Domestizierung Biologen züchten zahme Füchse

Seit 60 Jahren arbeiten russische Forscher an diesem Experiment: Sie züchten Füchse, die keine Scheu vor dem Menschen haben. Die Ergebnisse überraschten selbst die Biologen.

DPA/The Institute of Cytology and Genetics

Wie wurde aus dem wilden Wolf ein schwanzwedelnder Couch-Fluffi und der beste Freund des Menschen?

Das wollten Forscher wissen und auf andere Tiere übertragen, deshalb züchten sie seit gut 60 Jahren in Russland Silberfüchse - eine spezielle Farbvariante des Rotfuchses - auf eine besondere Eigenheit: Freundlichkeit dem Menschen gegenüber. "Das Experiment hat unser Verständnis des Zähmungsprozesses erneuert", sagt der US-Forscher Lee Dugatkin. "Als unsere Vorfahren begannen, Tiere und Pflanzen zu domestizieren, hat sich alles verändert. Das Fuchs-Experiment lehrt uns, wie."

Es war der russische Biologe Dmitri Beljajew, der das Experiment in den Fünfzigerjahren startete, zur Hochzeit der Sowjetunion. Er wollte prüfen, ob sich Füchse ebenso domestizieren lassen wie einst der Wolf - um auf die biologischen Mechanismen schließen zu können, die bei der Zähmung wilder Tiere greifen. Anfangs musste Beljajew extrem vorsichtig agieren, denn Genforschung war im Land damals verboten. Beljajews großer Vorteil: Er arbeitete in der Pelzindustrie und konnte seine Forschung heimlich in Gang bringen.

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Wildschwein, Waschbär, Fuchs: Wildnis in der Stadt

Jahr für Jahr, von Generation zu Generation, wurden und werden bis heute die zahmsten Silberfüchse gesucht und weitervermehrt. "Es wird getestet, wie sozial sie sich zu Menschen verhalten", erklärt Dugatkin. "Zehn Prozent der sozialsten Tiere werden ausgewählt."

Im Herzen Sibiriens etablierte Beljajew zusammen mit der Biologin Ludmila Trut dafür eine besondere Fuchs-Farm nahe Akademgorodok, einem Wissenschaftsort aus Sowjetzeiten bei Nowosibirsk. In langen Reihen stehen dort Holzhütten mit Auslaufgehegen für die Tiere. Andere Häuser und Menschen seien weit und breit nicht zu sehen, sagt Dugatkin, der die Farm mehrfach besuchte.

Anfangs änderte sich kaum etwas, die Füchse blieben aggressiv und bleckten angriffslustig knurrend die Zähne, wenn sich ein Mensch näherte. 1963 aber wurde ein Männchen namens Ember geboren. Embers Besonderheit: Er wedelte heftig mit seinem Schwänzchen. "Schwanzwedeln in Reaktion auf den Menschen ist eine für den Hund typische Verhaltensweise, und bis zu diesem Tag waren Hunde auch die einzigen Tiere gewesen, bei denen man dieses Verhalten beobachtet hatte."

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Domestizierungs-Experiment: Riecht nach Fuchs, ist aber zahm wie Hund

Immer neue Eigenschaften kamen hinzu: Die Tiere leckten die Hände ihrer Betreuer, rollten sich auf den Rücken, um sich den Bauch kraulen zu lassen, behielten ihre Welpen-Verspieltheit länger als ihre wilde Verwandtschaft. "Diese zahmeren Füchse schienen einfach nicht erwachsen werden zu wollen", so Dugatkin. "Sie duldeten sogar, dass Menschen ihnen direkt in die Augen sahen, und sie schienen den Blick zu erwidern." Bei wilden Tieren und selbst bei Hunden gilt der direkte Blick als Herausforderung, die Aggression nach sich zieht.

