Umweltskandale in Deutschland Was wurde aus dem Dioxin im Boden?

Hochgiftiges und sehr langlebiges Dioxin verseucht das Erdreich - eine Horrormeldung, die Deutschland in der Vergangenheit mehrfach erschütterte. Am Beispiel Hamburg: Wie groß ist die Gefahr durch Altlasten heute noch?

Billbrook 1959
bergedorfarchiv.de

Billbrook 1959


Ein Spätsommertag 2016, Hamburg-Moorfleet: Ruhig liegt das alte Boehringer-Gelände in der Sonne. Auf dem makellosen Asphalt parken Hunderte Lkw. Kein Mensch ist zu sehen, die Luft wirkt klar und sauber. Dabei lauern unter der Asphaltdecke über 100 Tonnen Dioxin und andere Gifte.

Boehringer hat hier jahrzehntelang Herbizide und Pestizide für die Agrarindustrie hergestellt, viele Tonnen eines Giftcocktails entstanden dabei - und verbreiteten sich in Boden, Luft und Wasser. Die Folge: an Chlorakne erkrankte Arbeiter, vergifteter Boden und verseuchtes Grundwasser. Boehringer Moorfleet - dieser Standort steht für einen der größten Umweltskandale der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Heute ist der einstige Fabrikstandort Arbeitsplatz für ein paar Dutzend Lkw-Händler. "Ein mulmiges Gefühl haben wir schon", sagt Bernd Filippzik von Scania, der hier seit knapp einem Jahr gebrauchte Lkw verkauft. "Wer weiß - man sieht und riecht ja nichts. Ich will mich mal auf Dioxin testen lassen. Aber bislang ist alles gut!"

Das kann Jan Billerbeck vom Mercedes Truck Store bestätigen: "Tatsächlich ist hier in den letzten zwölf Jahren niemand krank geworden. Boehringer nimmt hier ja regelmäßig Wasserproben. Dem kann man schon glauben." Aber kann man das wirklich? Und ist eine fachgerechte Entsorgung auch für die Zukunft garantiert?

Vor mehr als 30 Jahren war das Ausmaß der Katastrophe ans Licht gekommen: Erdreich und Grundwasser waren metertief verseucht, massiv belastet mit Chlorbenzolen und -phenolen, Hexachlorcyclohexan, Dioxinen - die sogenannten "Boehringer-spezifische Schadstoffe" (BSS). Strömendes Grundwasser hatte in einer Fahne vor allem Chlorbenzole etwa 1000 Meter in südöstlicher Richtung weiter verteilt. Außerdem war das Sediment des angrenzenden Moorfleeter Kanals stark belastet.

Rückblick: Der Boehringer-Skandal
Insektizidproduktion: Business as usual?
Im Jahr 1951 hatte der Konzern Boehringer mit der Produktion des Insektizids Lindan gegen Kartoffel- und Borkenkäfer begonnen. Der Grundstoff: Hexachlorcyclohexan (HCH). Aus dessen Abfallprodukten Boehringer bald das Herbizid T-Säure herzustellen gewann. Eben diese dioxinhaltige T-Säure ist Bestandteil des im Vietnamkrieg eingesetzten Entlaubungsmittels Agent Orange. Bei der Produktion entstanden zudem jede Menge weiterer Schadstoffe, unter anderem auch das Seveso-Dioxin 2,3,7,8-TCDD, das als das stärkste von Menschen hergestellte Gift gilt.
Kern des Problems: Naiver Umgang mit tödlichen Stoffen
Kurz danach wurden viele Boehringer-Arbeiter krank: 1955 musste das Werk die T-Säure-Produktion einstellen, weil etwa 60 Mitarbeiter an Chlorakne erkrankten. Die Folge: vernarbte Haut, Vergiftungen an inneren Organen und zentralem Nervensystem, im schlimmsten Fall Krebs. Nur zwei Jahre später, 1957, nahm Boehringer die T-Säure-Produktion wieder auf, mit einem als unbedenklich geltenden Verfahren. Wie gefährlich die Dioxine und die anderen Gifte für die Umwelt waren, war kaum bekannt - sie wurden einfach in den Boden und die nahe gelegene Mülldeponie Georgswerder gekippt. Man glaubte, der Haushaltsmüll werde das Gift schon aufsaugen.
Einsicht? Das Ende kam per Verordnung
Zwar mehrten sich in den siebziger Jahren die Hinweise auf vergiftetes Obst, Gemüse und Wasser - denn das Gelände grenzt direkt an die Vier- und Marschlande, eins der wichtigsten Hamburger Gemüseanbaugebiete. Doch noch immer durfte Boehringer ungestört weiter produzieren, bis Anfang der Achtzigerjahre der Widerstand zunahm. Zeitgleich verschärften die Behörden die Umweltauflagen. Die konnte Boehringer schließlich nicht mehr erfüllen - und musste 1984 das Werk für immer schließen.

Nach 1984 übernahm Boehringer Verantwortung. Doch der erste Sanierungsversuch scheiterte - die aggressiven Substanzen zersetzten die eigens gebaute Hochtemperaturverbrennungsanlage. 1995 stellte Boehringer um - und ließ das Erdreich unter dem rund 8,5 Hektar großen Gelände einkapseln. Bis zu 50 Meter tiefe Dichtwände wurden bis in die Tonschicht gerammt, die unten den Boden des "Topfes" bildet, oben drauf kam ein undurchlässiger Deckel.

