E10-Treibstoff: Die Mär vom Prima-Klima-Sprit

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Die Autofahrer wollen den umstrittenen Biosprit E10 nicht tanken, es ist ein Fiasko für Politik und Mineralölkonzerne - aber ein Segen für die Umwelt, glauben Forscher und Naturschützer. Sie geißeln die Biosprit-Operation seit Jahren als Unfug.

Entwaldung in Indonesien: Palmölplantagen für Biosprit-Produktion verdrängen Regenwald Zur Großansicht
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Entwaldung in Indonesien: Palmölplantagen für Biosprit-Produktion verdrängen Regenwald

Was für ein Desaster. Autofahrer boykottieren den neuen E10-Biosprit, an Tankstellen drohen Engpässe bei der Versorgung mit dem plötzlich hoch begehrten Super Plus, Politiker fordern inzwischen sogar die Abschaffung von E10. Nur Wissenschaftler und Umweltschützer dürften zufrieden sein - denn mehrheitlich halten sie den Biosprit seit Jahren für umwelt- und energiepolitischen Unsinn.

Schon Sigmar Gabriel (SPD) geriet als Bundesumweltminister gleich mehrfach mit der Fachwelt aneinander, als er seine Pläne zur Biosprit-Förderung vorantrieb. Im März 2008 hatte der wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik in einem umfangreichen Gutachten erklärt, was er von Biodiesel und Bioethanol aus deutscher Produktion hält: gar nichts. Der vermeintliche Öko-Sprit sei im Vergleich zu anderen klimapolitischen Optionen kostspielig und nutzlos. Gemessen auf einen Hektar Anbaufläche werde auf diese Weise einfach zu wenig Kohlendioxid eingespart.

Im Dezember 2008 legte der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WGBU) mit der Studie "Zukunftsfähige Bioenergie und nachhaltige Landnutzung" nach. Die glasklare Empfehlung: Die Bundesregierung sollte das Gesetz zur Beimischung von Biokraftstoffen stoppen, den Anteil der vermeintlichen Öko-Sprits am Benzin auf Null fahren und jegliche Förderung einstellen.

"Lasst den Unsinn sein!"

An dieser Einschätzung hat sich seitdem nichts geändert, sagt Jürgen Schmid, WGBU-Mitglied und Leiter des Kasseler Fraunhofer-Instituts für Windenergie und Energiesystemtechnik: "Die Empfehlung lautet nach wie vor: Lasst den Unsinn sein!" Biotreibstoffe in Verbrennungsmotoren zu verfeuern, ergebe prinzipiell keinen Sinn, da die Triebwerke schlicht zu ineffizient seien. "Die Klimaschutzwirkung praktisch aller in Deutschland angebauten Biosprit-Sorten ist negativ", sagt Schmid. Mit anderen Worten: Ihre Nutzung als Autokraftstoff schadet dem Klima mehr, als sie ihm nutzt.

Das liegt vor allem daran, dass gewaltige Landflächen für die Biosprit-Produktion reserviert werden müssen. Ein Resultat, kritisieren Umweltschützer und Wissenschaftler, ist die Abholzung ungeheurer Regenwaldflächen. "Wenn ein deutscher Bauer ein Feld auf die Biosprit-Produktion umstellt, muss die wegfallende Kapazität für die Nahrungsmittelherstellung irgendwo auf der Welt ersetzt werden", sagt Schmid. Zumindest gelte das, wenn man Biosprit in bedeutenden Mengen produzieren wolle.

Dabei seien Berechnungen wie die des WGBU noch äußerst vorsichtig. "Wir haben in zwei Szenarien angenommen, dass nur die Hälfte oder ein Viertel der in Deutschland wegfallenden Nahrungsmittel-Ackerflächen anderswo ersetzt werden. Und schon da war die Klimabilanz des Biosprits negativ."

Internationale Experten kamen in mehreren Studien zu ähnlichen Ergebnissen. So rechneten US-Forscher im Mai 2009 im Fachblatt "Science" vor, dass es sinnlos ist, Biotreibstoff in Verbrennungsmotoren einzusetzen. Besser sei es, aus der Biomasse Strom zu gewinnen und damit Elektrofahrzeuge anzutreiben. Bei Bewirtschaftung der gleichen Fläche würden Autos mit diesem Verfahren mehr als 80 Prozent weiter kommen als mit Bioethanol-betriebenen Motoren. Die Bioelektrizität sei zudem wesentlich klimafreundlicher. Sie spare im Vergleich zu einem herkömmlich benzinbetriebenen Auto mehr als doppelt so viel Kohlendioxid ein wie das Bioethanol-Verfahren.

