Drittes Reich Als die Nazis "Nature" verboten

2. Teil: Lesen Sie im zweiten Teil, wie strikt das Verbot umgesetzt wurde und wie Hitler einen eigenen Nobelpreis einrichten ließ


Wie strikt das Verbot von "Nature" an deutschen Bibliotheken umgesetzt wurde, darüber lässt sich nach Ansicht Hoßfelds und Olssons nur spekulieren. Im Bundesarchiv in Berlin findet sich wenig dazu. Sie vermuten, dass es regionale Unterschiede bei der Verbots-Umsetzung gab: An ihrer eigenen Universität Jena etwa fehlen "Nature"-Ausgaben von 1937. Doch ob sie weggeschlossen worden waren oder einfach nur im Krieg zerstört wurden, ist unklar. In den Universitätsbibliotheken Göttingens, Gießens und Berlins jedoch fänden sich komplette "Nature"-Ausgaben aus den dreißiger Jahren. Möglicher Grund: "Es war den Universitäten nicht verboten, ein 'Nature'-Abo zu besitzen", sagte Olsson zu SPIEGEL ONLINE. "Die 'Nature'-Ausgaben durften nur nicht öffentlich zugänglich gemacht werden."

Doch wie reagierte "Nature" auf sein Verbot in Deutschland? Sir Richard Gregory, damaliger Chefredakteur des Magazins, veröffentlichte am 22. Januar 1938 in "Nature" nur ein kurzes Schreiben, in dem er direkt Bezug auf das Dekret Rusts nimmt. Darin bestreitet Gregory, dass "Nature" jemals wissenschaftliche Beiträge deutscher Forscher attackiert habe. Stattdessen vergehe "nie eine Woche, ohne einen Kolumnen-Bericht über deutsche wissenschaftliche Arbeiten oder Zusammenfassungen wissenschaftlicher Veröffentlichungen in deutschen Fachmagazinen".

"Nature"-Chefredakteur verteidigte die kritischen Artikel

Mit klaren Worten verteidigt Gregory die kritischen "Nature"-Artikel, die Auslöser für das Verbot waren: "Wir würden die Traditionen der Wissenschaft missachten, wenn wir es versäumten, jedweden Einfluss zu verdammen, der wissenschaftliche Forschung politischer oder theologischer Dominanz unterwürfig macht."

Die falsche Darstellung in dem Dekret des Reichsministers für Wissenschaft und Bildung sei "schwer erträglich", schreibt Gregory. Jedoch bedauere er mehr die Strafe für die deutschen Leser als für "Nature" selbst. Interessanterweise, so Olsson, reichten deutsche Wissenschaftler trotz des Verbotes dennoch weiterhin Artikel bei dem Fachmagazin ein.

1941 fand er noch deutlichere Worte. In seinem Beitrag "Science in Chains" schrieb er: "Die Behauptung, dass deutsche Wissenschaft von 'Nature' oder irgendeinem anderen wissenschaftlichen Journal angegriffen worden war, ist so falsch wie unaufrichtig." Namentlich nennt er Bernhard Rust als Verantwortlichen für den Bann von "Nature" und die "Unterordnung freiheitlicher Prinzipien von Lehre und Lernen unter die Philosophie teutonischer Überlegenheit".

Das "Nature"-Verbot durch die Nazis reiht sich ein in einen langen Maßnahmenkatalog, autark vom Ausland zu werden und einen deutschen Sonderweg in der Wissenschaft zu etablieren. So war die Gründung der "Zeitschrift für die gesamte Naturwissenschaft" selbst ein Versuch, sich im Zuge antibritischer Propaganda von ausländischen Magazinen wie "Nature" und "Science" abzusetzen. Die "Zeitschrift" erschien erstmals 1935 und wurde 1936 von Nazi-Organisationen übernommen, berichten Hoßfeld und Olsson. Dann wurde sie dem "angemessenen deutschen Geiste" angepasst. Ab 1939 wurde sie von der Ahnenerbe-Stiftung herausgegeben, der Heinrich Himmler vorstand, und sollte von da an die Rassenpolitik und die Wissenschaft des Nazi-Regimes verbreiten.

Hitler wollte einen alternativen Nobelpreis etablieren

Absurde Züge erreichten diese Maßnahmen mit dem Versuch Hitlers, einen alternativen Nobelpreis zu etablieren. Im Januar 1937 verbot Hitler allen Deutschen die Annahme des Nobelpreises - "für alle Zukunft". Stattdessen gründete er den "Deutschen Nationalpreis für Kunst und Wissenschaft". Dieser sollte zusammen mit einem Preisgeld von 100.000 Reichsmark jährlich "zwei Deutschen von großem Verdienst" verliehen werden. Preisträger waren unter anderem Alfred Rosenberg, einer der wichtigsten Ideologen des Nationalsozialismus, der Chirurg Ferdinand Sauerbruch, der Flugzeugbauer Willy Messerschmidt und der Autobauer Ferdinand Porsche.

Doch auch "Nature" war nicht gänzlich gefeit vor dem Zeitgeist. Wie auf "History of the Journal Nature" nachzulesen ist, veröffentlichte das Magazin seit den zwanziger Jahren Arbeiten über Methoden selektiver Geburtenkontrolle und Eugenik, die damals als Theorie in Mode war. Einer der Leitartikler des Magazins, E.W. MacBride, beispielsweise beschäftigte sich mit der seiner Meinung nach zu starken Fortpflanzung der Arbeiterklassen: "Heutzutage überleben die Arbeiter, wie dumm sie auch immer sein mögen, und stellen einen zunehmenden Anteil der zukünftigen Nation." Überbevölkerung habe England zu einem Dampfkessel ohne Sicherheitsventil gemacht. "Zwingende Geburtenkontrolle erscheint uns als die einzige Medizin", so MacBride. In den späten dreißiger Jahren, unter Sir Richard Gregory, mäßigte das Magazin seinen Ton, als in Nazi-Deutschland die Zwangssterilisation eingeführt wurde.

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