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Einschlag bei Würzburg: Forscher löst Rätsel der fliegenden Eisbombe

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Ende April krachte bei Würzburg ein 50-Kilogramm-Eisklotz vom heiteren Himmel. Solche "Mega-Cryo-Meteore" verwirren Wissenschaftler seit langem. Diesmal hat ein Meteorologe eine Lösung für das Rätsel gefunden.

Aus heiterem Himmel: Frostbomben bei Würzburg Fotos
Pfetscher

Gewöhnlich herrscht friedliche Vorortstimmung in der 3600-Einwohner-Gemeinde Hettstadt, westlich von Würzburg. Am 27. April um 10.17 Uhr jedoch schreckte ein schrilles Pfeifen die Einwohner auf; kurz darauf knallte es. Anwohner der Straße Brenndörfl eilten aus ihren Häusern, sie waren auf Schlimmes gefasst.

Tatsächlich bot sich ein verblüffender Anblick: Auf Straße und Gehweg lagen Hunderte Eistrümmer - insgesamt knapp 50 Kilogramm, wie später ermittelt wurde. Eine Kindergartengruppe mit 15 Kindern war knapp verschont worden. "Der Postbotin sind die Brocken regelrecht um die Ohren geflogen", erzählt Anwohner Johannes Pfetscher. In seinem Garten klaffte ein dreieckiger Krater, 22 Zentimeter tief, wie Nachmessungen ergaben. Ein paar Schritte weiter fanden sich zwei weitere Einschlagsorte, der Frostklotz war offenbar kurz vor dem Aufprall zerbrochen. Der Schaden war überschaubar: Eine Gehwegplatte war zersprungen, Äste von Sträuchern waren abgebrochen.

Pfetscher blickte gen Himmel, wo ein paar Schönwetterwölkchen schwebten - Hagel erschien ausgeschlossen. Was war geschehen?

Behörden, Astronomen, Meteorologen und die Flugsicherung wurden eingeschaltet - doch bald schwante einem Experten: "Woher das Eis kam, werden wir wohl nie herausfinden". Seine Sorge war begründet, denn immer wieder stellen Frostbomben, die vom heiteren Himmel fallen, Geoforscher vor Rätsel.

Überraschende Indizien

Jesús Martínez-Frías, Geoforscher am Zentrum für Astrobiologie in Madrid, hat seit 2002 weltweit 76 Aufschläge von sogenannten "Mega-Cryo-Meteoren" - also "großen eisigen Himmelskörpern" - dokumentiert; auch aus den Jahrzehnten zuvor sind ihm Dutzende bekannt. Doch die Herkunft der meisten Eisbrocken bleibt unklar - eine Theorie nach der anderen mussten Wissenschaftler verwerfen. Hagelkörner wurden ausgeschlossen, sie werden nicht so groß. Auch Meteoriten, Flugzeugklos oder Anschläge kamen in den meisten Fällen nicht in Frage.

Klar ist: Die Frostbrocken können zerstörerisch sein. Sie erreichen oft die Größe einer Mikrowelle; sogar meterdicke Brocken wurden gefunden. In Spanien verfehlte vor sechs Jahren ein 400-Kilo-Koloss ein Mädchen im Städtchen Toledo nur knapp.

Doch nun melden Wissenschaftler einen Erfolg: Das Rätsel der Frostbombe von Hettstadt meint ein Meteorologe des privaten Instituts für Wetter- und Klimakommunikation (IWK) gelöst zu haben; seine Studie liegt SPIEGEL ONLINE exklusiv vor. Demnach stammt der Eisbrocken von einer Boeing 737-700 der Fluglinie EasyJet.

Überraschende Indizien führten Frank Böttcher vom IWK auf die Spur. Zunächst verblüfften die Wetterdaten zur Einschlagszeit: Die Wetterkarte zeigte "heiter bis wolkig" - kein Regen, kein Hagel weit und breit.

