Drittes Reich Als die Nazis "Nature" verboten

Gegängelt, verfolgt, vertrieben - in Nazi-Deutschland lebten all jene Forscher gefährlich, die Juden waren oder das Regime kritisierten. Auch internationale Fachblätter gerieten ins Visier der braunen Propaganda. Jetzt haben Historiker aufgeklärt, wie das Magazin "Nature" verboten wurde.


"Die 'Nature' von heute ist eine Greuelzeitschrift", hieß es in einem Artikel, der im März 1938 in der "Zeitschrift für die gesamte Naturwissenschaft" erschien. "In jeder ihrer Nummern findet man gegen das nationalsozialistische Deutschland gerichtete Hetzartikel."

Diktator Hitler (bei einem Aufmarsch im September 1938): Deutsche Wissenschaft wurde auf Parteilinie gebracht
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Diktator Hitler (bei einem Aufmarsch im September 1938): Deutsche Wissenschaft wurde auf Parteilinie gebracht

Dieses Zitat dokumentiert exemplarisch die wissenschaftsfeindliche Stimmung in Nazi-Deutschland: Bücher wurden verbrannt, unliebsame Schriften verboten und Wissenschaftler aus jüdischen Familien aus Universitäten und Forschungseinrichtungen vertrieben. Auch das Fachmagazin "Nature" ließen die Nazis verbieten - es hatte ihnen zu kritisch über die Gängelung deutscher Wissenschaftler jüdischen Glaubens berichtet.

Uwe Hoßfeld und Lennart Olsson von der Universität Jena haben die Geschichte des Magazins während der Nazi-Diktatur untersucht und ihre Erkenntnisse jetzt auf "History of the Journal Nature" veröffentlicht - der Website, auf der das Fachblatt seine eigene Geschichte darstellt. Bei seinen Recherchen zur Aufarbeitung der Universitätsgeschichte Jenas war Hoßfeld auf die entscheidenden Dokumente gestoßen.

"Unerhörte Angriffe gegen die deutsche Wissenschaft"

"Nature", im Jahr 1869 gegründet, gilt neben dem US-Blatt "Science" als das weltweit renommierteste wissenschaftliche Fachmagazin. Die Veröffentlichung eines Artikels in einem der beiden Blätter kommt für die beteiligten Forscher einem Ritterschlag gleich - auch wenn es unter Wissenschaftlern durchaus Kritik an der Markt- und Meinungsmacht der großen Fachblätter gibt.

Für den Geschmack der Nazis hatte "Nature" allzu kritisch über die Vertreibung jüdischer Wissenschaftler berichtet, so das Fazit von Hoßfeld und Olsson. Bernhard Rust, Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, verbot "Nature" mit seinem Dekret vom 12. November 1937 an deutschen Bibliotheken. Seine Begründung: Das Magazin habe "unerhörte und niedrige Angriffe gegen die deutsche Wissenschaft und den nationalsozialistischen Staat" veröffentlicht.

Was war geschehen?

Zum einen, so schreiben Hoßfeld und Olsson, hatte die antibritische Propaganda in der deutschen Wissenschaftsgemeinde eine Geschichte, die bis in die Zeiten des Ersten Weltkriegs zurückreichte. Direkter Auslöser des Verbots sei eine Reihe von "Nature"-Artikeln aus den Jahren 1936 und 1937 gewesen, in denen die Ausgrenzung und Vertreibung von Wissenschaftlern jüdischen Glaubens in Deutschland kritisiert wurde.

"Göttingen hörte 1933 auf, ein Mittelpunkt der Wissenschaft zu sein. Am 30. Juni werden die Besucher in Göttingen eine einzigartige Reihe von Verlusten der Gelehrsamkeit, der Freiheit und des Lebens feiern", heißt es in dem "Nature"-Text von 1937 anlässlich der 200-Jahr-Feier der Göttinger Universität. Der Autor kritisierte damit eine bereits 1933 gestartete Säuberungswelle an der Universität, der viele "aktive" und "brillante" jüdische Wissenschaftler am mathematischen und physikalischen Institut zum Opfer gefallen seien.

Hans Rügemer, Autor des in der "Zeitschrift für die gesamten Naturwissenschaften" erschienenen Pamphlets, greift diesen Text auf. Besonders verärgert zeigt er sich darüber, dass der "Nature"-Autor alle betroffenen jüdischen Forscher mit Namen im Anhang des Artikels auflistete - darunter Forscherpersönlichkeiten wie Max Born, Mathematiker und Physiker, der nach seiner Vertreibung nach England emigrierte und 1954 den Nobelpreis für Physik erhielt - für Forschungsergebnisse, die 1926 in Göttingen entstanden waren.

Rügemer wirft den Autoren "jüdische Hassgefühle" vor und unterstellt ihnen, selbst Juden zu sein. Schließlich nimmt Rügemer das gesamte Magazin und sein Korrespondentennetz unter Generalverdacht: Seit 1933 soll "Nature" eine "antifaschistische Spitzel- und Schnüffelorganisation in Deutschland und Italien" etabliert haben.

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