Dunkles Treiben Zecken gehen nachts einen trinken

Schweizer Forscher haben erstmals das geheime Nachtleben des Holzbocks enthüllt: Weil er tagsüber beim stoischen Lauern auf Beute austrocknet, muss er nach Sonnenuntergang nachtanken.


Im Wonnemonat Mai beginnt seine Zeit: Auf Halmen und Sträuchern lauert der Parasit auf Beute. Drei blutige Mahlzeiten braucht die Zecke Ixodes ricinus, um von der Larve über das Nymphenstadium zum Holzbock heranzureifen. Dabei beweist der Blutsauger beachtliche Ausdauer: Wochen und Monate können vergehen, bis das nächste Opfer naht.

Zecke im Nymphenstadium: Zechtour im Dunkeln
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Zecke im Nymphenstadium: Zechtour im Dunkeln

Für Menschen sind die Minivampire nicht ungefährlich, denn sie übertragen Krankheiten wie die Frühsommer-Meningoenzephalitis oder die Lyme-Borreliose. Doch trotz ihres Risikopotenzials weiß man wenig über die häufigste Zecke Europas - und so gut wie gar nichts über ihr Nachtleben.

Schweizer Zoologen haben jetzt das dunkle Treiben aufgedeckt. Im Labor stellten sie die Zeckenumwelt nach: Sie simulierten Tag und Nacht, veränderten Temperatur und Luftfeuchtigkeit, um herauszufinden, wie diese Faktoren die Nymphen beeinflussen. Statt Gras und Büschen gab es jedoch nur Plastikröhrchen und wassergetränkte Baumwolldochte. Mit Infrarotkameras beobachteten die Forscher ihre Studienobjekte zehn Tage lang.

"Zecken haben ein entscheidendes Problem", sagt Jean-Luc Perret von der Universität Neuchâtel. "Während sie tagsüber auf einem Grashalm sitzend auf ihre Beute warten, trocknen sie langsam aus." Ein Nachtanken zwischendurch am feuchten Wiesenboden verbietet sich, weil die Tiere durch die Bewegung noch mehr Feuchtigkeit und vor allem Energie verlieren. Doch Ixodes ricinus weiß sich zu helfen, wie die Schweizer jetzt enthüllten: Die Holzböcke gehen nur nachts einen trinken.

Die Kameras offenbarten, was nie ein Mensch zuvor gesehen hatte: Sobald die Labornacht hereingebrochen war, verließen die Blutsauger ihren Lauerplatz und zogen in den Röhren umher. Je trockener ein Labortag war, desto länger waren die Zecken im Dunkeln auf Zechtour. Dabei suchten sie immer wieder den feuchten Baumwolldocht auf, damit sie Feuchtigkeit aus der Luft über ihre Poren aufnehmen konnten.

"Nur sechs Prozent ihrer Wanderzeit sind sie am Tag unterwegs", berichten Perret und seine Kollegen in der Juni-Ausgabe des "Journal of Experimental Biology". Bislang war allerdings noch unklar, wie die Tiere überhaupt wissen können, dass die Sonne untergegangen ist: Augen hatte an Ixodes ricinus noch niemand entdeckt.

"Bei anderen Zecken kann man, wenn man genau hinsieht, Hornhautstrukturen sehen, beim Holzbock gibt es die aber nicht", so die Forscher. Erst der Blick durch das Elektronenmikroskop auf ultradünne Zeckenschnitte offenbarte den Wissenschaftlern den Sehsinn des Achtbeiners.

Zwanzig einfache lichtempfindliche Zellen reihen sich wie auf einer Perlenschnur an beiden Seiten des Holzbocks auf. Zwei Sehnerven laufen zu einem winzigen Sehzentrum unter dem Rückenschild zusammen. Das reicht offenbar völlig aus, um das Hereinbrechen der Nacht mitzubekommen.

Dass die Tiere nur im Dunkeln losziehen, könnte weitere Vorteile haben, vermuten die Forscher. Nachts begegnen die Holzböcke nicht nur häufiger potenziellen Opfern. Weil in der Dunkelheit die meisten Zecken unterwegs sind, stoßen möglicherweise auch Männchen und Weibchen eher aufeinander. Am Tag lauern die Hungerkünstler dann wieder stoisch auf Beute.



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