Durch die Luft geschossen

Doch wie war das Wetter in größerer Höhe, wo sich Eiskristalle bilden? Martínez-Frías zufolge kann Sturm in der oberen Atmosphäre Eisteilchen womöglich so lange in der Luft halten, bis sie zu gigantischen Größen anwachsen. Wetterballone, die am 27. April über Bayern aufgestiegen waren, maßen allerdings ruhiges Wetter in höheren Luftschichten: "Es gab keine besonderen Turbulenzen", berichtet Böttcher.

War es also ein Meteorit, wie in Zeitungen spekuliert worden war? Tatsächlich schwirren Abermillionen Eisbrocken im All herum. Nach Berechnungen von Böttcher hätte ein kosmisches Trümmerstück mindestens zwei Meter mächtig sein müssen, damit auf der Erde jene 50 Kilogramm Eis ankommen konnten.

Der Eisklotz fiel offenbar aus nordwestlicher Richtung fast senkrecht vom Himmel. Das bewiesen abgeknickte Äste, berichtet Böttcher. Doch dass ein Meteorit unbemerkt durch die Luft hätte rasen können, hält der Meteorologe für unrealistisch. Eine kosmische Bombe wäre mit etwa 30 Kilometern pro Sekunde in die Atmosphäre geschossen, später jedoch auf Schallgeschwindigkeit abgebremst worden, hat Böttcher berechnet. Ein Feuerschweif hätte geleuchtet; ein Überschallknall die Luft erschüttert - doch beides sei nicht bezeugt, sagt der Meteorologe.

"In der Atmosphäre entstanden"

Zunichte machte die Meteoriten-These eine chemische Analyse der Eisbrocken, die das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit im Auftrag von Böttcher durchführte. Anwohner hatten einen Teil des Eises in eine Kühltruhe gelegt, so dass eine gründliche Untersuchung möglich wurde. Ergebnis: Die Trümmer hatten die gleiche Zusammensetzung wie Regentropfen, berichtet das Landesamt. Der Brocken sei folglich "in der Atmosphäre entstanden" - und nicht in den Tiefen des Kosmos.

Auch einen "Anschlag", also eine künstliche Herstellung der Brocken, schließen die Forscher aus. Nicht nur, dass die Einschlagspuren auf eine große Fallhöhe hindeuten, was für einen solchen Streich unrealistisch scheint. Die chemische Analyse zeigt zudem, dass das Eis nicht aus Leitungswasser besteht - es fehlte an charakteristischen Mineralien wie Chlorid.

Flugzeuge schienen zunächst ebenfalls auszuscheiden. Aus undichten Tanks von Flugzeugklos fällt bisweilen Gefrorenes, so die Überlegung. Doch in den Eisbrocken von Hettstadt fanden sich weder Urinspuren noch jenes bläuliche Desinfektionsmittel, das für Bordtoiletten charakteristisch ist.

Eine Anfrage bei der Deutschen Flugsicherung jedoch brachte Böttcher auf die Spur: Zwei Maschinen kreuzten zur fraglichen Zeit den Luftraum über Hettstadt. Eine 767-300 von Titan Airways querte das Gebiet um 10.08 Uhr und 45 Sekunden in 11.890 Metern Höhe. Eis, das von dieser Maschine gefallen wäre, hätte Hettstadt aber spätestens um 10.11 Uhr erreicht, hat Böttcher berechnet - also sechs Minuten zu früh.

Ins Trudeln geraten

Eine Boeing 737-700 der Fluglinie EasyJet Airlines überflog Hettstadt um 10.12 Uhr auf dem Weg von Dortmund nach Thessaloniki in 10.730 Meter Höhe. "Bei freiem Fall von diesem Flugzeug aus ergibt sich ein Einschlag kurz vor 10.17 Uhr, dem beobachteten Zeitpunkt", berichtet Böttcher. Aufgrund seiner Unwucht sei das Eis vermutlich ins Trudeln geraten - auf einen eckigen Klotz weise die Form des Kraters hin. Somit stimme der berechnete Einschlagszeitpunkt mit dem beobachteten "exakt überein".

