Gentechnik EU-Behörde warnt vor Tierfutter mit antibiotikaresistenten Bakterien

Jahrelang gelangten gentechnisch veränderte Organismen ins Tierfutter. Die antibiotikaresistenten Bakterien wurden wohl in Hunderttausende Tonnen Futter gemischt und in der EU verkauft.

Kühe im Stall
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Kühe im Stall

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In 20 europäischen Ländern sind offenbar nicht zugelassene, gentechnisch veränderte Bakterien gefunden worden, die in Tiernahrung gemischt an Millionen Schweine und Rinder verfüttert wurden. Die Bakterien sollen resistent gegen Antibiotika sein und stellten daher eine Gefahr für Verbraucher, Tiere und für die Umwelt dar, warnte die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit Efsa bereits im März dieses Jahres - aber erst jetzt hat die EU-Kommission den Zusatzstoff vom Markt genommen.

Die Bakterien kommen in einem Vitamin B2-Zusatzstoff vor, auch bekannt als Riboflavin 80 Prozent, der in Futtermitteln für Nutztiere eingesetzt wird. Hergestellt wird der Stoff durch das gentechnisch veränderte Bakterium Bacillus subtilis KCCM-10445, das gegen mehrere Antibiotika resistent ist. Dieser Herstellungsprozess ist legal und offiziell zugelassen, solange die gentechnische Veränderung im Endprodukt nicht nachzuweisen ist und so lange die Bakterien nicht lebensfähig sind. Beides gilt in diesem Fall gerade nicht.

Holländischer Importeur führte Charge nach Europa ein

Zwar hatte die Efsa die Zusatzstoffe 2014 für sicher erklärt, weil sie nach Herstellerangaben keinerlei lebensfähige Keime enthielten. Schon im selben Jahr aber entdeckte ein deutsches Forschungslabor die ersten Bakterien in einer Charge Vitamin B2 aus China. Ein holländischer Importeur hatte sie nach Europa eingeführt und weiterverkauft. So gelangte der Zusatzstoff in großem Umfang in Tierfutter und damit in die Nahrungsmittelkette. Das Labor informierte die zuständigen EU-Behörden, zunächst aber geschah gar nichts.

Erst nach weiteren Warnungen verlangte die EU-Kommission im Jahr 2016 von der Efsa eine neue Bewertung der Vitaminzusätze. Im März 2018 veröffentlichte die Efsa dann eine neue Studie, die zu dem Schluss kam, dass das Vitamin ein Risiko für Tiere, Verbraucher, Nutzer und die Umwelt darstellt. Im September, weitere sechs Monate später, hat die EU-Kommission den Einsatz des Vitamins offiziell verboten - allerdings dürfen die Tierhalter die betroffenen Futtermittel noch bis April 2019 verfüttern.

Die Verbraucherorganisation Foodwatch zeigt sich erschüttert und wirft der EU-Kommission vor, "die gesundheitlichen Risiken gentechnisch veränderter Organismen" zu ignorieren und auch die "völlig unnötige Verbreitung von Antibiotika-Resistenzen" jahrelang billigend in Kauf genommen zu haben.

Renate Künast, frühere Bundeslandwirtschaftsministerin der Grünen, sprach dem SPIEGEL gegenüber von einem "ungeheuerlichen Vorgang". "EU und Landwirtschaftsministerium haben die Gesundheit der Verbraucher wissentlich missachtet", sagte Künast und fragt, wieso jahrelang nichts passiert sei. Die Grünen-Sprecherin für Ernährungspolitik und Tierschutzpolitik forderte Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner dazu auf, "unverzüglich alle Maßnahmen zum Schutz von Mensch und Tier zu ergreifen" und belastetes Futter sofort aus dem Verkehr zu ziehen.

Die Lieferungen sind schwer nachzuverfolgen

Einfach wird das nicht, welchen Weg die Ware genommen hat, ist kaum nachvollziehbar. Die französische Zeitung "Le Monde" konnte den Weg von immerhin einem Teil der Vitaminlieferungen zurückverfolgen. Demnach landeten allein zwischen April und Juni dieses Jahres acht Tonnen Vitamin B2 aus China über einen holländischen Importeur in Polen, Italien und den Niederlanden. Weil das Vitamin den Futtermitteln nur in geringen Mengen beigemischt wird, dürften der Zeitung zufolge damit bis zu 1,6 Millionen Tonnen belastete Tiernahrung hergestellt worden sein.

Noch ist unklar, wo das Futter überall verkauft wurde, dem Europäischen Schnellwarnsystem RASFF zufolge sind 20 Länder betroffen, darunter Deutschland, Norwegen, Russland, Finnland, Island und Frankreich.