60 Jahre seien ein "evolutionärer Wimpernschlag", sagt Dugatkin, Evolutionsbiologe an der University of Louisville. Und doch reichte diese Zeit aus, um die eigentlich als Einzelgänger lebenden Füchse immer hundeähnlicher werden zu lassen. "Die gezähmten Füchse sind nicht nur so ruhig wie ein Schoßhund", so Dugatkin. "Inzwischen sehen viele der Füchse auch aus wie Hunde. Sie haben kurze, runde Schnauzen, Ringelschwänze und Schlappohren." Ganz ohne Training folgten sie menschlichen Gesten und Blicken. "Wilde Füchse können das nicht."

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Noch ein Merkmal setzte sich durch: Viele der Tiere sind gefleckt, manche haben gar einen hellen Stern auf der Stirn, wie Hunde und Pferde. Schon lange rätselten Forscher, warum Züchter von Haustieren auf Merkmale wie Schlappohren, Ringelschwänze und Gesichter nach dem Kindchenschema hätten Wert legen sollen, erklärt Dugatkin. "Bauern, die Rinder hielten, hatten schließlich keinen Vorteil dadurch, dass ihre Rinder schwarz-weiß gefleckt waren. Und was interessierte es Schweinehalter, ob ihre Tiere Ringelschwänze hatten?"

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Katzen-Domestizierung: Die zweitbesten Freunde des Menschen

Beljajew habe zur Erklärung die Theorie der destabilisierenden Selektion entwickelt, schreibt der US-Forscher. Demnach verändert sich bei der Domestikation die Aktivität von Genen, ohne dass Mutationen im Spiel sind. Nicht das Erbgut selbst wird verändert, sondern die Intensität, mit der bestimmte seiner Abschnitte abgelesen und in Moleküle wie Hormone umgesetzt werden. Das erklärte auch, warum die Forscher in so kurzer Zeit zahme Tiere schaffen konnten.

Beljajew reichte Artikel bei internationalen Fachjournalen ein. 1969 erschien der erste in englischer Sprache außerhalb der Sowjetunion veröffentlichte Artikel mit dem Titel "Domestication in Animals". Seine Theorie weitete der Russe auf ein weiteres seiner Ansicht nach domestiziertes Lebewesen aus: den Menschen. Auch bei ihm hat demnach der Selektionsdruck zu niedrigeren Stresshormon-Blutspiegeln alles begünstigt, was das weniger aggressive Jugendstadium verlängerte. "Im Grunde sind wir domestizierte - selbstdomestizierte - Primaten", erklärt Dugatkin.

Beljajew starb 1985. Sein Projekt lebte unter Ludmila Truts Führung weiter. In den von politischem und wirtschaftlichem Umbruch geprägten Neunzigerjahren kämpfte die Farm ums Überleben. Heute seien die Finanzen stabil, auf der Station lebten rund 500 Tiere, erzählt Dugatkin. "Niedliche, flauschige, entzückende Schlingel" seien ihre Füchse, meint Trut. Seit einiger Zeit vermittelt sie ihre Lieblinge als Haustiere - auch nach Westeuropa und Nordamerika und zum Preis von rund 5000 US-Dollar (4200 Euro). Dugatkin schätzt die Zahl verkaufter Tiere in den vergangenen fünf Jahren auf einige Dutzend.

Zwar würden die Füchse von den Züchtern nicht ausgebildet und die Käufer müssten selbst dafür sorgen, dass die Tiere stubenrein werden, sagt der US-Forscher. Aber: "Sie sind gut zu trainieren, und die Gefahr für ein Herrchen, von einem domestizierten Fuchs gebissen zu werden, ist nicht größer, als von einem Hund gebissen zu werden." Auch Trut ist von den Vorzügen ihrer liebenswerten Zöglinge überzeugt: "Ich hoffe, dass sie als neue Haustierart registriert werden können".

Eine unangenehme Eigenart ihrer wilden Vorfahren haben die Tiere allerdings nicht abgelegt, wie Dugatkin sagt. "Sie haben einen strengen Geruch, ein wenig wie Moschus."

