Drastische Warnung vor Klimakatastrophe Deutschlands Inseln könnten versinken, Felder verdorren

Die ärmsten Länder trifft die Klimakatastrophe am härtesten. Doch auch Deutschland wird leiden: Forscher befürchten, dass Inseln wie etwa Sylt versinken, Felder verdorren und Städte überschwemmt werden.

Von


Ein Hitzeschub von bis zu 6,4 Grad, die Meere überfluten weite Teile der Küsten, Inseln verschwinden, Dürren raffen Tausende Menschen dahin: Der am Freitag veröffentlichte Weltklimareport der Uno zeichnet düstere Zukunftsszenarien.

Forscher warnen seit langem vor einer Klimakatastrophe. Doch Politik und Gesellschaft haben das Problem hartnäckig ignoriert. Eine einfache Zahl verdeutlicht die bisherige Einstellung der Westeuropäer zum Klimawandel: 50.000 Menschen kamen letzten Schätzungen zufolge durch die Hitzewelle im Sommer 2003 in Europa ums Leben, 7000 allein in Deutschland. Während das Tschernobyl-Unglück bis heute für Hysterie in der Atomstrom-Debatte sorgt und der Tsunami in Südasien zu beispielloser globaler Anteilnahme führte, hat die Öffentlichkeit die größte Naturkatastrophe in der Geschichte Europas weitgehend schulterzuckend zur Kenntnis genommen.

"Die Leute sind sich der Dramatik der Veränderungen noch nicht bewusst", sagt Manfred Stock, Wissenschaftler am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Doch das könnte sich schon bald ändern, wie nicht nur der Experte für regionale Klimaforschung glaubt. Auch andere Forscher wie etwa PIK-Direktor Hans Joachim Schellnhuber oder dessen Kollege Stefan Rahmstorf glauben, dass manche Folgen der globalen Erwärmung sogar noch unterschätzt werden.

Der sorgenvolle Blick der Wissenschaftler richtet sich vor allem auf den Meeresspiegel. "Er ist schneller angestiegen als von den Modellen vorhergesagt", sagt Stock. Die Diskrepanz zeigt laut Stock, dass man einige Faktoren des Wasseranstiegs offenbar unterschätzt habe. Dem neuen IPCC-Report zufolge werden die Meere im globalen Durchschnitt bis zum Jahr 2100 um maximal 59 Zentimeter ansteigen, wahrscheinlich aber um weniger. Die Potsdamer Experten jedoch glauben, dass etwa die Nordsee bis zum Ende des Jahrhunderts um einen vollen Meter anschwellen könnte.

Das ist bedrohlicher als es klingt. "Entscheidend ist nicht die Höhe des durchschnittlichen Meeresspiegels, sondern die der Sturmfluten", erklärt Stock. Und die werden durch jeden Zentimeter mehr beim Meeresspiegel enorm verstärkt. "Das ist wie bei Schneewehen", sagt der Forscher. "Wenn im Schnitt einige Zentimeter Schnee fallen, kann er sich an manchen Stellen meterhoch auftürmen." Beim Wasser verhalte es sich ähnlich. Das Ergebnis dürften verheerende Sturmfluten und das vermehrte Auftreten von Riesenwellen sein.

Wählen, welche Gebiete man aufgibt

Nur kann man nach Ansicht der Experten nicht überall an der Küste und auf den Inseln die Deiche erhöhen - nicht bei den vielen Tausend Kilometern Küste, die Deutschland besitzt. Also gelte es abzuwägen, welche Gebiete man aufgeben müsse. "Das wird bitter für die Betroffenen", sagt Stock. Möglich wäre etwa, dass Sylt bis zum Ende des Jahrhunderts nicht mehr bewohnbar ist. Kritisch werde es auch für London, wo schon jetzt Bollwerke an der Themse vor Hochwasser aus der Nordsee schützen. "Vielleicht heißt im nächsten Jahrhundert die Hauptstadt Englands Birmingham."

Auch für die Bewohner der Ostseeküste könnte es ungemütlich werden. Dort werde der Anstieg des Meeresspiegels zwar voraussichtlich geringer ausfallen als in der Nordsee, und auch die Stürme toben in der Nordsee für gewöhnlich heftiger. Dafür aber ist die Ostseeküste wesentlich flacher, und die dortigen Schutzsysteme sind schlechter ausgebaut.

Nicht nur an den Küsten wird der Klimawandel zu spüren sein, auch tief im Binnenland werden es die Deutschen mit den Folgen der Erwärmung zu tun bekommen. Im Nordosten etwa wird die Landwirtschaft vor tiefgreifenden Veränderungen stehen, da regionalen Klimamodellen zufolge der regelmäßige Nachschub an Wasser spärlich werden könnte. "Für Weizen könnte es zu trocken werden, und die Forstwirtschaft dürfte vor der Frage stehen, welcher der Baum von morgen sein wird."

Das "Defizit in der Wasserbilanz" bedroht auch die Gesundheit der Menschen: Je weniger Regen fällt, desto höher wird automatisch die Konzentration von Schadstoffen im Nutzwasser. Auch die zu erwartende Zunahme des Algenwachstums birgt gesundheitliche Gefahren.

Wandel von Dauer- zu Starkregen

Anders sieht es den Klimamodellen zufolge im Westen Deutschlands aus. "Dort wird ein Wandel von Dauer- zu Starkregen erwartet", sagt Stock. Das ist nicht nur schlecht für die Grundwasserreservoirs, die kurzzeitige Wasserschwälle nicht speichern können. Zu befürchten steht auch ein Anstieg der Erosion: Bodenschichten werden weggespült, Weinernten vernichtet, Gebäude beschädigt oder zerstört.

Zudem wird der Temperaturanstieg insgesamt den Einzug neuer Tierarten begünstigen - darunter eine ganze Reihe von Schädlingen, die bisher nur in südlichen Ländern vorkommen. "Der Sommer von 2003 war damals die absolute Ausnahme", sagt Stock. "Doch in Zukunft wird das zum Standard werden."

Natürlich könne man sich auf die steigende Hitze vorbereiten, so dass es nicht wieder zu Tausenden Todesfällen kommt. "Das ist eine gesellschaftliche Frage", meint Stock. Insofern, das habe schon sein prominenter Forscherkollege Hartmut Graßl gesagt, habe die Hitzewelle von 2003 die Kälte der Gesellschaft aufgezeigt.

"Wir haben immer vor den Folgen des Klimawandels gewarnt, aber die Leute müssen auch zuhören." Immerhin könnte der neue IPCC-Report der lang ersehnte Weckruf sein. Frankreichs Präsident Jacques Chirac und Bundesumweltminister Sigmar Gabriel etwa forderten heute gemeinsam die Gründung der Uno, einer neuen Umweltorganisation der Vereinten Nationen. "Die Zeit für Halbheiten", sagte Chirac, "ist vorbei".

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.