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Drei Schweinegrippe-Fälle: Infizierten Deutschen geht es schon wieder besser

Das Schweinegrippe-Virus hat mindestens drei Deutsche befallen, weitere Verdachtsfälle werden geprüft - doch den Infizierten geht es nach ersten Angaben den Umständen entsprechend gut. Der bayerische Gesundheitsminister Söder warnt vor Panik.

München/Hamburg - Am Mittwochmorgen bestätigte das Berliner Robert-Koch-Institut drei Schweinegrippe-Fälle in Deutschland, davon zwei in Bayern und einen in Hamburg. Der bayerische Gesundheitsminister Markus Söder hat nun Details über die infizierten Patienten in seinem Bundesland bekanntgegeben. Beide Personen erkrankten nach einer Mexiko-Reise in Deutschland, sagte Söder auf einer Pressekonferenz in München. Sie seien bereits auf dem Weg der Besserung.

Hamburger Universitätsklinik: Infizierte Patientin aufgenommen
DPA

Hamburger Universitätsklinik: Infizierte Patientin aufgenommen

Nach Einschätzung Söders ist die Lage ernst und erfordere erhöhte Wachsamkeit. Es gebe jedoch keinen Grund zur Panik. Der Minister rief dazu auf, "vernünftig und konsequent" zu agieren. Der Krisenstab im Freistaat arbeite rund um die Uhr; weitere Verdachtsfälle würden mit allen Mitteln geprüft. Verunsicherte Bürger rief Söder dazu auf, im Zweifelsfall einen Arzt aufzusuchen.

Bei der infizierten Frau aus Kulmbach seien nach der Rückkehr aus Mexiko in Deutschland leichte Grippesymptome aufgetreten, sagte Andreas Zapf, Präsident des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit. Die 37-jährige Patientin habe dann ihren Hausarzt konsultiert, die Grippe sei behandelt worden. "Inzwischen ist sie beschwerdefrei", sagte Zapf auf der Pressekonferenz in München.

Der zweite bestätigte Schweinegrippe-Fall aus Bayern ist nach Zapfs Angaben "medizinisch etwas komplexer". Der Mann, Ende 30, aus Regensburg war ebenfalls in Mexiko und leide an einer Grunderkrankung. Um welche es sich handelt, wollte Zapf mit Hinweis auf Persönlichkeitsrechte und das Arztgeheimnis nicht sagen. Das nach der Grippeinfektion einsetzende Fieber habe die Komplikationsgefahr der Grunderkrankung erhöht. Der Patient befinde sich nach wie vor in stationärer Behandlung. Er wurde laut Zapf mit Tamiflu behandelt und sei inzwischen fieberfrei. Bezogen auf den Infekt habe es eine "deutliche Verbesserung" gegeben.

Die dritte Infizierte in Deutschland, eine 22 Jahre alte Frau, war nach einer Mexiko-Reise mit Influenza-ähnlichen Symptomen ins Hamburger Universitätskrankenhaus Eppendorf (UKE) gekommen. Die erste Labordiagnose sei im Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin erstellt worden. Die UKE-Patientin war nach Klinikangaben über Düsseldorf nach Hamburg zurückgekehrt. "Wir checken jetzt das Umfeld der Patientin", sagte der Sprecher der Hamburger Gesundheitsbehörde.

Es werde untersucht, zu wem die junge Frau Kontakt gehabt habe und ob diese Menschen Grippesymptome aufwiesen. Nötigenfalls werde auch mit den Behörden in Düsseldorf Kontakt aufgenommen. Die Patientin war nach ihrer Ankunft im UKE sofort isoliert, eingehend untersucht und mit den entsprechenden Medikamenten behandelt worden, hieß es. Es gehe ihr den Umständen entsprechend gut.

Am Mittwochvormittag hatten Sachsen und Niedersachsen je einen neuen Verdachtsfall gemeldet. Ein Mann aus Braunschweig habe sich womöglich mit der Schweinegrippe angesteckt, sagte der Sprecher des niedersächsischen Sozialministeriums am Mittwoch in Hannover. In Sachsen bestand Verdacht bei einem achtjährigen Jungen. Das Kind aus dem Landkreis Leipzig habe Kontakt zu einem Familienmitglied gehabt, das gerade erst von einer Mexikoreise zurückgekehrt sei, sagte der Sprecher des sächsischen Gesundheitsministeriums, Ralph Schreiber. Das Kind sei mit grippeähnlichen Krankheitssymptomen einem Arzt vorgestellt worden. Der Junge sei in der Obhut der Eltern in der heimischen Wohnung. Daneben gab es drei Verdachtsfälle in Nordrhein-Westfallen und vier in Bayern.

Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmitt präzisierte die Zahl der Verdachtsfälle am Mittwochmittag: Es gebe nur noch zwei Personen, bei denen noch kein Ergebnis vorliege.

In Österreich ist eine 28-Jährige mit dem Schweinegrippe-Virus H1N1 infiziert. Das bestätigte das Gesundheitsministerium. Aus etlichen anderen Ländern wurden weitere Verdachtsfälle gemeldet, darunter Frankreich, Belgien, die Schweiz und Chile. Insgesamt fünf bestätigte Erkrankungen gab es am Mittwoch Mittag in Großbritannien, vier weitere in Spanien. Bei allen Patienten ist der Zustand jedoch nicht bedrohlich.

Unter den Erkrankten in Großbritannien sei ein 12-jähriges Mädchen aus Torbay in Südwestengland, sagte Premierminister Gordon Brown. Ihre Schule sei vorübergehend geschlossen worden, ihre Mitschüler erhielten spezielle Medikamente.