Von Thomas Körbel und Annett Stein, dpa/joe



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kurzanbinden 24.05.2018
1. hm
die Forscher haben vielleicht unbewusst nach ästetischen Gesichtspunkten mit selektiert (sowas ist sehr schwer auszumerzen) und das gleiche gilt für kuh und co
Europa! 24.05.2018
2. Zahme Füchse züchten? Überflüssiger Aufwand und ökologisch fragwürdig
Also wir haben einen hübschen jungen Fuchs in der Siedlung, der erscheint jeden Abend um fünf, setzt sich auf die Wiese am Ufer und wartet darauf, dass ihm die Angler einen Fisch vor die Nase legen. Wenn das geschehen ist, trägt er ihn stolz davon. Das Füttern von Füchsen ist aber in Berlin bei Strafe verboten. Die Füchse sollen nicht gefüttert werden, sondern die Ratten jagen. Macht irgendwie Sinn. Von mir aus dürfen sie auch die Enten fangen. Mir sind Wildtiere lieber als Haustiere, die am Schluss von der Tierfutterindustrie mit Wildtierfleisch gefüttert werden.
Knossos 24.05.2018
3. Löffelbiegen
Zitat: "Schon lange rätselten Forscher, warum Züchter von Haustieren auf Merkmale wie Schlappohren, Ringelschwänze und Gesichter nach dem Kindchenschema hätten Wert legen sollen, ..." Soweit mir bekannt, ist es kynologische Binsenweisheit, daß hütenden Hunden Schlappohren angezüchtet wurden, um sie in der Dämmerung von angreifenden Wölfen auseinanderhalten zu können. Überhaupt scheint mir das Fuchsprojekt regelrecht: "Unwissenschaftlich!" zu schreien. Denn es ist unklar, was exakt sich damit erschließen sollte, zumal wissenschaftlich sinnigere Fragen aufkommen sollten. Z.B. wie im bislang veranschlagten Zeitrahmen der Domestikation des Wolfes all die genetische Diversität des Hundes zustande gekommen sein soll. Eine Domestikation, deren Einschätzung eher auf über 140 000 Jahre mir jedenfalls realistischer scheinen will als die meist mit 15 000 Jahren wohl arg unterschätzte Periode. Weitere Unüberlegtheit des Fuchsexperiments sollte sich jedem Verantwortlichen erschließen, der z.B. den Unfug mit Wolfshybriden zu bewerten weiß, der immer zum Nachteil der Kreatur und immer wieder auch des Menschen wird. Nicht zuletzt wird kein bewußter Tierfreund einen domestizierten Fuchs aufnehmen wollen, dem schließlich nichts als Unheil droht, solange er sich nicht auf irgend eine märchenhafte Weise gegenüber Hunden und Katzen als domestiziert und harmlos ausweisen kann. Zugleich wäre der arglose Fuchs ihnen unvorbereitet ausgeliefert, übelst Prügel einzustecken oder getötet zu werden. Wenn das also russische Wissenschaft sein soll, möge sie sich vielleicht lieber wieder auf Telepathie und Löffelbiegen konzentrieren.
Das dazu 24.05.2018
4. Meine Güte
Da zeigt jemand im Realversuch auf, wie etwas vollzogen wurde und nicht nur theoretische Hirngespinste von verstaubten Wissenschaftlern sind, die fern der Realität leben, und er wird dafür hier im Forum verurteilt. Innerhalb von 60 Jahren solche Erfolge aufzuzeigen, stellt alles in Frage, was die biserige Lehrmeinung war. Der Hinweis, "meines Wissen nach wurden Schlappohren zu Unterscheidung" gezüchtet, zeigt das ganz genau auf. Offenbar ist es eben NICHT so gewesen sondern es scheint eine Folge der Domestikation zu sein. Ebenso wie die veränderte Fellfarbe und andere Merkmal. Wir Menschen haben die Gene erst angefangen zu verstehen. Und die Theorie von Beljajew geht ja noch nicht mal in diese Richtung. Es gibt ganz offensichtlich Wechselwirkungen zwischen Genen und Hormonen, die die Wissenschaft noch gar nicht auf dem Schirm hat. Eben weil man von absichtlich gezüchteten Schlappohren ausging. Deswegen ist dieser Versuch bzw. das Ergebnis so erstaunlich und bahnbrechend.