Wie 12 bis 26 Millionen zusätzliche Autos in Europa

Zuletzt stellte das Londoner Institut für europäische Umweltpolitik (IEEP) im November 2010 eine Studie vor. Auch hier lautete das Ergebnis: Biosprit sei "schädlicher für das Klima als die fossilen Energien, die er ersetzen soll". Grundlage der Untersuchung waren die offiziellen Pläne von 23 EU-Mitgliedstaaten zum Ausbau der erneuerbaren Energien bis 2020. Bis dahin sollen in Europa 9,5 Prozent der Energie für den Verkehr aus Biosprit bestehen. Dafür müssten laut der IEEP-Studie weltweit bis zu 69.000 Quadratkilometer Wald, Weiden und Feuchtgebiete als Ackerland kultiviert werden - eine Fläche mehr als zweimal so groß wie Belgien. Jährlich bis zu 56 Millionen Tonnen CO2 würden so freigesetzt, was zusätzlichen 12 bis 26 Millionen Autos auf Europas Straßen entspreche.

Hinzu kommt der starke Einsatz von Kunstdünger beim Energiepflanzenanbau. Der Chemienobelpreisträger Paul Crutzen hat mit seinem Team berechnet, dass dadurch größere Mengen des äußerst klimawirksamen Lachgases entstehen. Dadurch falle etwa die Ökobilanz von Raps-Diesel negativ aus: Im Extremfall könnte dessen Treibhauswirkung um 70 Prozent höher liegen als bei konventionellem Treibstoff.

Sollte es bei der Einführung des E10-Sprits bleiben, würde die in Deutschland eingesetzte Menge an Biotreibstoff langfristig steigen, sagt Corinna Hölzel von der Umweltorganisation Greenpeace. "Das hat in vielen Ländern einen verheerenden Raubbau an der Natur zur Folge." Mit nachhaltiger Entwicklung habe das nichts zu tun. Um mit dem Autofahren so weiter zu machen wir bisher, "haben wir weder ausreichend Landflächen für die Biosprit-Herstellung noch genügend fossilen Brennstoff", sagt Hölzel. Deshalb müsse man auf kleinere und sparsamere Autos und alternative Verkehrskonzepte setzen.

Bauernpräsident: "Schauen Sie auf Schulhöfen nach"

Zudem hat der Biosprit-Wahnsinn eine ethische Dimension, wie Experten ebenfalls seit langem kritisieren: Er führe zu Wassermangel sowie zur Verknappung und Verteuerung von Lebensmitteln - und zwar allzu oft in Ländern, die ohnehin schon von Lebensmittelkrisen betroffen sind. Lester Brown, Gründer des Washingtoner Earth Policy Institute, nannte in einem Essay für den SPIEGEL beeindruckende Zahlen: Von dem Getreide, das nötig sei, um den 120-Liter-Tank eines Geländewagens mit Ethanol zu füllen, könne sich ein Mensch ein Jahr lang ernähren.

Der Deutsche Bauernverband ist anderer Meinung. "Was die Umweltverbände verbreiten, ist völlig inakzeptabel", sagte Präsident Gerd Sonnleitner der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Es gebe doch genug zu essen. "Allein in Deutschland wird ein Drittel der Nahrungsmittel weggeworfen. Schauen Sie einmal auf Schulhöfen nach, wie viele Lebensmittel vergeudet werden." Die "Panikmache" von Umweltverbänden, Mineralölkonzernen und ADAC findet Sonnleitner "unfair und falsch".

Außerdem könnten im Vergleich zu fossilen Energieträgern durch den Einsatz von Bioethanol 50 bis 60 Prozent der Klimagase eingespart werden, meint der Bauernpräsident. Woher diese Zahl kommt, erklärte ein Sprecher des Verbands auf Anfrage folgendermaßen: Die bisher erschienenen Fachstudien gingen von der Annahme aus, dass die Landflächen, mit denen Biosprit hergestellt wird, ansonsten gar nicht bewirtschaftet würden. Der Kasseler Professor Schmid reagiert erheitert: "Eine interessante Argumentation. Sie haut aber leider nicht hin."

