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Doggerland: Spielesoftware lässt Atlantis der Nordsee auferstehen

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Fruchtbare Flusswiesen, Schilfgürtel, Strände: Vor 8000 Jahren streiften unsere Vorfahren zwischen England und Dänemark durch diese Landschaft. Dann versank Doggerland im Meer. Archäologen haben die Landbrücke jetzt als 3D-Modell rekonstruiert - mit Hilfe einer Spielesoftware für Egoshooter.

Mit dem Ende der Eiszeit kam das Wasser. Vor etwa 8000 Jahren versanken die Landflächen, die einst das heutige England mit dem europäischen Festland verbunden hatten. Menschen waren in auf dem breiten Landgürtel sesshaft geworden, nun mussten sie weichen.

Vince Gaffney gehört zu den ersten, die nach acht Jahrtausenden wieder einen Blick auf die flache Landschaft zwischen England, Deutschland und Dänemark werfen konnten. Gemeinsam mit seinen Kollegen von der University of Birmingham hat er 1600 Kilometer Flussläufe kartiert, 24 Seen und ein Binnenmeer mit einer Fläche von 1700 Quadratkilometer.

Die Daten für das Projekt lieferte eine Firma, die normalerweise die Beschaffenheit des Meeresbodens untersucht, um dort Öl zu fördern. "Das Land, das heute am Boden der Nordsee liegt, war weitaus mehr als nur eine Landbrücke zwischen England und dem Kontinent”, sagt Gaffney im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Hier lag das Herz des mesolithischen Nordeuropa.” Der Name des versunkenen Landstrichs: Doggerland.

Benannt wurde die untergegangene Landmasse nach einer Untiefe in der Nordsee, die etwa 90 bis 110 Kilometer vor der britischen Küste liegt, der Doggerbank. Seit die Fischer der Nordsee mit Schleppnetzen nach Schollen, Seezungen oder Garnelen jagen, kennen sie ein lästiges Phänomen in den Gewässern der Doggerbank. Sperrige Holzstücke, Knochen oder sonstige Gerätschaften verfangen sich in den Netzen und richten mitunter großen Schaden an.

Paradiesische Idylle

Der erste, der den ungewöhnlichen Funden der Fischer systematische Aufmerksamkeit schenkte, war der britische Geologe und Paläobotaniker Clement Reid (1853–1916). Aus den Souvenirs vom Meeresgrund konnte Reid das ungefähre Bild einer blühenden Landschaft rekonstruieren. Wo heute Garnelen über den Sandboden wedeln, schlichen einst Wolf und Hyäne durch dichtes Farn-, Hasel- und Sanddorngestrüpp, stapften Bären und Elche durch Weidehaine und Birkenwäldchen, grasten Wollnashörner, Pferde und Mammuts auf sumpfigen Graswiesen und bauten Biber ihre Dämme an unzähligen kleinen Flüsschen.

Doch erst 15 Jahre nach Reids Tod verfing sich im Schleppnetz eines Trawlers der erste Beweis dafür, dass diese paradiesische Idylle auch von Menschen bewohnt war. Im September 1931 fanden Fischer vor der Küste Norfolks ein ungewöhnlich großes Stück Torf in ihrem Netz. Pilgrim Lockwood, der Skipper der "Calinda", stochert es auseinander. Zum Vorschein kam eine 21,6 cm lange prähistorische Harpune mit kunstvollen Verzierungen. Eine Radiokarbonuntersuchung datierte das Stück auf etwa 11.740 vor Christus.

Eintönige Fleisch- und Fischdiät?

"Wir wissen über die Mittelsteinzeit erschreckend wenig”, sagt Gaffney über den außergewöhnlich schönen Fund. "Die Ausstellungsstücke in den Museumsvitrinen erzählen nur von der extremen Haltbarkeit der Materialien Stein und Knochen. Über das tatsächliche Leben im frühen Holozän sagen sie gar nichts.” Entsprechend neigen wir dazu, uns das Mesolithikum als ziemlich ungemütliche Zeit vorzustellen. "Die Frage ist jedoch nicht, was erhalten geblieben ist - sondern was gerade nicht erhalten geblieben ist.”