cobaea 24.05.2018
5.
Zitat von KnossosZitat: "Schon lange rätselten Forscher, warum Züchter von Haustieren auf Merkmale wie Schlappohren, Ringelschwänze und Gesichter nach dem Kindchenschema hätten Wert legen sollen, ..." Soweit mir bekannt, ist es kynologische Binsenweisheit, daß hütenden Hunden Schlappohren angezüchtet wurden, um sie in der Dämmerung von angreifenden Wölfen auseinanderhalten zu können. Überhaupt scheint mir das Fuchsprojekt regelrecht: "Unwissenschaftlich!" zu schreien. Denn es ist unklar, was exakt sich damit erschließen sollte, zumal wissenschaftlich sinnigere Fragen aufkommen sollten. Z.B. wie im bislang veranschlagten Zeitrahmen der Domestikation des Wolfes all die genetische Diversität des Hundes zustande gekommen sein soll. Eine Domestikation, deren Einschätzung eher auf über 140 000 Jahre mir jedenfalls realistischer scheinen will als die meist mit 15 000 Jahren wohl arg unterschätzte Periode. Weitere Unüberlegtheit des Fuchsexperiments sollte sich jedem Verantwortlichen erschließen, der z.B. den Unfug mit Wolfshybriden zu bewerten weiß, der immer zum Nachteil der Kreatur und immer wieder auch des Menschen wird. Nicht zuletzt wird kein bewußter Tierfreund einen domestizierten Fuchs aufnehmen wollen, dem schließlich nichts als Unheil droht, solange er sich nicht auf irgend eine märchenhafte Weise gegenüber Hunden und Katzen als domestiziert und harmlos ausweisen kann. Zugleich wäre der arglose Fuchs ihnen unvorbereitet ausgeliefert, übelst Prügel einzustecken oder getötet zu werden. Wenn das also russische Wissenschaft sein soll, möge sie sich vielleicht lieber wieder auf Telepathie und Löffelbiegen konzentrieren.
Es ist immer nett, wenn Forschern "unwissenschaftliches" Vorgehen vorgeworfen wird, dann aber der folgende Text von "soviel ich weiss", "soweit mir bekannt ist" , "scheint mir" etc. strotzt. Das sind ja alles Ausdrücke totaler Wissenschaftlichkeit, oder? Die russischen Forscher fanden es eben erstaunlich, wie schnell die Domestikation der Tiere verlief - was dann eben auch die Vermutung zulässt, dass diese auch bei Hunden schneller verlief, als man lange vermutete. Den Füchsen werden in dem russischen Projekt keine "Schlappohren" angezüchtet. Es geht darum, dass diese Füchse erstmal mit Hängeohren geboren wurden, die sich erst im Laufe der Zeit zu den fuchsüblichen Tütenohren aufrichten. Das wiederum ist etwas, was man auch z.B. von Schäferhundwelpen kennt, aber nicht von wilden Füchsen oder Wölfen. Zudem: Was haben diese domestizierten Füchse mit Wolfshybriden zu tun? Nichts. Es handelt sich nicht um Kreuzungen (also um "Hybride") sondern um reinrassige Füchse. Wieso einem domestizierten Fuchs von Haustier-Hunden und -Katzen besonderes Unheil drohen sollte, müssten Sie erstmal erklären. Es wird ihnen gleichviel Unheil drohen, wie fremden Hunden und Katzen in den jeweiligen Revieren - und sie werden sich ebenso durchsetzen müssen wie diese - oder eben den Rückzug antreten (auch wie diese).
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