Bei der Fluglinie weiß man nichts von dem Vorfall. Man müsse zunächst die Studie prüfen, bevor man sich äußern könne, sagte ein Sprecher SPIEGEL ONLINE. Luftfahrtexperten jedoch wissen, dass sich an Verkehrsmaschinen mitunter Eis bilden kann, etwa an undichten Ventilen.

Sind alle ominösen "Mega-Cryo-Meteore" damit enträtselt? Historische Dokumente lassen daran zweifeln: Sie zeigen, dass Flugzeuge nicht immer die Ursache der Frostbomben sein können. Martínez-Frías hat Berichte aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert über Riesen-Eisklumpen entdeckt, aus einer Zeit also, als es noch keine Flugzeuge gab. Auch Frostbomben der vergangenen Jahre müssen eine andere Ursache haben. Nachdem etwa im Januar 2000 in Südspanien ein Eisklumpen die Windschutzscheibe eines Autos zertrümmert hatte, fragte Martínez-Frías umgehend bei der Luft-Aufsichtsbehörde nach. Es hatte keine Überflüge der Region gegeben.

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insgesamt 110 Beiträge
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1. ere
The Godfather 23.08.2010
---Zitat--- ...klaffte ein dreieckiger Krater, 22 Zentimeter tief,... ---Zitatende--- 22 Zentimeter, wow, ein Krater, klaffend ...
2. .
Wolf_68, 23.08.2010
Zitat von sysopEnde April krachte bei Würzburg ein 50-Kilogramm-Eisklotz vom heiteren Himmel. Solche "Mega-Cryo-Meteore" verwirren Wissenschaftler seit langem. Diesmal hat ein Meteorologe eine Lösung für das Rätsel gefunden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,712499,00.html
Das wird das CO2 und der Klimawandel gewesen sein.
3.
unterländer 23.08.2010
Zitat von sysopEnde April krachte bei Würzburg ein 50-Kilogramm-Eisklotz vom heiteren Himmel. Solche "Mega-Cryo-Meteore" verwirren Wissenschaftler seit langem. Diesmal hat ein Meteorologe eine Lösung für das Rätsel gefunden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,712499,00.html
Wer es noch immer nicht glauben konnte, hier ist der Beweis: Der Eisklumpen stammt von einem Flugzeug. Im 19. Jahrhundert gab es keine Flugzeuge, außer ..... . Genau, Flugobjekte fremder Intelligenzen. Wer sagt denn, dass bei denen keine undichten Ventile auftraten? Oder so .....
4. Knapp daneben...
relies 23.08.2010
...ist auch vorbei. Das Foto (Nr. 13) der Bilderserie zeigt einen Airbus A319 (google "HB-JZF") und nicht die genannte B737. Spannend wäre es jetzt, herauszufinden, wie und wo sich ein solcher Eisbrocken am Flugzeug aus Kondenswasser bilden könnte. 50kg ist ja nicht gerade wenig. Das Wasser kann ja anscheinend nicht aus einem Tank stammen, denn die werden ja sicher mit Leitungswasser gefüllt und das Eis würde dann die genannten Mineralien aufweisen. Vielleicht "Abwasser" aus der Aircondition? Darüber müsste es dann aber doch Aufzeichnungen einer Reparatur der Anlage des verdächtigten Flugzeugs geben, denn wenn eine normal funktionierende Anlage solche Eisklumpen absonderte, hätten wir bei der derzeitigen Flugdichte sicher öfters mit solchen Einschlägen zu rechnen.
5. na ist doch klar
tollted 23.08.2010
die Eisbrocken stammen von getarnten Raumschiffen Ausserirdischer
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