Eingeschleppte Pflanze Allergiker-Alptraum kommt nach Deutschland

Keine Pollen treffen Allergiker härter als die der Aufrechten Ambrosie. Durch den Klimawandel begünstigt, verbreitet sich die Pflanze in weiten Teilen Europas. Jetzt droht die eingeschleppte Art auch in Deutschland einzufallen - und könnte immense Kosten verursachen.

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"Dies sind die potentesten allergenen Pollen weltweit", sagt Heidrun Behrendt. Die Medizinprofessorin von der Technischen Universität München meint den Blütenstaub von Ambrosia artemisiifolia, einer unscheinbar wirkenden Pflanze, die aus Nordamerika nach Europa eingewandert ist.

Im alten Europa hat sich das einjährige Kraut inzwischen in vielen wärmeren Regionen breitgemacht - mit teils ernsthaften Folgen für die menschliche Gesundheit. "In Norditalien wird ein dramatischer Anstieg von Asthma-Anfällen als Folge der zunehmenden Verbreitung von Ambrosia beobachtet", sagt Behrendt SPIEGEL ONLINE.

Im französischen Rhônetal reagierten bereits zwölf Prozent der Bevölkerung allergisch. Oft bleibt das Kraut unerkannt: Zu alltäglich ist seine Gestalt, zu groß seine Ähnlichkeit mit dem einheimischen Beifuß. Jetzt schlagen Wissenschaftler Alarm und warnen vor einer möglichen Ambrosien-Invasion in Deutschland.

Aggressiver Einwanderer aus Amerika

Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts überquerten die ersten Ambrosia-Samen als blinde Passagiere in Getreide-, Kleesaat- und Kartoffelladungen den Atlantik. 1863 wurde die Pflanze erstmals auf deutschem Boden nachgewiesen. Hier nennt man sie auch Beifußblättriges Traubenkraut oder Aufrechte Ambrosie.

Ambrosia: Leicht zu verwechseln, hoch allergen
C. Bohren / RAC Changins

Ambrosia: Leicht zu verwechseln, hoch allergen

Zwar tauchte sie seitdem zerstreut hier und dort auf, konnte jedoch nicht dauerhaft Fuß fassen. Die Sommer waren einfach zu kurz und zu kühl für diese spätblühende Art, die unter diesen Umständen nicht zur Samenbildung kam. Lediglich im warmen Südwesten, im Bereich Mannheim-Ludwigshafen und bei Karlsruhe, gelang es der Ambrosie, sich erfolgreich festzusetzen. Bis jetzt.

Begünstigt durch die Klimaerwärmung sprießt die Pflanze nun auch im Rest von Deutschland. "Eine weitere Verbreitung ist langfristig zu erwarten", warnt Gritta Schrader von der Biologischen Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft in Braunschweig in einer Risikoanalyse.

"Meldungen über neue Ambrosia-Populationen liegen für die Bereiche um Magdeburg und Cottbus sowie für Ostbayern nahe der österreichischen Grenze bei Salzburg vor", sagt Stefan Nawrath, Ökologe an der Universität Frankfurt und Ambrosia-Spezialist.

Ungarn verbietet Ambrosia per Gesetz

Bisher sind das nicht mehr als punktuelle Befunde. Doch Nawrath und andere Experten wollen nun schnellstmöglich die genaue Verbreitung der Art in Deutschland erfassen, um Strategien zu ihrer Bekämpfung entwickeln zu können, bevor es zu spät ist. Denn setzt sich Ambrosia irgendwo fest und kann ausreichend Samen bilden, gibt es kaum noch ein Mittel gegen den Eindringling.

"Da kann man mähen bis zum bitteren Ende", meint Nawrath  und verweist auf die Lage in Ungarn. Dort finden seit Jahren ebenso umfangreiche wie erfolglose Bekämpfungsprojekte statt. Ungarische Grundstücksbesitzer sind per Gesetz verpflichtet, das Blühen der Pflanzen zu verhindern - das allergene Kraut schert dies wenig.

Dabei hat Ambrosia artemisiifolia eigentlich ein großes Handicap. Als Ruderalpflanze ist sie eine Art, die bevorzugt nackten Boden besiedelt. Brachflächen, Straßenränder, Schuttplätze und dergleichen sind ideale Lebensräume. Wo jedoch bereits eine stabile natürliche Vegetation existiert, haben diese Pflanzen kaum eine Chance. Doch Menschen helfen dem Kraut tatkräftig: Erdarbeiten schaffen Freiflächen, und die Maschinen transportieren Samen von einer Baustelle zur anderen.

