Eingewanderte Fischarten: Invasion aus südlichen Gewässern

Von Kurt F. de Swaaf

Brühkessel der Weltmeere: Die Temperatur im Nordosten des Atlantiks ist in Folge des Klimawandels deutlich gestiegen. Fischarten aus dem Süden verbreiten sich in den wärmer werdenden Regionen. Jetzt haben Forscher das Ausmaß der Wanderungen unter Wasser ermittelt.

Fische: Migration unter der Meeresoberfläche Fotos
AP

Einige von ihnen fallen sofort auf: die Meerbarbe in ihrem fröhlich-pinkfarbenem Schuppenkleid, der Petersfisch mit seiner bizarren Gestalt oder der Kuckucksrochen, der zwei poppige, augenähnliche Flecken auf dem Rücken trägt. Doraden, Meeräschen und Sardellen dagegen mögen äußerlich weniger schrill anmuten, doch auch sie erregen bei Fischern und Wissenschaftlern seit Jahren Aufmerksamkeit. Allen diesen Schuppenträgern gemein ist ihre Vorliebe für relativ warmes Wasser. Ihre Heimat liegt im Mittelmeer und an den Küsten Portugals und der Biskaya. Dort, wo bekanntlich milde Temperaturen herrschen.

Inzwischen aber tauchen solche mediterran-lusitanische Spezies immer öfter in der graukalten Nordsee auf. Der Wolfsbarsch zum Beispiel, unter Feinschmeckern meist als Loup de Mer bekannt, wurde an den holländischen Küsten in den Sechzigern nur als eher seltener Sommergast gefangen. Heutzutage pflanzen sich diese prächtigen Fische in der südöstlichen Nordsee fleißig fort und gehen auch vor Sylt regelmäßig Anglern an den Haken. Ähnliches gilt für eine ganze Reihe südlicher Meeresfischarten. Fachleute sehen darin eine weitere klare Folge des Klimawandels.

"Brühkessel" der Weltmeere

Was bislang allerdings fehlte, waren umfassende wissenschaftliche Untersuchungen über das Ausmaß der marinen Zuwanderung. Diese Lücke hat nun ein britisch-irisches Forscherteam geschlossen. Die Experten brachten die Resultate von elf fischereibiologischen Erhebungen aus den Jahren 1980 bis 2008 in einer aufwendigen mathematischen Auswertung zusammen. Diese Daten kombinierten sie mit Zahlen zur Wassertemperatur in den studierten Gebieten. Letztere ist in nordostatlantischen Gefilden überdurchschnittlich stark gestiegen - um 0,72 bis 1,31 Grad Celsius, während der globale Durchschnitt bei 0,70 Grad Celsius liegt. Manche Ozeanografen nennen diese Seegebiete scherzhaft den "Brühkessel" der Weltmeere.

Insgesamt wurden bei den Probebefischungen rund 1,2 Millionen Quadratkilometer Meeresfläche rund um die Britischen Inseln und in der Nordsee untersucht. Die Gesamtausbeute: mehr als 105 Millionen gefangene und genauestens registrierte Fische. Eine gewaltige Datenmenge.

Die Ergebnisse der Analyse, die im Fachblatt "Current Biology" erschienen, zeigen einen komplexen aber dennoch deutlichen Trend. "Bei 72 Prozent der erfassten Fischarten konnten wir klar die Auswirkungen von steigenden Temperaturen feststellen", berichtet Stephen Simpson, Biologe an der University of Bristol SPIEGEL ONLINE. 27 von 177 Spezies nahmen erheblich in ihrer Anzahl zu, so der Erstautor der Studie, neun weitere dagegen zeigten schrumpfende Populationen. Diverse Arten verlagerten ihre Hauptvorkommen in andere Gebiete. Es gab einen deutlichen statistischen Zusammenhang zwischen diesen Veränderungen und dem Steigen der Wassertemperaturen.

Innere Struktur wandelt sich

Auffällig war jedoch, dass sich die Artenvielfalt in den meisten Regionen nicht stark änderte. "Wir sehen nicht so sehr das Abwandern ganzer Lebensgemeinschaften, aber ihre innere Struktur wandelt sich", erklärt Stephen Simpson. Wo beispielsweise vor 30 Jahren der Dorsch die dominante Fischart war, können sich heute hauptsächlich Meerbarben tummeln, und ersterer tritt nur noch in geringen Mengen auf. Für Fischer ist es genau das, was zählt, betont Simpson. Und natürlich haben solche Verschiebungen auch ökologische Auswirkungen. Bisherige Studien zu den fischereibiologischen Folgen des Klimawandels bezogen ihre Schlüsse zu sehr auf die reine Anwesenheit von Spezies, und ließen deren Populationsdichten weitgehend außer Acht, meint der Experte.

