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Knochensplitter

Je kleiner, desto mehr Schrumpfende Dinosaurier waren erfolgreicher

Saurier und Vögel: Schrumpfung beschleunigte Evolution Fotos
Julius Csotonyi

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Die wahren Erfolgsmodelle unter den Dinosauriern waren keine Riesen, sondern Zwerge: Schrumpfende Körper begünstigten Sauriervielfalt und Vogel-Evolution, besagt eine neue Studie. Die Forscher liefern schwerwiegende Indizien: Sie wogen 426 Saurierarten.

Im Bild über diesem Artikel sieht man einige davon. Es ist ein Familienporträt, das man in der Realität natürlich niemals hätte machen können. Zwischen den Mitgliedern liegen nicht nur Gewichtsunterschiede im zweistelligen Tonnen-Bereich, sondern auch Zeitspannen von bis zu 170 Millionen Jahren - so lang dauerte die Herrschaft der Dinosaurier.

Trotzdem sind sie alle so eng miteinander verwandt, wie dies heute für die Säugetiere gilt - eine ähnlich vielfältige Klasse der Wirbeltiere, die Mann und Maus umfasst, Wal und Wapiti, Schwein und Schweinsnasenfledermaus. Letztgenannte ist übrigens das mit knapp drei Zentimetern kleinste und mit rund zwei Gramm leichteste lebende Säugetier. Ihm stünde der Blauwal gegenüber, der bis 33 Meter lang und 200 Tonnen schwer wird.

Damit schlagen "wir Säugetiere" sogar das Größen- und Gewichtsgefälle der Dinosaurier: Bei den Sauriern brachte es der Zwerg Qiliania graffini auf gerade 20 Zentimeter Länge und 15 Gramm Gewicht, während Amphicoelias (eine umstrittene Art) es als größter aller Sauropoden auf mehr als 50 Meter Länge und 150 Tonnen Gewicht gebracht haben könnte. Ein halbes Dutzend bekannter Sauropodenarten brachte es auf Längen um 30 Meter und Gewichte von 40 bis 50 Tonnen, und bei einigen vermutet man bis zu 90 Tonnen - zumindest an Land bewegte sich niemals etwas Größeres.

So oder so: In beiden Wirbeltierklassen wiegt der dickste Brocken mehrere Millionen Mal mehr als der kleinste Vertreter.

Auf die Größe kommt es an? Im Gegenteil!

Doch was den Erfolg bei der Ausprägung von Arten angeht, ist Gigantismus sogar eher eine Sackgasse - zumindest ist Größe in einem gegebenen Biotop immer nur für eine begrenzte Zahl von Tieren erreichbar. Die Megafauna umfasst stets nur eine überschaubare Zahl von Arten. Auch unter den rund 5400 heute lebenden Säugetierarten gibt es erheblich mehr kleine als große. Kleinheit scheint sich in Sachen Vielfalt positiv auszuwirken.

Das galt auch bei den Dinosauriern. Obwohl im fossilen Befund große Arten häufig sind, steht anzunehmen, dass der Großteil der Spezies vergleichsweise klein war. Und obwohl es bei Dinosauriern spätestens ab Beginn des Jura einen deutlichen evolutionären Trend hin zu Größenzuwachs gab, galt das längst nicht für alle: In manchen Zweigen bestimmter Saurierfamilien waren die Größen ab Mitte des Jura wieder rückläufig.

Und das, behauptet nun eine im Fachblatt "PLoS Biology" veröffentlichte internationale Studie, sogar mit ganz besonderem Erfolg: Allein die Maniraptora, deren lebende Vertreter die rund 10.000 Arten unserer heutigen Vögel sind, behielten über den ganzen Zeitraum von Trias bis Kreide ihr evolutionäres Potential, ständig neue Arten in variierenden Größen und Gestalten auszuprägen.

Klein heißt flexibel

Der Schlüssel dazu, behaupten die Forscher um Roger Benson von der britischen University of Oxford, waren Gewicht und Größe sowie deren stete Veränderung: Maniraptoren unterschritten im Laufe des Jura die untere Gewichtsgrenze von etwa einem Kilogramm. Bald darauf eroberten sie sogar den Lebensraum der Wenige-Gramm-Winzlinge: Es eröffneten sich ihnen völlig neue, variantenreiche ökologische Nischen, die sonst keiner Klasse von Sauriern zugänglich waren. Ihre Artenvielfalt explodierte regelrecht, als sich anfänglich weniger spezialisierte Arten in immer mehr hochspezialisierte Unterarten aufspalteten und von dort ausgehend weiter entwickelten.

Das macht die Maniraptoren zu einem neuen Paradebeispiel für das Prinzip der sogenannten adaptiven Radiation - der Auffächerung einer Art im Prozess der Besetzung unterschiedlicher ökologischer Nischen. Es sorgte dafür, dass die Maniraptora breiter aufgestellt waren als jede andere Gruppe Dinosaurier, als die Katastrophe kam. Sie allein unter den Dinosauriern sollten das gigantische Massensterben am Ende der Kreidezeit überleben.

"Die Körpergrößen von Dinosauriern", erklärt dazu David Evans vom Royal Ontario Museum, "entwickelten sich bei frühen Vertretern sehr, sehr schnell, was aller Wahrscheinlichkeit nach mit der Besetzung neuer ökologischer Nischen zu tun hatte." Im allgemeinen hätten sich diese Raten der Größenveränderung verlangsamt, während sich die Entwicklungslinien der Dinosaurier in diesen Nischen diversifiziert hätten. "Aber bei den gefiederten Maniraptoren hielten diese Raten der Evolution an, was zur Entwicklung der Vögel führte - der zweiten großen evolutionären Radiation der Saurier", so Evans.

Ihre Kleinheit erlaubte es also den Maniraptora, in vergleichsweise kurzer Zeit eine große Fülle an Körper-Designs zu erproben - aus kleinen Arten gehen eben schneller und häufiger neue hervor als aus großen. Wenn es um erfolgreiches Überleben geht, ist es manchmal gut, ganz und gar nicht groß zu sein.

8 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
mborevi 07.05.2014
FalcoMarcus 07.05.2014
doclocke 07.05.2014
mikaelas 07.05.2014
mborevi 07.05.2014
Spiegelwahr 07.05.2014
Antidarwinist 08.05.2014
andre_22 10.05.2014

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Zum Autor
  • Frank Patalong ist seit 1999 bei SPIEGEL ONLINE, bis 2011 als Leiter des Ressorts Netzwelt. Fossilien seiner Arbeit finden sich aber auch in den Archiven der Wissenschaft, Kultur, Politik und anderer Ressorts, denen er heute als Autor zuarbeitet. An der Paläontologie fasziniert ihn, wie sie über den Umweg der Popkultur Interesse an wissenschaftlichen Themen weckt und wachhält.
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