Noch wichtiger für die derzeitige Ausbreitung von Ambrosia dürfte jedoch der Import von verunreinigtem Getreide, Saatgut und Vogelfutter sein. Dementsprechend wird die Art nicht nur auffallend oft im Bereich von Häfen und Bahnanlagen angetroffen, sondern auch in den Gärten tierlieber Zeitgenossen. Die Ausbreitungsgefahr wird durch die enorme Fortpflanzungsrate der Art verstärkt: Jedes Exemplar produziert bis zu 62.000 Samen. In der Erde schlummernd, bleiben sie rund 40 Jahre keimfähig.

Kontakt zu blühenden Pflanzen gefährlich

Die Ambrosia-Pollen können vom Wind Hunderte Kilometer weit getragen werden. Eine einzelne Pflanze kann eine Milliarde Pollenkörner freisetzen, und bereits eine Konzentration von nur sechs Körnern pro Kubikmeter Luft gilt als problematisch. In Sachsen wurden schon Dichten gemessen, die um ein Vielfaches höher lagen und mehr als die Hälfte der gesamten Pollenbelastung darstellten. Ihre wahrscheinliche Herkunft: Ungarn.

Mediziner konnten die genaue Ursache für die extrem allergene Potenz der Aufrechten Ambrosie bislang nicht klären. Sicher ist nur, dass sich die Pollen in den oberen Atemwegen ablagern und dort sogenannte bioverfügbare Proteine freisetzen. Einige davon regen die Produktion von körpereigenen Immunglobulin-E-Antikörpern an und können so eine Sensibilisierung verursachen.

Bei ausreichender Pollenkonzentration findet dies bei 80 Prozent der Menschen statt, von denen etwa die Hälfte anschließend eine Allergie entwickelt. Direkter Kontakt mit blühenden Pflanzen könnte ebenfalls gefährlich sein. "Wahrscheinlich ist auch eine Sensibilisierung über die Haut möglich", warnt der Allergologe Gerhard Schulze-Werninghaus von der Bochumer Ruhr-Universität. Unkraut jäten würde dann zum Gesundheitsrisiko.

Schlimme Zeit von Ende Juni bis zum ersten Frost

Zusätzliche Probleme verursacht Ambrosia durch ihre späte Blütezeit: Für Mehrfach-Allergiker verlängert sich so die schwere Zeit um mindestens zwei Monate bis hin zum ersten Frost im Herbst. Die Hauptwachstumsphase beginnt Ende Juni, die winzigen Blüten öffnen sich meistens Anfang August.

Schneller als in Deutschland startete in der Schweiz eine öffentliche Kampagne gegen Ambrosia. "Die Bekämpfung von Ambrosia hat höchste Priorität", erklärt Christian Bohren von der schweizerischen Landwirtschaftlichen Forschungsanstalt Agroscope in Changins.

Pro Jahr verursache eine Ambrosia-Allergie bei Heuschnupfenpatienten Kosten von rund 100 Schweizer Franken, bei Asthmatikern gar von 1000 Franken. Für die Bundesrepublik liegen die Kosten für das Gesundheitswesen nach einer Schätzung des Umweltbundesamtes bereits jetzt in zweistelliger Millionenhöhe - Tendenz steigend.

In der Schweiz fordern bunte Faltblätter die Bürger schon zur Mithilfe auf, um möglichst alle Pflanzen vor der Blüten- und Samenbildung zu vernichten und so die Ausbreitung von Ambrosia zu verhindern. "Achtung", heißt es in dem Flyer vom April: "Blühende Ambrosia nur mit Feinstaubmaske und Handschuhen ausreißen."



Forum - Heuschnupfen - Probleme mit den Pollen?
insgesamt 130 Beiträge
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Seite 1
dieschlaue, 12.06.2006
1.
Das fehlt mir zu meinen vielen Allergien gerade noch ! :(
Ralf T., 12.06.2006
2. Hatschiiiii....
Ja... schnief... sie gibt uns.... schnief... den Rest... Haaatschiiii....
IoP 12.06.2006
3.
---Zitat von sysop--- Neue Arten, neue Allergien - rächt sich die Natur am Menschen? Gibt uns der Klimawandel den Rest? ---Zitatende--- Was ist eine Allergie? Kennen wir nicht.
torgum, 12.06.2006
4.
WIDERLICH :) Als ob ich nicht schon genug schnupfen würde!
DJ Doena 12.06.2006
5.
Ich hab zum Glück als Kind genug Dreck gefressen und bei uns wurde nicht jede Oberfläche bakteriell desinfiziert. Deshalb konnten sich meine Abwehrkräfte auf die richtigen Bösen stürzen und mussten keine Pseudo-Bösen erfinden.
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