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Drastischer Plankton-Rückgang: Futterkrise in den Weltmeeren

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Schockierende Entdeckung in den Ozeanen: Das pflanzliche Plankton, die Basis der Nahrungspyramide, ist seit 1950 global um 40 Prozent geschwunden. Forscher befürchten dramatische Auswirkungen auf das Leben in den Meeren - und damit für die Menschen.

Phytoplankton: Das Nahrungsfundament wankt Fotos
AFP

Die Ozeane beherbergen eine gewaltige Menge an Leben, das in teils spektakulärer Form vorkommt, von bizarren Tiefsee-Lebewesen über elegante Raubfische bis hin zu gigantischen Säugetieren. Doch es sind mikroskopische Winzlinge wie Kiesel- und Grünalgen, Dinoflagellaten und Cyanobakterien, die all das erst ermöglichen: Phytoplankton ist das erste Glied in der Nahrungskette der Meere. Es wird von Zooplankton gefressen, das wiederum vielen anderen Tieren als Nahrung dient, die ihrerseits von anderen Meeresbewohnern vertilgt werden. Manchmal kann die Kette auch kurz sein - etwa wenn sie vom Phytoplankton über Krill zu den Walen führt.

Doch der Mensch ist offenbar gerade dabei, der Nahrungspyramide in den Ozeanen das Fundament wegzuschlagen. Inzwischen gilt es als ausgemacht, dass die durch den Klimawandel steigenden Temperaturen an der Wasseroberfläche die Menge des Phytoplanktons verringern. Wie groß der Effekt aber ist, und wie er sich in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt hat, war bisher unbekannt.

Jetzt liegen die Zahlen vor - und sie sind erschreckend. Seit 1899 ist die Masse des Phytoplanktons im globalen Durchschnitt um jährlich ein Prozent gesunken, berichtet ein internationales Forscherteam im Fachblatt "Nature". Insbesondere ab Mitte des vergangenen Jahrhunderts seien die Zahlen zuverlässig, sagte Boris Worm von der Dalhousie University im kanadischen Halifax, einer der Autoren der Studie. Seit 1950 sei die Masse an Phytoplankton im weltweiten Durchschnitt um 40 Prozent zurückgegangen.

"Einen entsprechenden Verdacht gab es schon lange", sagte Worm im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Aber diese Zahlen haben uns überrascht." Über die Auswirkungen des Phytoplankton-Schwunds könne man derzeit nur spekulieren. "Im Grunde sollte man davon ausgehen, dass ein solch massiver Rückgang schon jetzt spürbare Folgen hat", sagte Worm. Allerdings gehe es vor allem um den offenen Ozean - und dort sei die Datenlage zur Fauna außerordentlich dünn. "Insbesondere der Teil der Nahrungskette zwischen Phytoplankton und Großfischen hat die Menschheit bisher kaum interessiert."

"Die gesamte Nahrungskette wird sich zusammenziehen"

Mit anderen Worten: Es könnte sein, dass die Effekte des rapiden Phytoplankton-Rückgangs im offenen Meer den Menschen bisher einfach entgangen sind. Das aber, so befürchtet Worm, wird nicht lange so bleiben. Sollte sich der Trend fortsetzen und die Phytoplankton-Masse weiterhin um ein Prozent pro Jahr abnehmen, "wird sich die gesamte Nahrungskette zusammenziehen".

Die Produktivität im Meer könnte massiv zurückgehen - und das nicht nur in bestimmten Regionen. "Es handelt sich um ein globales Phänomen, das sich nicht regional bekämpfen lässt", sagte Worm. Die Daten zeigten, dass der Rückgang in acht von zehn untersuchten Regionen stattfindet. In einer schwinde das Phytoplankton noch schneller als anderswo, in einer weiteren nehme es dagegen zu. Beide Gebiete befinden sich jedoch im Indischen Ozean. "Das lässt vermuten, dass dort noch andere Faktoren einfließen", sagte Worm, der aktuell als Gastwissenschaftler am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung arbeitet.

Zwar ist die Situation in manchen Küstengewässern anders. In der Nord- und Ostsee etwa gelangen große Mengen an Nährstoffen vom Land aus ins Wasser. Mitunter kommt es so zu geradezu explosiver Algenvermehrung, wie sie derzeit etwa in der Ostsee zu beobachten ist. Doch die Küstengewässer machen eben nur einen winzigen Teil aller Ozeane aus.

Als Hauptursache hinter dem Schwund des Phytoplanktons vermuten Worm und seine Kollegen Daniel Boyce und Marlon Lewis den vom Menschen verursachten Klimawandel. Anders als in Küstennähe ist das Wasser im offenen Meer die meiste Zeit über in Schichten aufgeteilt, abhängig von der Temperatur. Das Phytoplankton befindet sich nahe der Oberfläche und bekommt seine Nahrung, wenn kälteres und nährstoffreiches Wasser aus der Tiefe aufsteigt. "Wenn das Wasser an der Oberfläche im Zuge des Klimawandels wärmer wird, erschwert das die Durchmischung", erklärt Worm. Die Folge: Das Phytoplankton bekommt nicht mehr ausreichend Nährstoffe, seine Dichte nimmt ab.

"So gravierend, dass es beinahe unglaublich ist"

Andere Fachleute äußern sich ebenfalls beeindruckt von der schieren Größe des Effekts. "Ein Rückgang von 40 Prozent in 60 Jahren - das ist so gravierend, dass es beinahe unglaublich ist", sagt Heinz-Dieter Franke von der Biologischen Anstalt Helgoland des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung. Allerdings warnt er davor, den Phytoplankton-Rückgang nur auf den Temperaturanstieg zurückzuführen. Denn er sorge zugleich für einen höheren Nährstoff-Eintrag über die Luft. Auch andere Einflüsse wie etwa die Veränderung der Wolkenbildung und damit der Sonneneinstrahlung existierten - und verkomplizierten die Lage.

