Einzeller Forscher finden Wesen aus der Frühzeit des Lebens

Er ist kein Tier, keine Pflanze, kein Pilz, keine Alge: In einem norwegischen See haben Forscher einen urtümlichen Einzeller entdeckt. Der mikroskopisch kleine Organismus besetzt einen eigenen Zweig im Stammbaum des Lebens - und er könnte einiges über die Entstehung der Arten verraten.

Urtümlicher Einzeller unterm Mikroskop: Fenster in den Ur-Mikrokosmos
UiO/MERG

Urtümlicher Einzeller unterm Mikroskop: Fenster in den Ur-Mikrokosmos


In einem kleinen See südlich von Oslo haben norwegische Wissenschaftler den wohl fernsten Verwandten des Menschen entdeckt. Bei dem Einzeller handele es sich der genetischen Analyse nach weder um einen Pilz, noch um eine Alge, einen Parasiten, eine Pflanze oder ein Tier, teilten die Forscher mit. "Wir haben einen bislang unbekannten Zweig vom Baum des Lebens in dem See gefunden", sagte Kamran Shalchian-Tabrizi von der Universität Oslo. "Er ist einzigartig." Der Fund öffne ein Fenster in den Ur-Mikrokosmos.

Der Einzeller sei bereits 1865 entdeckt worden. Erst jetzt aber habe die Untersuchung seines Erbguts gezeigt, um was für eine ungewöhnliche Kreatur es sich handelt. Bisher sei keine andere Organismengruppe bekannt, deren Abstammung näher an den Wurzeln des Lebensbaums liege. Der Einzeller sei wahrscheinlich eines der ältesten bekannten Lebewesen mit Zellkern, die auch Eukaryoten genannt werden. Entstanden sei das Protozoon wahrscheinlich vor rund einer Milliarde Jahren - "plus/minus einige hundert Millionen Jahre", wie Salchian-Tabrizi sagt.

Seltene Einzelgänger

Die urtümlichen Wesen werden rund 30 bis 50 Mikrometer groß - also etwa halb so dick wie ein durchschnittliches Blatt Papier - und sind nur mit dem Mikroskop sichtbar. Sie leben im Schlamm auf dem Grund des Sees und ernähren sich von Algen. Unter guten Bedingungen teilen sie sich etwa alle zwei Tage.

Um seine Nahrung zu fangen, benutzt das Protozoon eine Ausstülpung an seinem Körper. Auch Kannibalismus sei an der Tagesordnung, erläutert Dag Klaveness von der Universität Oslo. Mit Hilfe von vier fadenförmigen Gebilden auf der Zelloberfläche, sogenannten Flagellen, bewegt sich das Lebewesen.

Das Protozoon ist nach Angaben der Wissenschaftler ein Einzelgänger. Über seinen Lebenszyklus und seine Feinde ist bislang nichts bekannt. In dem See leben nur relativ wenige der Einzeller, anderswo auf der Welt kommen sie nach bisherigen Erkenntnissen nicht vor. Lediglich in Asien hätten Forscher einige ähnliche Wesen entdeckt.

Um die Organismen zu erforschen, werden sie nun im Labor gezüchtet. Dadurch erhoffen sich die Wissenschaftler neue Erkenntnisse über die Entstehung des Lebens auf der Erde.

wbr/dpa



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