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insgesamt 227 Beiträge
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1. ...
vogelsteller 04.03.2011
Zitat von sysopDie Autofahrer wollen den umstrittenen Biosprit E10 nicht tanken, es ist ein Fiasko für Politik und Mineralölkonzerne - aber ein Segen für die Umwelt, glauben Forscher und Naturschützer. Sie geißeln die Biosprit-Operation seit Jahren als Unfug. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,749055,00.html
muss das sein, noch einen artikel ... und mit gleicher aussage.
2. Das Schlimmste Instrument seit langem...
Chris-Gardner 04.03.2011
So gut gemeint die Klimadebatte auch ist, so schlecht sind einige ihrer Nebenwirkungen! Wenn berechtigte und unberechtigte Kritiker des Klimahypes mundtot gemacht werden (was offensichtlich der Fall ist) fehlt der für ausgewogene und durchdachte Handlungsstrategien erforderliche Diskurs. Folge: Einführung von "Bio"sprit etc. Nie hat die Biodiversität stärker gelitten. Das hat wenn überhaupt z. Zt. sekundär etwas mit dem Klima zu tun, vielmehr vor allem mit der Landflächenveränderung und Raubbau an der Natur... extrem beschleunigt durch "Bio"sprit. Das hat sich die Klimabewegung anzukreiden (sofern sie denn mal Demut lernen sollte)!
3. Wir haben leider keine andere Wahl
Gandalf3000 04.03.2011
Angesichts der Tatsache, dass das globale Ölfördermaximum (Peak Oil) - je nach Schätzung - in 1 bis 5 Jahren überschritte sein wird, haben wir keine andere Wahl als auf Biotreibstoffe umzusteigen. Vor allem angesichts der Tatsache, dass elektrisch betriebene PKWs in absehbarer Zeit eine Randerscheinung bleiben dürften. Zudem haben Biotreibstoffe den positiven Nebeneffekt, dass sie zu einer Verteuerung von Futtermittel sorgen. Was somit indirekt zu einer Senkung der Nutztierbestände führt. Daraus resultiert ein nicht zu unterschätzender Nutzen für Klima (Metan-Emissionen), Umwelt(Gülleproblem), der Gesundheit der Verbraucher (exzessiver Fleischkonsum) und dem Tierschutz(Massentierhaltung). Ein weiterer positiver Nebeneffekt liegt darin, dass höhere Preise für Feldfrüchte, dafür sorgen, dass sich die Agrarwirtschaft der Entwicklungsländer von der Abhängigkeit gegenüber der westlichen Agrarwirtschaft löst. Es wird somit bevorzugt für den Eigenbedarf produziert (was Hungersnöte verhindert) während der Überschuss zu besseren Preisen auf dem Weltmarkt verkauft werden kann (was die Landwirtschaft in den Entwicklungsländern stärkt).
4. Kritik an Spiegel - Umfrage
Diana Simon 04.03.2011
Die vielen Leser, die aus ÖKOLOGISCHEN und moralischen Gründen E 10 nicht tanken wollen, werden von der Umfrage nicht erfaßt. Mein Auto verträgt E 10 laut Liste, ich werde es aber nicht tanken, weil ich nicht das Essen anderer Leute in den Tank kippe.
5. ...
Huuhbär 04.03.2011
Zitat von sysopDie Autofahrer wollen den umstrittenen Biosprit E10 nicht tanken, es ist ein Fiasko für Politik und Mineralölkonzerne - aber ein Segen für die Umwelt, glauben Forscher und Naturschützer. Sie geißeln die Biosprit-Operation seit Jahren als Unfug. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,749055,00.html
Auf Schulhöfen bei uns nachzuschauen ob Lebensmittel weggeworfen werden. Was soll das Argument gegen den Hunger auf der Welt? Tpyisch Lobbist! Wenn keine Argumente mehr da sind immer schön alles auf die Verbraucher abwälzen, dass die ihre Hände blutig waschen sollen. Ja - gehts noch!
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Alle Informationen zum neuen E10-Benzin
Was ist E10 und warum wird es eingeführt?
Das "E" steht für Ethanol, die "10" für den künftig zehnprozentigen Anteil von Bioethanol im Benzin. Mit Erhöhung der Beimischung von fünf auf zehn Prozent setzt die Bundesregierung EU-Vorgaben um. Hintergrund ist das Ziel, den CO2-Ausstoß von Autos zu senken.
Das neue, E10 genannte Benzin vertragen allerdings nicht alle Autos.
Fahrer sollten sich also informieren, ob ihr Wagen betroffen ist.
Warum kann E10 für ein Auto gefährlich sein?
Laut ADAC kann E10 aggressiv mit Metall- und Kunststoffteilen reagieren. Im schlimmsten Fall sind auch Motorschäden denkbar. Der Alkohol kann Aluminium zersetzen, das auch in Motoren oder in Benzinpumpen verwendet wird. Daneben kann E10 den Kunststoff von Kraftstoffschläuchen oder Dichtungen angreifen. Werden Leitungen löchrig, kann sich Benzin an heißen Motorbauteilen entzünden.
Welche Autos vertragen E10 - und welche nicht?
Laut Bundesumweltministerium (BMU) können 90 Prozent der Autos mit Benzinmotor "ohne Einschränkungen" E10 tanken. Über vier Millionen der in Deutschland zugelassenen Autos vertragen den Sprit demnach nicht. Informationen zur Verträglichkeit geben Händler und Hersteller. Aus dem Alter eines Autos lässt sich dies nicht ableiten, teils ist E10 auch für neuere Modelle ungeeignet. Eine Liste mit Autos, die den neuen Sprit nicht tanken sollten, hat die Deutsche Automobil Treuhand (DAT) auf ihrer Internetseite veröffentlicht. Informationen gibt es auch beim ADAC.
Was tanken künftig Autos, die kein E10 vertragen?
Für die gibt es an allen Tankstellen auch weiter E5 mit fünf Prozent Bioethanol - laut BMU "zeitlich unbefristet". E10 selbst wird künftig als "Super E10" an den Zapfsäulen gekennzeichnet sein, E5 wie bisher als "Super".
Wie viel kostet E10?
Das BMU schließt nicht aus, dass Benzin durch die Einführung von E10 teurer wird. Auf die Ölkonzerne kämen zusätzliche Kosten etwa für die Herstellung von Ethanol zu. Zudem steigt demnach auch der Benzinverbrauch durch E10 um knapp zwei Prozent wegen des geringeren Energiegehalts von Alkohol im Vergleich zu Benzin.
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