Doch es bestand weiterhin ein Problem mit verseuchtem Wasser - im Topf, dessen Wände nicht komplett wasserdicht sind, und außerhalb. Damit das kontaminierte Grundwasser weder in Gräben und Äcker aufsteigt noch weiter verdriftet, laufen ununterbrochen mehrere Brunnen. Vier im "Topf", weitere außerhalb.

600 Kubikmeter Wasser pro Tag pumpen die Brunnen laut Sanierungskonzept heute, so viel passt etwa in ein schmaleres 25-Meter-Schwimmbecken. Eine Filterstation vor Ort reinigt das Wasser und leitet es anschließend in einem kräftigen Schwall in den Moorfleeter Kanal. Allein im Jahr 2015 wurden so laut Boehringer fast eine Tonne flüssiger Schadstoffe herausgefiltert.

Muss man sich also keine Sorgen mehr machen? "Seit der Sicherung des Geländes 1998 geht davon keine Gefahr mehr aus", sagt Thomas Katenz, der als Experte von Boehringer Ingelheim die Altlast in Moorfleet betreut.

Das bestätigt grundsätzlich auch Maren Jonseck-Ohrt vom BUND. Der Umweltverband begleitet die Verhandlungen um die Boehringer Altlast in Moorfleet seit Jahrzehnten. "Die Frage ist nur, wie lange es so bleibt. Die Pumpen müssen halt immer weiter laufen. Aber was passiert in Zukunft, wenn sich künftige Generationen dieser Altlast nicht mehr bewusst sind?"

Denn ob und wann das Gelände je wieder sauber wird, ist völlig unklar. Müssen die Pumpen denn bis zum Sankt Nimmerleinstag laufen? "Das wohl nicht, aber sicher noch sehr lange. Wie lange, das wissen wir derzeit auch nicht", sagt Katenz. Der BUND rechnet mit rund 100 Jahren, bis die Schadstoffe im "Topf" ausgepumpt sind.

Das ist teuer - vor allem für Boehringer. Bislang hat die Firma insgesamt mehr als 160 Millionen Euro in die Sicherung des Geländes gesteckt. Dass irgendwann Kosten doch eine Rolle spielen, zeigt die Auseinandersetzung der letzten Jahre um die Pumpe, die das verseuchte Grundwasser der Fahne hochholte.

Denn 2011 waren die 11 Millionen D-Mark aufgebraucht, die Boehringer 1990 zur Sanierung nur der Fahne außerhalb des Topfes vertraglich zugesichert hatte. Boehringers neuer Plan war, die Pumpe abzustellen und sich auf den Schadstoffabbau durch Mikroben im Boden zu verlassen. Die Stadt Hamburg war schnell überzeugt - der BUND dagegen entsetzt.

"Die wollten uns ein Ausstiegsszenario als neues Konzept verkaufen", sagt Jonseck-Ohrt. Gefährlich sei dieser Plan gewesen - denn die Mikroben bauten die Schadstoffe viel zu langsam ab. In der Zeit wäre das vergiftete Grundwasser noch weiter verdriftet und möglicherweise in die Ackerböden aufgestiegen, so Jonseck-Ohrt. Der Umweltverband baute Druck auf - und schließlich lenkte Boehringer ein.

Dioxinentsorgung: Eine Generationenaufgabe

Das Ziel des neuen, 2015 geschlossenen Vertrags: im Laufe der nächsten vierzig Jahre fast alle Schadstoffe aus dem Grundwasser zu entfernen. Dafür laufen seit Juli 2016 zwei neue und ein alter Brunnen, die nun deutlich effizienter die gesamte Strömung fassen, erklärt Katenz von Boehringer. Die Brunnen sollen nach und nach abgestellt werden: "Unsere Prognose ist: 2055 wird die Grundwasserfahne so minimiert sein, dass wir sie sich selbst überlassen können. Aber das werden wir dann sehen," sagt Katenz.

"Der BUND hätte lieber achtzig Jahre gehabt", sagt Jonseck-Ohrt. Aber mehr sei nicht drin gewesen. Die Kosten übernimmt Boehringer - "freiwillig", wie Katenz betont. 500.000 Euro steuert die Stadt Hamburg bei.

Der BUND ist zufrieden mit der Lösung. Das verseuchte Grundwasser scheint tatsächlich erst einmal unter Kontrolle. Das eingekapselte Werksgelände dagegen wird lange hochgiftig bleiben, aber dank Dichtwänden und Pumpen in Schach gehalten. "Ich finde, dass Boehringer damit durchaus seiner Verantwortung gerecht wird", sagt Jonseck-Ohrt vom BUND, "zumindest beim Thema Boden und Grundwasser".

Außerdem ist Dioxin kaum flüchtig, verdampft also nicht. Die Lkw-Händler können wohl durchatmen.

Die Recherche-Serie
Über viele Nachrichten und Menschen wird eine Zeit lang sehr ausführlich berichtet - dann verschwinden sie wieder aus den Schlagzeilen. Wie entwickeln sich die Themen weiter, was wurde aus den Personen? Das erklären wir in dieser Serie.
Alle bisherigen Beiträge der Serie finden Sie hier.



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