Wie groß die Gefahr ist, die von den gentechnisch veränderten Organismen ausgeht, ist unklar. Die Tiere scheiden den Großteil der Bakterien wieder aus und eigentlich sollten die in der Umwelt nicht überlebensfähig sein. Sicher ist das allerdings nicht.



insgesamt 15 Beiträge
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fleischwurstfachvorleger 01.12.2018
1. Interessant
da wird also ein Zusatzstoff unter klaren Bedingungen freigegeben und man glaubt an das "Gute" in der Futtermittelindustrie und kontrolliert das erst mal nicht. Dann stellt man fest, dass die Futtermittelhersteller (oder wer auch immer gelogen haben) und macht - NICHTS. Dann sieht man sich gezwungen genauer hinzusehen, um festzustellen, die Futtermittelhersteller haben tatsächlich gelogen und sie lügen immer noch. Dann wird von offizieller Stelle, aber so, dass es der Endverbraucher nicht hört, verlautbart, dass (WAHRSCHEINLICH) keine Gefahr für Natur, Tier und Mensch besteht. Dann wird die Substanz verboten, aber die bereits im Markt befindlichen Futtermittel darf man aufbrauchen, weil man eh nicht genau nachverfolgen kann, wo sie gelandet sind. Warum erhöht das nicht das Vertrauen in Frau Klöckner und den verantwortlichen in der EU bei mir? Warum habe ich das Gefühl, dass wir Verbraucher und unsere Interessen von der Politik weiterhin an die Konzerne verkauft werden? Warum bin ich wohl der Meinung, dass Lobbyisten in der Politik nichts zu suchen haben? Warum bin ich wohl der Meinung, dass Berufspolitiker keinerlei Nebenämter auszuführen haben? Warum bin ich wohl der Meinung, dass käufliche Politiker ins Gefängnis gehören, unter Aberkennung ihrer bereist "ersessenen" Pensionsansprüche?
upalatus 01.12.2018
2.
Ob die unverdrossen Billigfleisch verzehrende Kundschaft wohl mal kurz aufschaut und innehält ob diesen Berichts? Gar die eigenen Essgewohnheiten mal auf den Prüfstand stellt? Jetzt vor Weihnachten, geht gar nicht. Ganz im Gegenteil, nicht wahr? Man gönnt sich ja das ganze Jahr rein gar nichts. Es reicht grad zur professionellen Empörung gegenüber Industrie und Politik: die müssen verdammt noch mal das billige Fleischvergnügen gewährleisten!!!
jujo 01.12.2018
3. ....
Was soll ich sagen? Erfolgreiche Lobbyyarbeit. EU & Brüssel ein Ort der offenen Hände?
permissiveactionlink 01.12.2018
4. Nicht zu fassen !
Da werden also mit einem Futtermittelzusatz genetisch veränderte Bacillus subtilis in den Nahrungstrakt von Nutztieren eingeführt, die nicht nur die Gene für die Produktion von Vitamin B2 ("Riboflavin", "Lactoflavin") aus anderen Organismen enthalten, sondern zusätzlich noch plasmid-codierte Antbiotikaresistenzen gegen Ampicillin, Kanamycin, Bleomycin, Tetracyclin und Erythromycin. Der Hersteller versichert, dass keine lebenden Bakterien im Zusatz enthalten sind (und auch nicht deren brisantes genetisches Material), und diese Bakterien in der Natur nicht überleben können (vermutlich, weil ein wichtiges Enzym für die Nährstoffnutzung inaktiviert wurde). Offenbar wurden in den Proben aber doch lebende Bakterien dieses gentechnisch veränderten Stammes gefunden, und die können ihre Resistenzplasmide in den Verdauungstrakten der Nutztiere durch horizontalen Gentransfer ("Konjugation") auf andere, bisher unauffällige und artfremde Bakterien übertragen. Man fragt sich alarmiert, was für unglaubliche Idioten in den Kontrollinstituten und -instanzen der EU ihrem Job offenbar nicht gewachsen sind. Die Versorgung der Nutztiere mit lebenswichtigen Vitaminen ist unerlässlich, aber es kann und darf nicht sein, dass dabei gefährliche Antibiotikaresistenzen noch verbreitet und die Verbraucher zusätzlichen Gefahren ausgesetzt werden. Versagt hat hier nicht die Gentechnik, sondern die Hersteller in China und die Kontrollinstanzen in der EU. Es ging mal wieder nur ums schnelle Geld. Wie immer !
joe_ 01.12.2018
5. Es liegt doch auf der Hand
wenn jahrelang Futterproteine (Sojabohnen) aus den USA und Südamerika verfüttert werden, dass diese genmanipulierten Sorten Spuren hinterlassen. Trotzdem darf der Handel seine Fleischprodukte mit "Gentechnikfrei" bewerben. Wie lange sollen wir Verbraucher noch verarscht werden?
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