SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

23. Mai 2012, 10:09 Uhr

EU-Klimaschutz

E.on-Chef fordert Fundamentalreform des Emissionshandels

Aus Ny Ålesund berichtet

E.on-Chef Johannes Teyssen geht hart mit dem europäischen CO2-Emissionssystem ins Gericht - und geißelt es als teuer und ineffizient. Abhilfe soll eine Reform bringen. Für die soll sich der neue Umweltminister Peter Altmaier stark machen.

Das Programm ist sportlich: Der Ausbau des Stromnetzes, die Erneuerung des Kraftwerkparks, Änderungen an der Solarförderung - Peter Altmaier wird in seinem neuen Job alle Hände voll zu tun haben. Doch was bedeutet der abrupte Wechsel an der Spitze des Umweltministeriums für Deutschlands Energieerzeuger? Wittern sie Morgenluft, weil sich jetzt möglicherweise Änderungen am ungeliebten Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) durchdrücken lassen?

Glaubt man E.on-Chef Johannes Teyssen, dann beeinflusst der spektakuläre Rauswurf von Ex-Ressortchef Norbert Röttgen die Planungen seines Unternehmens nicht: "Langfristig ist es nichts Besonderes, dass Minister wechseln. Spektakulär ist die Sache höchstens für den Betroffenen", sagt der Manager im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Man werde mit Altmaier konstruktiv zusammenarbeiten, erklärte Teyssen, der derzeit am hochrangig besetzten Ny-Ålesund-Symposium auf der norwegischen Arktis-Insel Spitzbergen teilnimmt.

Eine Änderung des ungeliebten Fördergesetzes für erneuerbare Energien sei auch nicht das überragende Ziel des Unternehmens: "Rumdoktern am EEG ist keine Lösung", so Teyssen. Angebracht seien fundamentale Reformen auf europäischer Ebene, bei der nationale Förderinstrumente für erneuerbare Energien harmonisiert werden müssten: "Es ist unverantwortlich, dass wir 20 Prozent des Stroms zu hohen Kosten aus erneuerbaren Quellen einkaufen, der Rest der Stromerzeugung aber gleichzeitig dreckiger wird." Deutschland habe zwar den Anteil von erneuerbaren Energien an seiner Gesamtversorgung im vergangenen Jahr auf einen Rekordwert gebracht, zugleich aber seinen CO2-Ausstoß um sechs Millionen Tonnen gesteigert.

"Niemand hat bisher auch nur einen Euro investiert"

Doch wäre nicht gerade der Röttgen-Rauswurf die ideale Chance für eine große Weichenstellung gewesen? Kanzlerin Angela Merkel hätte endlich ein Energieministerium gründen können, um die permanenten Scharmützel zwischen Umwelt- und Wirtschaftsministerium bei der Energiewende zu stoppen. Das neue starke Haus hätte womöglich sogar reformierte Fördergesetze auf den Weg bringen können. Teyssen sieht das anders: Auch in einem "Superministerium" könne es zu Streitereien zwischen verschiedenen Abteilungen kommen.

Dennoch hat der E.on-Vorstandschef massive Reformforderungen für den EU-Klimaschutz. Ein wichtiges Thema bei den informellen Gesprächen in Ny Ålesund - nach lokalen Gebräuchen sitzen alle Teilnehmer in Socken im Beratungsraum - sind die Erfahrungen, die Europa mit seinem Handelssystem für CO2-Zertifikate gemacht hat. Spricht man Teyssen darauf an, kann sich der sonst so besonnene Unternehmenslenker in Rage reden: "Ich kenne niemanden in Europa, der wegen des Emissionshandelssystems bisher auch nur einen einzigen Euro investiert hat."

Bei der Umsetzung der Reformen am derart gescholtenen System hofft der E.on-Chef nun auf den neuen Minister. Der Saarländer Altmaier wird sich innerhalb kürzester Zeit in die hoch technische Materie einarbeiten müssen. Dabei dürfte er unsanft daran erinnert werden, dass die Preise für CO2-Zertifikate inzwischen auf historisch niedrige Werte gefallen sind - so dass sich Investitionen in Klimaschutztechnologien in Europa oft nicht lohnen.

Der E.on-Chef schlägt vor, derzeit nicht benötigte Zertifikate zumindest zeitweise aus dem Verkehr zu ziehen. So ließe sich bis zu einer endgültigen Entscheidung die Schwemme an Verschmutzungsrechten möglicherweise eindämmen. Außerdem fordert Teyssen, bereits jetzt europäische Klimaschutzziele bis zum Jahr 2030 festzulegen und deren Umsetzung auch sofort anzugehen. Denkbar seien 50 Prozent CO2-Einsparung in den kommenden knapp 18 Jahren. Von diesem Ziel aus solle man linear zurückrechnen, um die Zwischenmarken zum Beispiel für das Jahr 2020 zu bestimmen.

Ein längerfristiges Ziel gebe Energieversorgern Planungssicherheit - und würde sie trotzdem auch kurzfristig zu größeren Investitionen in den Klimaschutz zwingen. Im Gegenzug wäre der Aufwand zwischen 2020 und 2030 wohl geringer. Wenn man es ernst meine mit dem Klimaschutz, dann müsse man "das europäische Hauptinstrument schärfen". "Im Augenblick betreiben wir Klimaschutz in Europa möglichst teuer und möglichst ineffizient", sagt Teyssen. "Das darf nicht so weitergehen."

URL:

Mehr auf SPIEGEL ONLINE:


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH