann man es oft hervorragend verstehen, manchmal sogar besser als einen Menschen aus einer anderen Kultur."

Es gibt den Dialog zwischen Mensch und Tier

Wie das funktioniert, davon erzählt ihr Buch. Und zu welchen Tricks und Modifikationen Tiere bisweilen greifen, um sich zu verständigen. So verwenden etwa amerikanische Erdhörnchen nicht nur unterschiedliche Laute, um ihre Artgenossen vor drohenden Feinden zu warnen; sie zeigen ihnen darüber hinaus auch noch an, ob der feindliche Angriff aus der Luft droht oder ebenerdig zu erwarten ist.

Und die Colliehündin Chaser, so Meijer, erlernte die Bezeichnungen von mehr als tausend Spielzeugen und war zudem in der Lage, die menschliche Sprache zu lesen - und demzufolge mit ihrem Besitzer zu sprechen.

Es gibt ihn also, den über scheinbare ontologische und sprachliche Barrieren hinweg geführten Dialog zwischen Mensch und Tier - ein funktionierendes Sprechen miteinander.

Doch Meijers Buch ist mehr als nur die akribische Auflistung ebenso faszinierender Tiersprachmodelle; sie sucht auch nach neuen Formen einer möglichen Gemeinschaft zwischen Mensch und Tier.

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Eva Meijer:
Die Sprachen der Tiere

Aus dem Niederländischen von Christian Welzbacher

Matthes & Seitz Verlag; 174 Seiten; 28 Euro

So wird bei ihr das Nachdenken über die Sprachen der Tiere und das Sprechen mit Tieren zu einem faszinierenden Diskurs über neue Formen der Co-Existenz und des Umgangs miteinander, der dahinführt, die aktuelle Stellung der Tiere in unserer Gesellschaft kritisch zu hinterfragen - und, was Fragen der Ethik und der Moral betrifft, womöglich neu zu definieren.

"Wie wir über Tiere denken", so Meijer, "hängt damit zusammen, wie wir sie behandeln." Weitergedacht stellt sie die Frage, welche Rechte Tieren zufallen, sobald wir sie qua ihres festgestellten Sprechens in den Stand einer Person erheben, die - juristisch gesprochen - veritable Rechte besitzt.

Abschließend bleibt festzuhalten: Tiere besitzen Rechte und kommunizieren nicht nur. Sie sprechen miteinander - und mit uns. Es ist also an uns, ihnen zuzuhören. Denn was sie uns zu sagen haben - daran lässt Eva Meijers Buch keinen Zweifel - ist hochinteressant!



insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
frenchie3 03.06.2018
1. Wer Katzen hat
(oder Hunde usw) für den ist das alles olle Kamelle. Schön daß das jetzt auch "offiziell" erkannt wird. Die Kerlchen "sprechen" recht deutlich, beispielsweise um zu erklären welches Futter man will. Eines unserer Katzenmädchen, blind von Geburt an, verstand auch was wir sagten um entsprechend zu reagieren. Klar, wenn als sprechen nur so gilt wie wir es tun, wird das nichts. Wenn man deren Äußerungen aber als Fremdsprache sieht (und die Körpersprache wie bei den Italienern :-) ) dann wird das was
dasfred 03.06.2018
2. Habe den Artikel meinem Kater vorgelesen
Es hat ihn nicht interessiert. Allerdings ist mir bei ihm etwas aufgefallen. Sobald ich mittags in Küche gehe, sitzt er in der Tür und maunzt lautstark rum. Es machte keinen Sinn, ihm zu erklären, dass es noch dauert, bis das Essen fertig ist. Als ich allerdings anfing, zurück zu maunzen, dabei mit der Stimme leiser wurde und eher einen klagenden Ton angeschlagen habe, wurde er plötzlich leiser und ging auf seinen Sessel zurück. Funktioniert fast immer. Wenn er zwischendurch was will meldet er sich zuerst mit sanftem Druck auf meine Füße, bevor er sein Konzert anstimmt. Mein dritter Kater und ich habe ihn erst in hohem Alter bekommen, aber er ist sehr eigenwillig.
Sumerer 03.06.2018
3. Fauna
Ich halte den Hinweis der Philosophin Eva Meijer für längst überfällig. Tiere gehören zur Fauna unseres Planeten - wie wir auch. Und sie kommunizieren mit uns, was eine Selbstverständlichkeit ist.
dborrmann 03.06.2018
4. Es macht mir mehr Spaß ...
mich mit meinen Dackeln zu unterhalten, als mit vielen Menschen. Sie sind klug, sehr aufmerksam und können adäquat antworten. Sie können klugscheißen, rumalbern, traurig sein, ärgerlich reagieren, Forderungen stellen usw. usf. Vor allem können sie eins, mitfühlen. Und das ist eine bewunderswerte Fähigkeit, die ich an vielen Menschen vermisse.
mimikamarama 03.06.2018
5.
Tierbesitzer werden das sicher kennen. Manchmal quatscht man auch zweckfrei auf sein Tier ein. Man benutzt keine bestimmte Artikulation oder markanten Worte, die, weil der Hündin in meinem Fall, schon bekannt sind. (Stop, aus, Platz, nein, fresse, hunger, auto, etc.) Ich beobachte oft, dass meine Hündin auch bei solchen "Gesprächen" versteht was ich sage. Beispiel: Wir laufen über eine Wiese. Beide lustlos. Ich vor allem weil sie so ein schlecht gelauntes Gesicht zieht. Ich erkläre ihr, mit Blick nach vorne gerichtet, dass sie ja wahrlich kein Quell der Freude sei und dass gassi gehen so nicht wirklich spaßig sei. Sie schaut nach Beendigung des Satzes zu mir hoch, überlegt zwei drei Sekunden ehe sie aus dem trott heraus zwei drei känguruartige Hüpfer nach vorne macht und mich anlacht. Die Aktion von ihr war ansonsten ziemlich sinnfrei. Solche und ähnliche Situationen gibt es sehr häufig zwischen uns. Man kann mir nicht wirklich erzählen es seien Worte gewesen die sie auswendig gelernt hatte. Da ich sie ja nicht mal angeschaut habe musste sie sich eigentlich nicht mal angesprochen fühlen Ich wollte ja nix von ihr. Sie hatte auf jeden Fall die Bedeutung meines Satzes verstanden. Davon bin ich überzeugt. Und auch sie hat durch ihre Art darauf zu reagieren mit mir kommuniziert. (Allerdings, und auch das wird jeder Tierhalter kennen, gibt es die Momente wo man sagen kann was man will, Tier versteht leider nur chinesisch und das spreche ich leider nicht ;))
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