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02. März 2006, 19:58 Uhr

Effektiv zum Futter

Schimpansen haben Manager-Qualitäten

Schimpansen können offenbar ähnlich effektiv zusammenarbeiten wie Menschen. Zwei neue Studien legen nahe, dass in den Affen sogar Manager-Fähigkeiten schlummern.

Die Ergebnisse ihrer Experimente verblüfften selbst die Wissenschaftler. "Niemals zuvor haben wir bei Tieren ein so hohes Maß an Verständnis für kooperatives Handeln festgestellt", sagte Alicia Melis vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. Was die Schimpansen in den Versuchen der Forscher leisteten, ist in der Tat erstaunlich: Sie halfen sich nicht nur gegenseitig, sondern wählten ihre Helfer auch bewusst nach deren Fähigkeiten aus - um ihre Aufgaben so effizient wie möglich erledigen zu können.

Damit scheint erwiesen, dass Schimpansen wie kleine Manager in Kategorien von Produktivität und Effizienz denken können. "Wir fanden heraus, dass Schimpansen besonders effektive Helfer bevorzugen", erklärte Melis. Die Affen mussten bei den Experimenten an zwei Seilen ziehen, um ein mit Futter beladenes Holzbrett zu erreichen. War das Seil zu weit entfernt, holten sich die Schimpansen einen Helfer aus dem Nebenraum zu Hilfe.

Dabei erinnerten sie sich genau, wer zuvor ein guter und wer ein schlechter Helfer gewesen ist. Hatte sich ein Affe zuvor als ungeschickt erwiesen, wurde er von den Kumpanen kein zweites Mal zur Unterstützung herangeholt, schreiben die Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts "Science".

Die Forscher erhoffen sich von den Versuchen neue Erkenntnisse über die menschliche Evolution, da das Erbgut von Mensch und Schimpanse zu fast 99 Prozent übereinstimmt. Die Komplexität der Kooperation unter Schimpansen könne bedeuten, dass Menschen und Affen ihre Fähigkeit zur Zusammenarbeit vor rund sechs Millionen Jahren von ihrem gemeinsamen Vorfahren geerbt haben.

Allerdings gebe es auch deutliche Unterschiede zwischen menschlicher und tierischer Kooperation. "Es gibt noch immer keine Hinweise dafür, dass Schimpansen sich über gemeinsame Ziele austauschen, so wie es Menschen schon in frühester Kindheit tun", sagte Melis. Auch beweise das Experiment nicht, dass Schimpansen etwas über die Qualitäten eines Artgenossen erfahren, indem sie ihn in seinem Verhalten beobachten.

"Wir haben nur erfahren, dass Schimpansen bei der Zusammenarbeit ein wenig mehr verstehen, als wir bisher vermutet haben", so die Forscherin. Möglicherweise könnten künftige Studien zeigen, "was menschliche Kooperation so einzigartig macht".

Auch Affen können selbstlos sein

In einer weiteren Studie haben Wissenschaftler des Leipziger Max-Planck-Instituts gezeigt, dass Schimpansen auch dann hilfsbereit sind, wenn sie dafür keine Belohnung wie etwa eine leckere Banane bekommen. Die Affen hoben heruntergefallene Gegenstände für ihren Pfleger auf, ohne eine Gegenleistung zu bekommen. 18 Monate alte menschliche Kleinkinder zeigten in ähnlichen Tests jedoch eine noch stärker ausgeprägte Hilfsbereitschaft als die Tiere.

Felix Warneken und Michael Tomasello untersuchten zunächst, wie eineinhalbjährige Kinder in insgesamt zehn verschiedenen Situationen reagierten, bei denen ein fremder Erwachsener Schwierigkeiten hatte. Die Wissenschaftler ließen im Experiment Gegenstände außerhalb ihrer Reichweite fallen und versuchten dann erfolglos, die Gegenstände wiederzubekommen. Die Kleinen hoben die Gegenstände tatsächlich in kürzester Zeit auf und brachten sie den Forschern. Die Studie zeigt den Wissenschaftlern zufolge erstmals, dass Kleinkinder ohne besondere Erziehung zu helfen bereit sind, auch wenn sie selbst davon nicht profitierten.

Das gleiche Verhalten beobachtete das Team auch bei Schimpansen, allerdings nur bei etwas einfacheren Versuchsanordnungen. Demnach waren die Affen sehr hilfsbereit, wenn ihre Tierpflegerin nach Gegenständen zu greifen versuchte, die sie nicht erreichen konnte.

Die Forscher sehen darin den Beweis, dass es selbstloses Verhalten auch bei den nächsten Verwandten der Menschen gibt. "Früher nahm man an, hilfreiches Verhalten sei eine dem Menschen eigene Fähigkeit", sagte Warneken. "Vielleicht existierten erste Ansätze von Altruismus, die sich beim modernen Menschen noch verstärkt haben, auch schon bei unseren evolutionären Vorfahren."

Allerdings scheint sich diese Hilfsbereitschaft auf bestimmte Situationen zu beschränken. Eine andere Forschergruppe des Leipziger Instituts hatte im Januar im Fachblatt "Proceedings of the Royal Society B" Ergebnisse veröffentlicht, denen zufolge Schimpansen zumindest beim Futter nur an sich selbst denken. In diesen Experimenten zeigten die Tiere keinerlei Interesse, einem Artgenossen einen Vorteil zu verschaffen - selbst wenn es sie selbst nichts kostete. Auch eine Studie im Fachblatt "Nature" im November 2005 kam zu dem Ergebnis, dass Schimpansen das Wohlergehen ihrer Artgenossen herzlich egal ist.

mbe/AP/ddp/dpa

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