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Einzeller im Rachen: Mikroben töteten Tyrannosaurier

Sie waren furchterregende Räuber, doch der gigantische Fleischhunger ist wohl so manchem Tyrannosaurus Rex zum Verhängnis geworden. Wie Forscher jetzt herausfanden, setzten Parasiten den Giganten an Rachen und Kiefer zu - und sorgten dafür, dass einige von ihnen deswegen zu Tode kamen.

Saurierskelett Sue: Winzige Geißeltierchen in Rachen und Speiseröhre? Zur Großansicht
Courtesy Of The Field Museum

Saurierskelett Sue: Winzige Geißeltierchen in Rachen und Speiseröhre?

Chicago - Sue war ein Prachtexemplar, vier Meter hoch, sieben Tonnen schwer - und zuletzt wohl unsagbar hungrig. Wenn es stimmt, was US-Forscher nun über eines der berühmtesten Fossilien eines Tyrannosaurus Rex herausgefunden haben, dann ist der beeindruckende Fleischfresser vor etwa 67 Millionen Jahren an Nahrungsmangel zugrunde gegangen.

Das Tier - sein Geschlecht steht ungeachtet des plakativen Namens, der an die Entdeckerin Sue Hendrickson erinnert, bis heute nicht fest - könnte an den Folgen der Parasitenkrankheit Trichomonose verendet sein. Das schreiben Forscher um Ewan Wolff von der University of Wisconsin in Madison im Fachjournal "PLoS ONE". Und neben Sue dürften nach Ansicht der Wissenschaftler zahlreiche andere Tiere der Krankheit zum Opfer gefallen sein.

Wichtigstes Indiz sind Verletzungen in den Kieferknochen von mehreren Sauriern, darunter Sue und ein Exemplar aus dem Carnegie-Museum in Pittsburgh. Bisher wurden sie mit einer möglichen Bakterieninfektion oder Kampfverletzungen erklärt. Doch die neuen Untersuchungen lassen vermuten, dass es sich stattdessen um die Folgen einer Ansteckung mit dem Parasiten Trichomonas gallinae handelt, der auch heute noch Raubvögel befällt.

Sue ist der knöcherne Star des Field-Museums in Chicago. Aus dem Kiefer des Skeletts ragen 58 Zähne, die bis zu 30 Zentimeter lang sind. Doch nicht einmal dieses beeindruckende Arsenal konnte den Saurier vor seinem Schicksal bewahren: Sue scheint quasi vor gedecktem Tisch verhungert zu sein, nachdem Trichomonaden - winzige Geißeltierchen - ihren Rachen und die Speiseröhre zerstört hatten.

Jagen möglich, Fressen nicht

"Ohne intakten Rachen überlebt kein Tier lange, egal wie kräftig es ist", sagt Forscher Wolff. Nach Ansicht der Wissenschaftler haben sich die Parasiten durch Knochen und Gewebe gefressen und dieses schließlich so weit zerstört, dass Sue zwar noch Beute jagen konnte, aber nicht mehr in der Lage war, diese auch zu fressen.

Die Wissenschaftler hatten in ihrer Studie verschiedene Saurierskelette untersucht und bei zehn Exemplaren Schäden an den Kieferknochen gefunden, die nicht von Verletzungen durch andere Dinosaurier oder Bakterienbefall herrühren können. Diese sogenannten Läsionen haben runde, glatte Kanten und nicht eine ungleichmäßige, rissige Beschaffenheit, wie es bei Kampfspuren üblich ist.

Diese Erkenntnis brachte die Forscher zu der Diagnose Trichomonose. Sie sehen ihre These durch heutige Vögel bestätigt. Sie sind erstens sozusagen lebende Nachkommen der Dinosaurier und können zweitens den Einzellern ebenfalls erliegen.

Raubvögel infizieren sich durch ihre Beute mit den Geißeltierchen. Hühner, Tauben und andere Vögel können dabei als Überträger fungieren, ohne selbst Symptome zu zeigen. Ähnliches vermuten die Wissenschaftler im Falle von Sue. Der Tyrannosaurus könnte sich über seine Beute oder verseuchtes Wasser angesteckt haben - oder beim Fressen infizierter Artgenossen. Anschließend dürfte das Tier den Parasiten bei der Fütterung an seine Brut oder via Speichelaustausch bei Schnauzenkontakten an Artgenossen weitergegeben haben, schreiben die Wissenschaftler. Von den Tyrannosaurus-Arten seien die Parasiten später dann auch auf andere Spezies übergesprungen.

chs/ddp

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