Dünger in der Luft Autoabgase lassen Pflanzen sprießen

Ausgerechnet Autoabgase lassen manche Pflanzenart so gut gedeihen, dass sie vom Land in die Stadt wandert. Flechten und Moose, aber auch Brennnesseln und Brombeeren laben sich an den düngenden Gasen. Nur: Die Nachricht klingt besser, als sie ist.

Von Chris Löwer


Auf seinen Streifzügen durch das ökologisch halbtote Ruhrgebiet registrierte Norbert Stapper üppig wuchernde Moose und Flechten, die vor Jahrzehnten dem Schwefel der Kohlekraftwerke zum Opfer gefallen waren. Die Wüste rund um Duisburg lebt, wie der Monheimer Biologe verblüfft feststellte.

Eine ähnliche Szene in Wien: Bei einem Ausflug auf den Stephansdom gerät der Botaniker Harald Zechmeister unerwartet in Verzückung: Gleich 16 Arten der als ausradiert geltenden Krauchpflänzchen besiedeln das Kulturdenkmal. Auch Jan-Peter Frahm, Botaniker vom Bonner Nees-Institut für Biodiversität, traute seinen Augen kaum ob der wundersamen Vermehrung der sensiblen Urgewächse - ausgerechnet da, wo es am giftigsten ist: an Straßenrändern.

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Flechten und Moose: Die Profiteure der Auto-Abgase

"Eigentlich wachsen diese Arten auf dem Land, in der Nähe von Güllehaufen oder auf Dächern von Viehställen", meint Frahm. "Für uns war es zunächst ein Rätsel, warum stickstoffliebende Flechtenarten nun in der Stadt auftauchen. Wir fragten uns: Wo sind hier die Kühe?"

Die Antwort gibt Forscherkollege Stapper: "Die städtischen Kühe haben vier Räder und einen Drei-Wege-Kat." So obskur es erscheint: Vermeintlich gereinigte Autoabgase wirken wie Dünger. Und zwar ist es unter anderem der aus Kuhfladen und Misthaufen bekannte, beißend riechende Ammoniak, den die Katalysatoren in die Luft pusten - und der Flechten und ihre pflanzlichen Freunde freut.

Ammoniak lässt Pflanzen gedeihen

Ammoniak ist so etwas wie ein blinder Passagier in Autoabgasen: "Bei Luftschadstoffmessungen wird der Stoff nicht erfasst, da er für Menschen unschädlich ist. Selbst beim TÜV wusste niemand, dass Ammoniak freigesetzt wird", sagt Frahm. Sein Forscherteam klemmte sich einen Tag lang bei Abgasuntersuchungen an die Auspuffrohre und lieferte den Beweis. Düngeexperimente brachten schließlich absolute Klarheit, dass bei jedem Tritt aufs Gaspedal der Wuchs von Moosen und Flechten befördert wird.

Gleichwohl fühlt sich Frahm, wie er sagt, von der Industrie "verarscht": "Dieser Schadstoffausstoß wurde nie zum Thema gemacht." Warum Schadstoff, wo doch längst verloren geglaubte Pflanzen vom Land in die Stadt zurückkehren? "Ammoniak verbindet sich mit Stickoxiden aus Dieselabgasen zu Ammoniumnitrat, das mit dem Regen in den Boden einsickert. Das ist reiner Dünger, wie er auch im Baumarkt zu kaufen ist", erklärt Frahm. "Es kommt zur Überdüngung. Nicht angepasste Pflanzen sterben, wenige überleben oder kehren eben zurück." Die Artenvielfalt - und das ist die schlechte Nachricht - sei in Gefahr.

Der Gratisdünger ist an stark befahrenen Straßen derart hoch in der Luft konzentriert, dass diese Fracht tatsächlich nur von wenigen Moos- und Flechtenarten toleriert wird. Etwa von dem Moos mit dem exotischen Namen Orthotrichum diaphanum und der Gelbflechte Xanthoria. Sie und ihre Artgenossen sind als Schadstoffindikator so wertvoll, wie sie für das ungeübte Auge unscheinbar sind. "Sie reagieren besonders empfindlich auf Verunreinigungen der Luft", erklärt Biologe Stapper, "weil sie im Gegensatz zu Pflanzen mit Wurzeln Wasser und Nährstoffe über Regen, Tau oder hohe Luftfeuchtigkeit direkt aus der Atmosphäre aufnehmen."

Pflanzen dienen als Schadstoff-Messgeräte

Blühende Pflanzen etwa versorgen sich mit dem Lebensnotwendigen über ihre Wurzeln, die zudem Schädliches aus dem Boden filtern. "Dadurch sind Moose und Flechten gute Bioindikatoren für die Luftqualität, zumal sie im Gegensatz zu physikalisch-chemischen Messungen die Gesamtheit der Schadstoffe anzeigen", sagt Stapper.

Und so kommt es, dass der VDI diesen natürlichen Indikator neuerdings zu schätzen lernt. Statt auf teure technische Messverfahren zu setzen, blicken die Ingenieure lieber auf zarte Pflänzchen. Unlängst wurden neue Richtlinien für die Luftgüteuntersuchung erarbeitet: Die Moos-Richtlinie VDI 3951/12 und die Flechten-Richtlinie VDI 3951/13. "Besonders Flechten, die sich auf der Baumborke ansiedeln, eignen sich als Indikator für die Luftqualität", erklärt Stapper. "Das Vorkommen der Arten an sich und ihre Häufigkeit lässt Rückschlüsse auf den Schwefeldioxidgehalt in der Luft zu."

Zwar mag der Pflanzenwuchs manch einen Naturliebhaber erfreuen. Allerdings gibt es gute und schlechte Flechten, wie Stapper betont: "Was da am Straßenrand wächst, sind meist die Ratten unter den Flechten."



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