Er erklärt diesen Missstand anhand des mesolithischen Speiseplans. Der scheint, wenn man die archäologischen Reste betrachtet, aus einer eintönigen Fleisch- und Fischdiät bestanden zu haben. Knochen und Gräten erhalten sich eben besonders gut. Um aber Pflanzenreste noch nach 8000 Jahren finden zu können, müssen sie vollständig karbonisiert - also im Kochfeuer verbrannt - sein. "Und jetzt denken Sie mal darüber nach, wie oft Sie – wenn Sie nicht gerade ein Student im ersten Semester sind – in Ihrer Küche eine vollständig verbrannte Kartoffel oder Lauchstange zustande kriegen.”

In die Kochtöpfe können Gaffney und seine Kollegen den Doggerländern leider noch nicht schauen. Dazu sind die Daten zu grob gerastert. "Als wir bei der Firma Petroleum Geo Services (PGS) anfragten, glaubten die gar nicht daran, dass uns die Daten überhaupt nutzen könnten.” Zum Glück aber hatte der damalige Projektleiter Ken Thompson gute Verbindungen und ausgezeichnete Überredungskünste.

Zu Anfang schenkte PGS den Archäologen 6000 Quadratkilometer. Als erste Erfolge sichtbar wurden, legten sie noch einmal 17.000 Quadratkilometer obendrauf. Die Auflösung ist in der Tat sehr grob. Ein Volumenpixel, Voxel genannt, entspricht 50 mal 50 mal 10 Metern. Trotzdem war das Projekt die größte Rechenleistung, die je in der Archäologie in Angriff genommen wurde. 18 Monate lang arbeiteten sich drei Vollzeitangestellte durch rund ein Terabyte – also 1000 Gigabyte – Daten. Eugene Ch'ng von der University of Wolverhampton verwandelte die Rohdaten dann in bewohnte Landschaften – mit einer von der deutschen Firma Crytec entwickelten Spiel-Engine, die normalerweise virtuelle Welten für Computerspiele wie "Far Cry" fabriziert.

Britische Inseln damals unbeliebt

Und langsam nahm Doggerland am Computerbildschirm Gestalt an. "Die Landschaft war für unsere Augen absolut unattraktiv”, beschreibt Gaffney die sumpfige Weite. "Keine lieblichen Hügel, keine Berge. Nur plattes, nasses Land.” Was vielleicht optisch nicht so schön war, bot jedoch ausgezeichnete Lebensbedingungen für Tiere und Pflanzen. Das Nahrungsangebot war reichlich. In den Schilfgürteln nisteten Enten, die Gewässer wimmelten von Fischen. "Das sah wahrscheinlich dem heutigen Rhein-Maas-Delta in den Niederlanden ziemlich ähnlich.” Die heutigen britischen Inseln dagegen erhoben sich in weiter Ferne als unwirtliche Felsen. "Da wollte im Mesolithikum kaum jemand wohnen.”

Dann aber kam das Wasser. Nicht schnell, aber merklich. Stück für Stück fraß sich die See vor, immer nach dem gleichen Schema. Zunächst versalzten die Uferwiesen, dann wurden sie immer feuchter, bis sie schließlich ganz unter Wasser lagen. "Vielleicht war es gerade dieser Verlust von bewohnbarer Fläche, der die Menschen in die Sesshaftigkeit trieb,” spekuliert Gaffney.

Die Menschen mussten immer näher zusammenrücken. Ihre Jagdgründe, die einst keine Grenzen kannten, schienen auf einmal endlich und mussten zudem noch mit weiteren Essern geteilt werden. "Vielleicht wollten die Menschen mit dem Bau von Häusern ihre Zugehörigkeit zu dem Land demonstrieren.”

Ein sehr wahrscheinlicher Kandidat für eine dieser ersten Siedlungen ist die Brown Sandbank vor der niederländischen Küste. "Dort einmal genauer nachzuschauen, wäre jetzt der nächste Schritt”, sagt Gaffney. Die Folgeprojekte müssen jedoch leider ohne die treibende Kraft von Ken Thompson auskommen. Der konnte zwar noch einen ersten Blick auf Doggerland werfen. Dann aber, kurz nachdem die ersten Bildern der wiederentdeckten Landschaft fertig waren, starb er im Alter von nur 41 Jahren an einem Herzinfarkt.

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Fotostrecke
3-D-Grafik: Das rekonstruierte Doggerland


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