Der negative Effekt des wärmeren Oberflächenwassers auf das Phytoplankton ist laut Worm bereits seit längerem gut dokumentiert - allerdings nicht über größere Zeiträume. Das lag unter anderem daran, dass kontinuierliche Satellitenmessungen erst seit etwa zwölf Jahren vorliegen. Deshalb griffen die Forscher unter anderem auf Daten zurück, die Pietro Angelo Secchi im 19. Jahrhundert gesammelt hatte. Im Auftrag der päpstlichen Flotte sollte der italienische Forscher und Jesuitenpater messen, wie lichtdurchlässig das Wasser im Mittelmeer war.

Die nach ihm benannte Secchi-Scheibe wird noch heute verwendet - und die alten Daten sind enorm wertvoll für Meeresbiologen. "Die Lichtdurchlässigkeit des Wassers steht in direktem Zusammenhang mit der Dichte an Phytoplankton", sagt Worm. Außerdem berücksichtigten die Wissenschaftler direkte Messungen der Mikroorganismen sowie Daten über den Chlorophyllgehalt der Meere. Chlorophyll wird von allen Phytoplankton-Organismen gebildet und lässt so ebenfalls Rückschlüsse auf die Biomasse zu. Insgesamt wertete das Team fast 450.000 Messdaten aus dem Zeitraum von 1899 bis 2008 aus.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. ...
Newspeak, 29.07.2010
"Die Folge: Das Phytoplankton bekommt nicht mehr ausreichend Nährstoffe, seine Dichte nimmt ab." Wie passt das zu der Aussage, daß die höhere CO2 Konzentration in der Atmosphäre eigentlich günstig für das Phytoplankton sein soll? Kann es überhaupt am Nährstoffeintrag ins Meer liegen, der durch die industrielle Landwirtschaft gestiegen sein sollte? Denn selbst wenn sich die konvektive Verteilung verändert, ist das möglicherweise durch insgesamt größere Nährstoffmengen ausgleichbar. Hat jemand andererseits vielleicht daran gedacht, daß es ausnahmsweise mal nicht die Klimakatastrophe ist, die für den beobachteten Rückgang verantwortlich ist, sondern z.B. der anthropogene Giftstoffeintrag ins Meer aus den unterschiedlichsten Quellen? Na ja, auf jeden Fall fühlt man sich an "Soylent Green" erinnert. Da ist das Plankton der Meere ja auch kaputt gegangen und für die Ernährung mussten andere Quellen aufgetan werden ("Soylent Green ist..." für alle die, die den Film noch schauen wollen, sei das Ende offen gelassen).
2. Wieder so ein Klimamärchen !
herbert 29.07.2010
Wenn man diesen sogenannten Experten und Klimaschützern glauben will, dann dürften wir jetzt draussen keine Wälder mehr haben. Vor 25 Jahren haben genau diese das große Waldsterben gesehen. Doch der Wald ist immer noch da ! Dann wurde das große Froschsterben gesehen. Doch noch immer sind diese reichlich vorhanden. Dann sollte der Maikäfer kurz vorm aussterben sein. In den Folgejahren gab es dann Maikäferplagen. Rinderwahn und Vogelgrippe sollten die Menschheit ausrotten, doch man hört nichts mehr von diesen Seuchen. In Deutschland sollte es laut Experten keinen Winter mehr geben. Fakt ist, der letzte Winter war reichlich und kalt. Wenn nun wieder diese Experten auf den Weltmeeren nach Plankton suchen, so müssten sie jeden Kilometer genau absuchen. Die Weltmeere sind ríesig, wie wollen nun diese Expertenh nfeststellen, wieviel Plankton wo und an welcher Stelle auf der Erde ist? Meerestiefen von mehreren Kilometer sind überhaupt noch nicht untersucht und man wundert sich immer wieder wenn man eine neue Art von Fisch findet. Die Regierungen sollten damit anfangen, diese sogenannten Panikmacher und Kaffeesatzleser einzubuchten.
3. Oder ...
kurtwied, 29.07.2010
... es liegt daran, dass es keine Phosphate mehr in den Waschmitteln gibt, die den Wachstum damals begünstigt haben und über die Flüsse in die Meere kamen?
4. Eigentlich nichts überraschendes...
P.H., 29.07.2010
... denn mit dem Rückgang der Gletscher ist auch die Wassertemperatur in den Meeren verknüpft. Ich selbst sehe das fatalistisch, denn eine Einigung der Küstenstaaten über den Umgang mit den Meeren (mehr noch als mit allen anderen Ökosystemen) wird man nicht erzielen können - im Gegenteil: Mit der zunehmenden Bevölkerung wird sich das Problem nachhaltig verschärfen und zu einer Verknappung führen. Es ist nur ein zusätzliches Rad auf dem Weg zum globalen Kollaps, der sich unvermeidbar ankündigt und sicheren Schrittes auf die Menschheit zukommt. Wie die Menschheit diesen überstehen wird, das überlass ich den Science-Fiction Authoren und der Phantasie der anderen. Der Mensch ist anscheinend zu intelligent zu überleben und zu dumm es einzusehen.
5. Nichts genaues weiss man nicht
Roana, 29.07.2010
Den Eindruck hab ich, wenn ich den Artikel lese. Gut dass wir im Sommerloch mal drüber gesprochen haben...
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