Die blinden Passagiere sind ausgesprochen erfindungsreich. Manche kommen auf der Ladefläche von Lastwagen. Andere verstecken sich in eingeflogenen Blumensträußen und wieder andere schmuggeln sich in den Wassertanks von Ozeanriesen zu uns.
Rund 11.000 fremde Pflanzen- und Tierarten haben sich nach Angaben der Datenbank Daisie inzwischen in Europa niedergelassen. Nur sporadisch bekommen die Eindringlinge öffentliches Interesse. Zum Beispiel wenn der Japanische Staudenknöterich in Freiburg so wuchert, dass er einheimischen Arten den Platz raubt und mühevoll entfernt werden muss. Oder wenn sich Passanten am Riesen-Bärenklau in Dresden unschöne Hautreizungen zuziehen, die an Verbrennungen erinnern. Oder wenn Nandus durch Mecklenburgische Flusstäler stapfen.
Forscher haben nun herausgefunden, dass das Problem der Arteninvasion in den kommenden Jahren massiv zunehmen dürfte. Denn viele Neuankömmlinge haben sich noch nicht so weit ausgebreitet, dass sie schon jetzt auffallen - bald werden sie das aber tun.
"Es gibt sehr lange Nachlaufzeiten für die Etablierung der Arten", sagt Stefan Dullinger von der Universität Wien. Mit Kollegen unter anderem vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung Halle-Leipzig hat er im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" seine Erkenntnisse veröffentlicht. Bei Untersuchungen in 28 Ländern Europas haben die Forscher herausgefunden: Nicht in erster Linie das Klima oder die geografischen Voraussetzungen bestimmen die Ausbreitungsmuster eingeschleppter Arten - sondern die Wirtschaftsentwicklung.
Wirtschaftliche Aktivität fördert invasive Arten
In Staaten mit hoher wirtschaftlicher Aktivität - also hohem Pro-Kopf-Einkommen, hoher Bevölkerungsdichte, großem Exportanteil - gibt es besonders viele pflanzliche und tierische Einwanderer. Die Gründe dafür sind klar. Wer reich ist, tauscht zu Beispiel mehr Waren mit anderen aus und bietet so zusätzliche Einfallmöglichkeiten für fremde Spezies.
Für die Mehrzahl der untersuchten Arten lässt sich die derzeitige Ausbreitung allerdings eher mit den sozioökonomischen Daten des frühen 20. Jahrhunderts erklären - und nicht mit den aktuellen Wirtschaftsstatistiken. Die Forscher schlussfolgern daraus, dass die Reaktion der Eindringlinge auf die veränderten wirtschaftlichen Bedingungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch kommen wird. Sie braucht wohl mehr Zeit als bisher vermutet.
Man könne sich das gut an einer ganz bewusst importierten Pflanze klarmachen, sagt Dullinger. Diese sei etwa als exotische Gartenzierde in eine bestimmte Region gebracht worden. Ehe nun die Samen zufällig an einer Stelle landen, von der aus sich die Art weiter ausbreiten kann, vergehe unter Umständen viel Zeit. Erst dann setze sich die Verbreitung fort - langsam, zunehmend schneller. Wenn sich hingegen mobile Arten wie Insekten oder Vögel in einem neuen Territorium ausbreiten, dauere das weniger lang.
Die Forscher sprechen von einer "Invasionsverschuldung" - denn der große Teil der eingeschleppten Arten werde sich erst binnen Jahren bemerkbar machen. Wie eine happige Kreditkartenabrechnung am Ende eines vorweihnachtlichen Einkaufsmonats. "Das dicke Ende kommt noch - das ist die Kernaussage", sagt Dullinger.
Wissenschaftler fordern strenge EU-Regeln
Dass die ökologischen Nischen für neue Arten knapp werden könnten, glauben die Wissenschaftler nicht. Dullinger: "Ich halte es für unwahrscheinlich, dass Neuankömmlinge keinen Platz finden." Frisch ins Land gekommene Arten siedelten oft an sogenannten Störstellen, bei Pflanzen zum Beispiel Böden, die häufig umgepflügt werden. Die Zahl solcher Stellen werde in Zukunft wohl zunehmen.
Nur strenge Regeln auf europäischer Ebene könnten helfen, das drohende Problem in den Griff zu bekommen, sagen die Forscher - zum Beispiel härtere Einfuhrkontrollen. Seien neue Tier- oder Pflanzenspezies trotzdem in der EU aufgetaucht, müssten sie schnell bekämpft werden. Denn "wenn sich eine Art einmal etabliert hat, wird die Kontrolle sehr schwer", sagt Dullinger.
Zumindest ein kleiner Teil der eingewanderten Arten kann durchaus Probleme bereiten - um 60 Tier- und Pflanzenspezies geht es da nach Ansicht des Bundesamtes für Naturschutz. Das Umweltbundesamt wiederum hat 2003 berechnet, dass die 20 wichtigsten Eindringlinge jedes Jahr in Deutschland einen Schaden von 156 Millionen Euro anrichten.
Für Großbritannien kommt eine gerade vom Umweltministerium vorgestellte Studie auf rund 1,5 Milliarden Euro. Schuld seien neben dem Knöterich, der auch in Deutschland bekannt ist, zum Beispiel Hasen.
In Deutschland macht Wissenschaftlern die Rippenqualle Sorgen. Sie kam im Ballastwasser von Schiffen von der US-Ostküste zu uns - und verputzt nun massenhaft Fischeier und Zooplankton in Ost- und Nordsee. Und dann ist da noch die Beifuß-Ambrosie. Ihre kraftvollen Pollen könnten in und um Berlin zum Albtraum von Allergikern werden.
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