Dinosaurier-Evolution Der flache Vorfahr

Dinosaurier sollen sich laut Lehrmeinung aus kleinen, zweibeinigen Räubern entwickelt haben. Stimmt nicht, behauptet eine neue Studie: Es gab tiefergelegte Vorfahren, die eher an Krokodile erinnerten.

Museo Argentino de Ciencias Naturales

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Ein Fund in Tansania liefert neue Erkenntnisse über die Entwicklung von Dinosauriern und Vögeln. Anders als allgemein angenommen sollen die frühesten Vorfahren der Dinosaurier keine kleinen flinken, zweibeinig jagenden Räuber gewesen sein, sondern vergleichsweise flach gebaut - mehr Krokodil als Raub-Truthahn. Das geht aus einer in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts "Nature" veröffentlichte Studie hervor, an der amerikanische, argentinische, englische, südafrikanische, schwedische und russische Forscher beteiligt waren.

Die These macht sich an frischen Fossilfunden und der resultierenden Rekonstruktion von Teleocrater rhadinus fest, einem Archosaurier, der vor rund 250 Millionen Jahren lebte.

Archosaurier sind eine Gruppe innerhalb der Reptilien, die zu jener Zeit erstmals auftauchte und eine große Vielzahl an Arten und Formen hervorbrachte. Früh spalteten sich die Archosaurier in verschiedene Entwicklungslinien, von denen zwei die Krokodil-ähnlichen (Crurotarsi) und die vogelähnlichen Archosaurier (Avemetatarsalia) waren.

Eines der wichtigsten Unterscheidungsmerkmale zwischen Vögeln (und damit auch Dinosauriern) einerseits und Krokodilen andererseits ist die Konstruktion ihrer Fußgelenke. Bei Dinos und Vögeln funktionieren die nur in einer Richtung: Sie "knicken" nur in Laufrichtung. Damit sind sie ideal geeignet, einen Körper gradbeinig und hoch zu tragen. Krokodile können ihre Füße auch auswärts stellen, sie also sowohl "knicken" als auch drehen. Die "Ähnlichkeit" bezieht sich also auf ganz spezifische Körpermerkmale.

Vereinfachte Darstellung des Archosaurier-Stammbaums ab Trennung der Entwicklungslinien der Crurotarsi (links) und der Avemetatarsalia
University of Birmingham/ R. Butler

Vereinfachte Darstellung des Archosaurier-Stammbaums ab Trennung der Entwicklungslinien der Crurotarsi (links) und der Avemetatarsalia

Zu den bis heute überlebenden Nachfahren der zwei Gruppen gehören einerseits die Krokodile, andererseits die Vögel, also Vertreter der Dinosaurier-Entwicklungslinie. Dinosaurier waren somit ein Zweig der Gruppe der Archosaurier (siehe Diagramm).

Ein Schritt vor, zwei zurück?

Bisher geht man davon aus, dass sich Dinosaurier aus den schlankeren, kleinen Formen der Archosaurier entwickelten. Früh hatten manche Kleinräuber unter ihnen Formen der Zweibeinigkeit ausgeprägt.

So huschte vor 246 Millionen Jahren auch der Winzling Euparkeria, mit 60 Zentimetern Körperlänge kaum größer als eine große Eidechse, zwar noch meist vierbeinig durchs Unterholz. Auf der Jagd und im Gefahrenfall aber, glaubt man, flitzte das Tierchen ähnlich wie heutige Basilisken zweibeinig. So ähnlich, glaubte man bisher, müsse auch der früheste Vorfahr der Dinosaurier ausgesehen haben.

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Dino-Vorfahren: Der tiefergelegte Teleocrater

Doch so schnell und geradlinig, behauptet nun die neue Studie, ging die Entwicklung vom zweibeinigen Mini-Archo- zum Dinosaurier nicht: Auch der deutlich massigere, eher Krokodil- oder Waran-ähnliche Teleocrater gehöre ins Bild. Denn der, weist die Studie nach, sei der bisher früheste bekannte Vertreter der sogenannten vogelähnlichen Archosaurier (siehe Schaubild oben).

Was da nicht so recht ins Bild passt, ist Teleocraters Körperbau: Der Gute hatte weit mehr Gemeinsamkeiten mit seinen Krokodil-Cousins als mit den kleinen, zweibeinig huschenden Echsen. Das zeige, dass frühe Vertreter der zu den Dinosauriern hinführenden Entwicklungslinie weit mehr archaische, "krokodilähnliche" Merkmale besessen hätten als bisher gedacht.

Was nicht heißt, dass damit die kleinen, zweibeinigen Flitzer als unmittelbare Dino-Vorfahren entthront wären. Der perfekt ins Bild passende Eoraptor beispielsweise lebte vor 235 Millionen Jahren und gilt unbestritten als einer der Prototypen der Dinosaurier - ein Mini-Raptor mit kräftigen Laufbeinen und sehr dünnen Vordergliedmaßen. Nur standen Tiere dieses Typs eben nicht am Anfang der Dino-Entwicklungslinie, behauptet die Studie, sondern repräsentierten sozusagen schon den nächsten Schritt.

Die Zweibeinigkeit, die sich in ihrem Stammbaum auch schon in anderen, älteren Zweigen findet, haben die Archosaurier offenbar mehrmals entwickelt.

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