Ein Kommentar von Christian Schwägerl, Nagoya
Der Naturschutzgipfel von Nagoya hat eine Botschaft, die nicht nur Vogelfreunde und Waldwanderer betrifft - sondern vor allem alle anderen Menschen. Gerade wer in einer Großstadt lebt, bekommt von dieser Zusammenkunft der Vereinten Nationen eine Nachricht übermittelt: Unser Leben hängt existentiell von der Vielfalt der Natur ab. Wir werden für das, was wir bisher kostenlos bekommen, künftig zahlen müssen, wenn wir nicht die Grundlage dieses Lebens verlieren wollen.
Wer morgens im Herzen von Berlin, München oder Hamburg in sein Brötchen beißt, ist mit dem Acker verbunden, von dem es kommt. Doch wie lange sind die Böden noch fruchtbar? Wer die Zeitung aufschlägt, tritt mit dem Wald in Verbindung, dem das Papier entstammt. Doch gibt es auch in Zukunft noch ausreichend Wälder? Wer einen Kaffee trinkt, der verschafft sich einen Stimulus aus subtropischen Berggebieten. Was aber passiert mit dem Regenwald um die Plantage herum, ohne den die Kaffeesträucher weniger fruchtbar wären?
Die Liste der Ziele, die auf dem Gipfel in Japan verabschiedet wurden, ist lang und erstaunlich: Bis 2020 soll die Überfischung gestoppt, die Landwirtschaft nachhaltig und das Aussterben von Arten gestoppt sein. Sind das naive Wünsche von Tagträumern? Angesichts des Versäumnisses, die für 2010 gesteckten Uno-Ziele zu erreichen, mag man sich fragen, wie aussagekräftig solche Verlautbarungen überhaupt sind. Doch das kann nur bedeuten, die Rolle der Uno-Umweltschützer in der Weltpolitik zu stärken und das Umweltprogramm der Vereinten Nationen in den Rang einer echten Uno-Organisation zu erheben. Beim Welthandel mit der WTO ist das längst der Fall.
Wir haben uns daran gewöhnt, Äcker erodieren zu lassen, Speiseöle von tropischen Rodungsflächen zu beziehen, Fische aus illegalen Quellen zu essen. Alles soll möglichst billig sein. Zugleich erwarten wir von den ärmeren Menschen in Entwicklungsländern, dass sie nicht so viele Ressourcen verbrauchen wie wir, weil das der Planet nicht verkraften würde.
Nun weist der Gipfel von Nagoya einen Weg, wie es anders laufen kann. Bei Uno-Gipfeln ist grundsätzlich Skepsis angebracht, wie viel sie von dem einlösen, was Satz für Satz erkämpft wurde, sobald die Unterhändler in ihre Flugzeuge nach Hause gestiegen sind.
Die Umwelt, neue Zentralbank unserer Wirtschaft
Doch zum Erfolg von Nagoya gehört auch, dass sich dort Manager von vielen etablierten Firmen und Großkonzernen eingefunden haben, die offen sind für jenes neue Denken, das aus den Dokumenten spricht: Regenwälder, Korallenriffe, Ozeane, Savannen und lebenspralle Ackerböden sind demnach künftig die eigentlichen Zentralbanken unserer Wirtschaft. Dass wir ihnen frische Luft, Nahrung, Medikamente, Trinkwasser und vieles mehr entnehmen können, ist längst nicht mehr selbstverständlich.
Die Ökonomie der Natur rückt ins Zentrum. Denn unsere globalen Klimaanlagen, Wasserspender und Speisekammern funktionieren nur dauerhaft, wenn ihre angestammte Vielfalt an Lebewesen gedeihen kann. Und das geht nur, wenn die Menschen, die in ihrer Nähe leben, sich von etwas anderem ernähren können als von Zerstörung und Raubbau. Die ökonomischen Spielregeln von heute machen es lukrativ, den Planeten auszubeuten. Die hehren Ziele, die der Naturschutzgipfel von Nagoya setzt, sind ein Anfang, diese Spielregeln umzuschreiben.
Umweltschädliche Subventionen müssen weichen
Dazu gehört es vor allem, dass jene Menschen angemessen bezahlt werden müssen, die tragfähig wirtschaften statt nur kurzfristig, die etwa als Bauern in Deutschland Moorböden erhalten oder als Kaffeeunternehmer in Äthiopien dafür sorgen, dass der benachbarte Regenwald erhalten bleibt. Solche Menschen, nicht die ruchlosen Banker, haben Boni verdient. Das Geld der Gesellschaft ist bei ihnen deutlich besser angelegt, denn sie sind wirklich "systemrelevant". Diese Menschen dürften ruhig ein bisschen gieriger sein, denn ihre Arbeit trägt für alle Früchte, was sich von der Lehman-Bank oder Hypo Real Estate nicht sagen lässt.
Ohne Naturvielfalt ist alles nichts, lautet die Botschaft von Nagoya. Wirtschaftswachstum, das Naturvielfalt zerstört, mindert den Wohlstand, statt ihn zu mehren. Keiner hat das bei der Debatte der Staatschefs und Minister besser auf den Punkt gebracht als Andreas Carlgren, der konservative Umweltminister von Schweden: "Biodiversität ist die Grundlage unserer Wirtschaft und sie kann nicht länger isoliert vom Rest der Ökonomie gesehen werden", sagte er, "Ökonomie und Ökologie sind zwei Seiten derselben Medaille."
Dagegen kommen die deutlich geringeren Summen, die in den Naturschutz fließen sollen, dem tieferen Wohlstand zugute: gesündere Lebensmittel, der Erhalt von genetischen Schatzkammern und stabile Umweltbedingungen sind Ziele, die unmittelbaren Nutzen entfalten und zukunftstaugliche Arbeitsplätze schaffen. Dass westliche Firmen künftig auch dafür bezahlen sollen, wenn sie die Naturschätze von Entwicklungsländern für ihre Produkte nutzen, ist nur folgerichtig.
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