Kalifornien ruft Notstand aus

In Mexiko wurde zunächst gemeldet, dass die Zahl der wahrscheinlich an dem Virus gestorbenen Menschen auf 159 gestiegen sei. Der mexikanische Gesundheitsminister José Ángel Córdova setzte die Zahl der bestätigten Todesfälle durch Schweinegrippe aber inzwischen auf sieben herab. Er verwies darauf, dass für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nur in diesen Fällen die Kriterien erfüllt seien. Bislang hätten die Gesundheitsbehörden 2498 mögliche Infektionen mit Schweinegrippe gezählt, sagte Córdova. Von den Patienten seien 1311 noch im Krankenhaus.

In den USA stieg die Zahl der bestätigten Erkrankungsfälle auf 66. Ein 23 Monate altes Kleinkind in Texas fiel der Krankheit zum Opfer - es ist der erste registrierte Todesfall durch Schweinegrippe außerhalb Mexikos. Im Bundesstaat Kalifornien rief Gouverneur Arnold Schwarzenegger den Notstand aus, betonte aber, es bestehe kein Anlass zu Alarmismus. Im Bezirk Los Angeles überprüften die Behörden einen Todesfall, der möglicherweise in Zusammenhang mit der Schweinegrippe stehen könnte.

Als erstes zentralamerikanisches Land bestätigte Costa Rica zwei Krankheitsfälle. In Kanada erhöhte sich die Zahl der bestätigten Infektionen auf 13 und in Neuseeland auf 14, wie die Gesundheitsbehörden mitteilten. In Israel sind ebenfalls zwei Infektionen bestätigt.

Weltweit wurden wegen der Ausbreitung der Krankheit die Sicherheitsmaßnahmen erhöht. Russland, Hongkong und Taiwan erklärten, Durchreisende mit Grippesymptomen würden sofort in Quarantäne eingewiesen. Als erstes Land stellte Kuba am Dienstag den Flugverkehr von und nach Mexiko für 48 Stunden ein. Argentinien erklärte, bis Sonntag würden alle Flüge aus Mexiko ausgesetzt.

Nach der EU sprachen sich unterdessen auch die USA für eine Umbenennung der Schweinegrippe aus. Die derzeitige Bezeichnung suggeriere, dass es ein Problem mit Schweinefleischprodukten gebe, sagte Agrarminister Tom Vilsack. Bei der Grippe handele es sich aber nicht um eine Lebensmittelinfektion, und das Virus habe nichts mit dem Konsum von Schweinefleisch zu tun. Die Bezeichnung Schweinegrippe könnte Züchtern wirtschaftlich schaden.

Das Robert-Koch-Institut in Berlin hat wegen der Schweinegrippe eine Hotline geschaltet. Unter der Telefonnummer 030-187544161 können sich Interessierte bis Donnerstag von 8 bis 18 Uhr informieren. Bei Bedarf soll die Nummer auch am Wochenende und kommende Woche zur Verfügung stehen. Das Gesundheitsministerium in Berlin will am Mittwoch die kostenpflichtige Nummer 01805-996619 für Bürger freischalten.

Forscher arbeiten unterdessen unter Hochdruck an der Entwicklung eines Impfstoffs gegen die Krankheit. Reiseveranstalter bieten kostenlose Umbuchungen für Touristen an, die Touren nach Mexiko und in die USA gebucht haben.

Das Schweinegrippe-Virus
Der Erreger
Es handelt sich um ein Influenza-A-Virus mit der Bezeichnung H1N1, das sich von Mensch zu Mensch übertragen kann - vor allem durch Händeschütteln, Niesen und Husten. Ein H1N1-Virus war auch der Auslöser der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 weltweit mindestens 25 Millionen Menschen getötet hat.
Die Symptome
Die Schweinegrippe bewirkt ähnliche Symptome wie eine normale Grippe: plötzliches Fieber, Muskelschmerzen, trockener Husten und ein trockener Hals. Allerdings sind der einhergehende Durchfall und die Übelkeit stärker ausgeprägt.
Die Gefahr
Neue Virenstämme können sich rasch ausbreiten, weil es keine natürliche Immunität gibt und es Monate dauert, bis ein aktueller Impfstoff entwickelt und produziert ist. Der neue Stamm des Schweinegrippe-Virus unterscheidet sich vom älteren H1N1-Virus, gegen das die aktuellen Grippeimpfstoffe schützen. Die gewöhnliche Grippe tötet jedes Jahr 250.000 bis 500.000 Menschen, vor allem ältere Menschen. Die meisten sterben an Lungenentzündung. Auch gesunde Menschen können tödlich erkranken.
Antivirale Mittel
Nach derzeitigem Wissensstand bieten die Wirkstoffe Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) und Zanamivir (Handelsname Relenza) Schutz gegen das Schweinegrippen-Virus. Diese Wirkstoffe behindern unspezifisch die Vermehrung von Influenza-A- und Influenza-B-Viren im Körper.
Wandlungsfähigkeit von Grippeviren
Grippeviren gehören zu den wandlungsfähigsten Erregern, die bekannt sind. Die Entwicklung gänzlich neuer Typen ist zwar selten, aber extrem gefährlich. Meist springen dabei irgendwo in der Welt Viren von Vögeln oder Schweinen auf den Menschen über. Wenn sie in dessen Körperzellen auf andere, ältere Grippeviren treffen, kann sich die Erbinformationen vermischen und neue Erreger hervorbringen.

hda/AP/dpa/ddp

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