E-Mail-Affäre: Untersuchung entlastet Klimaforscher

Die britischen Klimaforscher, die durch illegal veröffentlichte E-Mails ins Zwielicht geraten sind, haben wissenschaftlich korrekt gearbeitet - zu diesem Urteil ist jetzt eine unabhängige Untersuchungskommission gekommen. Eine Rüge gab es für die Wissenschaftler dennoch.

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University of East Anglia: "Keine Hinweise auf absichtliches wissenschaftliches Fehlverhalten"

London - Was lief in der Climatic Research Unit (CRU) der University of East Anglia? Und vor allem: Was lief falsch? Mehrere unabhängige Untersuchungskomitees haben sich bereits mit der Affäre um die gestohlenen E-Mails von Klimaforschern beschäftigt. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht der schweigsame CRU-Chef Phil Jones. Hat er Daten manipuliert? Hat er mit Kollegen daran gearbeitet, Kritiker mundtot zu machen? Nun hat ein weiteres unabhängiges Gremium seinen Bericht vorgelegt - und Jones vom Vorwurf wissenschaftlichen Fehlverhaltens weitgehend freigesprochen. Die von den Forschern verwendeten Methoden seien in Ordnung.

Die Gruppe unter Lord Ronald Oxbourgh, dem ehemaligen Chef des Wissenschafts- und Technologieausschusses des britischen Oberhauses, war von der University of East Anglia beauftragt worden. Im Blickpunkt sollten die Forschungsarbeiten der CRU-Wissenschaftler und die darin angewandten wissenschaftlichen Methoden stehen. Aspekte wie das Zurückhalten von Informationen, für das Jones und seine Mitarbeiter sowohl von einem Ausschuss des britischen Parlaments als auch vom britischen Information Commissioner's Office gerügt worden waren, spielten dabei keine Rolle.

Die gestohlenen Mails und Dokumente waren unmittelbar vor dem Klimagipfel in Kopenhagen im vergangenen November veröffentlicht worden. Kritiker der Klimaforschung hatten in ihnen einen Beleg dafür gesehen, dass die Wissenschaftler Teil einer Verschwörung seien. Den vom Menschen verursachten Klimawandel, so die These der Skeptiker, gebe es gar nicht - und wenn, dann seien seine Folgen zu vernachlässigen.

Derartigen Thesen erteilt Oxbourghs Team nun eine klare Absage. "Was auch immer in den Mails geschrieben wurde, die wissenschaftliche Grundlagenarbeit scheint ordentlich und genau gemacht worden zu sein", bilanzierte das siebenköpfige Gremium. In dem Bericht heißt es wörtlich: "Wir haben keine Hinweise auf absichtliches wissenschaftliches Fehlverhalten in den Arbeiten der Climatic Research Unit gefunden. Und wenn es welches gegeben hätte, dann gehen wir davon aus, dass wir es nachgewiesen hätten."

Man habe es mit einer kleinen Gruppe von "engagierten, wenn auch etwas unorganisierten Wissenschaftlern" zu tun gehabt. Diese seien schlecht darauf vorbereitet gewesen, im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit zu stehen. Wie viele kleine Forschergruppen seien die Klimatologen bei ihren internen Prozeduren "eher informell" zu Werke gegangen, so der Untersuchungsbericht.

Zu wenig Zusammenarbeit mit professionellen Statistikern

Der Umgang mit Anfragen zu Herausgabe von Klimadaten durch die CRU werfe aber "eine Menge unbeantworteter Fragen" auf, so das Oxbourgh-Komitee. Konkret gehe es darum, wie die britischen Informationsfreiheitsgesetze in der wissenschaftlichen Arbeit angewendet werden könnten. Kritik wird damit aber nicht unbedingt an Jones und seinen Leuten geübt, sondern an der Ausgestaltung der juristischen Praxis in Großbritannien. Die Klimaforscher hatten die Herausgabe der von ihnen verwendeten Klimadaten häufig mit dem Verweis abgelehnt, dass die Informationen von Dritten gesammelt worden seien. Diese Wetterdienste hielten damit auch die Rechte an den Daten - und müssten über die Weitergabe entscheiden. Diese Linie wird nun im Oxbourgh-Bericht gestützt.

Eine Rüge für Jones und seinen Kollegen gibt es aber trotzdem, wenn auch in einem anderen Bereich: Oxbourgh und seine Mitstreiter kritisieren, die CRU-Forscher hätten für ihre Arbeiten nicht die besten verfügbaren statistischen Methoden genutzt. Es sei sehr verwunderlich, dass die Forscher nicht enger mit professionellen Statistikern zusammengearbeitet hätten.

Kritiker von Jones werden diese Anmerkung vermutlich zum Anlass nehmen, weiter nachzubohren: Könnte es nicht doch wissenschaftliche Probleme in den CRU-Fachbeiträgen gegeben haben? Der Quasi-Freispruch durch Oxbourgh wird für sie an diesem Verdacht vermutlich wenig ändern. Zumal der Lord in den Augen besonders kritischer Zeitgenossen im Verdacht steht, die Klimawissenschaften per se verteidigen zu wollen. Schließlich, so wird argumentiert, sei er Chef der Carbon Capture and Storage Association und profitiere außerdem wirtschaftlich vom Bau von Windkraftanlagen. Oxbourgh hat sich gegen Anschuldigungen, er sei voreingenommen, stets zur Wehr gesetzt.

Die aktuelle Aufarbeitung ist die vorletzte Untersuchung der Angelegenheit. Im Mai soll Muir Russell, Ex-Vizechef der Universität Glasgow, einen abschließenden Bericht vorstellen.

chs

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