Die Veränderungen spiegeln sich auch in den Anlandungen der Berufsfischerei. Simpson und seine Kollegen haben die offiziellen Fangstatistiken mit ihren eigenen Ergebnissen verglichen und deutliche Parallelen festgestellt. "Doch die Arten, die gut in wärmerem Wasser gedeihen, sieht man noch nicht häufig auf dem Markt." Unbekannt macht eben unbeliebt. Eine Trendwende ist gleichwohl in Sicht, wie Simpson aus eigener Beobachtung zu berichten weiß. In südenglischen Fischrestaurants kommen die Exoten immer öfter auf die Speisekarten. Zu recht, denn einige sind echte Delikatessen. Für ein Kilo Roter Knurrhahn bekamen Fischer früher höchstens 50 Pennies, meistens landeten die Fische als Köder in den Hummerfallen. Jetzt ist ihr Marktwert schon auf das zehnfache gestiegen. "Die Erweiterung unseres Geschmacks wird beim Umgang mit dem Wandel eine wichtige Rolle spielen", sagt Stephen Simpson.

Kein zwingender Nachteil für Fischerei

Es wäre somit eine Frage der Anpassung. "Für die Fischerei muss diese Entwicklung nicht von Nachteil sein", meint auch Reinhold Hanel, Leiter des vTI-Instituts für Fischereibiologie in Hamburg. Er kann ebenfalls von einer Zunahme südlicher Fischarten berichten. In der Deutschen Bucht, wo sich das Meerwasser europaweit mit am stärksten aufgewärmt hat, schwimmen immer mehr Sardellen, Petersfische und sogar Doraden. Die Dicklippige Meeräsche ist zudem schon in den Häfen der Ostsee angekommen. Dort ziehen die Tiere im Sommer in Schwärmen umher und grasen die Algen von den Pfählen und Uferbefestigungen ab. Im Winter sind die kälteempfindlichen Fische allerdings wieder verschwunden. Wohin, das weiß noch niemand genau. Man vermutete, sie ziehen sich in tiefere Gewässer der Ostsee zurück oder in die Nordsee, doch bisherige Untersuchungen der Hamburger Wissenschaftler konnten dies nicht belegen.

Der Migrationstrend hält offenbar unvermindert an. Mobile, im Freiwasser lebende Spezies breiten sich logischerweise am schnellsten aus, betont Stephen Simpson. "Vor allem Makrelen dringen momentan rasch in neue Lebensräume vor, darunter die isländischen Gewässer." Und das bedeute auch, dass neue Fangquoten für die europäischen Fischereinationen eingerichtet werden müssen. Ob allerdings alle marinen Neubürger nur von steigenden Wassertemperaturen profitieren, ist laut Simpson fragwürdig. Besonders für sehr küstennah lebende Arten wie den Wolfsbarsch dürfte auch die enorme Verbesserung der Wasserqualität, die in den vergangenen Jahrzehnten errungen wurde, von Vorteil sein. Den Fischgourmets zur Freude.

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insgesamt 90 Beiträge
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1. Das hat wohl weniger mit
systemmirror 16.09.2011
der Klimaerwärmung zu tun, als mit demrasant schwindenden Nahrungsangebot in überfischten und verseuchten Meeren.
2. Artikel gelesen?
ajf00 16.09.2011
Zitat von systemmirrorder Klimaerwärmung zu tun, als mit demrasant schwindenden Nahrungsangebot in überfischten und verseuchten Meeren.
Im SPON Artikel steht, dass sich die Wasserqualitaet verbessert hat.
3. Grafiken?
Taoist 16.09.2011
Zu diesem Artikel wären ein paar Grafiken nett, Karten mit Migrationspfeilen und so, statt lauter Fischbilder. Trotzdem danke für den Artikel.
4. Darwin wusste es besser
Titmouse 16.09.2011
Zitat von sysopFischarten aus dem Süden verbreiten sich in den wärmer werdenden Regionen. Jetzt haben Forscher das Ausmaß der Wanderungen unter Wasser ermittelt.
Nach Darwin sind Lebewesen befähigt, sich durch Adaption an die Umwelt anzupassen. Es kann daher sein, dass sich bestimmte Fischarten an kältere Gewässer angepasst haben und jetzt auch in solchen Regionen leben können. Warum muss immer der allein-unseligmachende "Klimawandel" herhalten?
5. Ich weiss, Realitaetsbezug ist manchmal hart.
ajf00 16.09.2011
Zitat von TitmouseEs kann daher sein, dass sich bestimmte Fischarten an kältere Gewässer angepasst haben und jetzt auch in solchen Regionen leben können. Warum muss immer der allein-unseligmachende "Klimawandel" herhalten?
Weil jemand die Wassertemperatur gemessen hat?! ... nur so eine Idee.
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