Gletscherdaten aus dem All Weniger Eis, mehr Meer

Wie viel Eis liegt in Grönland und der Antarktis? Radarmessungen über den beiden abgelegensten Landschaften der Erde zeigen: Beide Polkappen schmelzen schneller als gedacht. Was bedeutet das für den Anstieg der Ozeane?

Von

EGU/ Helm et al/ The Cryosphere

Hamburg - Kaum eine Flugreise ist eindrucksvoller als die Querung Grönlands oder der Antarktis. Bis zum Horizont glitzert weiße Landschaft, nur stellenweise ragt dunkler Fels aus den Gletschern - es sind die Gipfel kilometerhoher Berge. Neue Daten zeigen die Höhe der Eismassen in erstaunlicher Präzision. Das bedenkliche Ergebnis: Das Eis schmilzt schneller als zuvor.

Wissenschaftler um Heinrich Miller vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) haben nach eigenen Angaben 214 Millionen Messungen des Satelliten "CryoSat-2" von Januar 2011 bis Januar 2014 ausgewertet. Die Sonde schickt Radarwellen zur Erde, sie geben Aufschluss über die Höhe des Eises: Je schneller die Wellen vom Eis zurückgeworfen werden, desto höher ist der Gletscher.

Die Daten zeigten die weißen Polkappen auf etwa drei Meter genau, berichten die Forscher im Fachblatt "The Cryosphere". "Unsere Messungen decken eine Eisfläche von 16 Millionen Quadratkilometer ab, das sind 500.000 Quadratkilometer mehr als in bisherigen Höhenmessungen", sagt der Glaziologe Veit Helm vom AWI.

Anzeige
Im Inland der Antarktis türmt sich das Eis auf der Afrika und dem Indischen Ozean zugewandten Seite mehr als vier Kilometer hoch, mancherorts fast bis auf 4800 Meter - diese Gefilde blieben für Menschen bislang meist unerreichbar. Die berühmten Expeditionen zum Südpol von Roald Amundsen und Robert Scott verliefen in der flachsten Gegend am Ross-Meer, das Richtung Neuseeland weist. Dort heben sich die Gletscher einige Hundert Meter. Im Durchschnitt ist das Eis der Antarktis gut zwei Kilometer dick, es bindet fast drei Viertel des Süßwassers der Erde.

Grönland wirkt wie die kleine Schwester des riesigen Südkontinents: Das Land im Atlantik zwischen Kanada und Skandinavien fasst lediglich knapp ein Neuntel so viel wie die antarktischen Eismassen. Komplett geschmolzen würde es gleichwohl den globalen Meeresspiegel um sieben Meter heben. Im zentralen Osten erreicht das Land seine maximale Höhe von mehr als 3300 Metern; im Durchschnitt ist es knapp 1,7 Kilometer dick. An den südlichen Küsten erlauben eisfreie Landschaften menschliche Siedlungen.

Der Vergleich mit Höhenmessungen des Eises beider Länder aus den Jahren 2003 bis 2009 brachte die böse Überraschung: Die Westantarktis verlor der Studie zufolge in den vergangenen drei Jahren dreimal mehr Eis als in den Jahren zuvor, in Grönland scheint sich die Schmelze verdoppelt zu haben, berichten die AWI-Forscher. Lediglich im Osten der Antarktis, in ihren höchsten Gefilden, hat sich weiter Schnee angehäuft - dort wächst der Eispanzer. "Allerdings in so geringem Maße, dass die Verluste nicht ausgeglichen werden können", schreiben die Glaziologen.

Die neuen Zahlen lassen vermuten, dass das Schmelzwasser Grönlands stärker zum Anstieg der Meeresspiegel beiträgt als vermutet. Der aktuelle Uno-Klimareport hatte noch festgestellt, dass Grönland etwa 215 Milliarden Tonnen (Gigatonnen) Eis pro Jahr verliert. Die neue Studie zeigt, dass es 375 Gigatonnen sein könnten. Die Westantarktis verliere jährlich 147 Gigatonnen, diagnostizierte die Uno. Die neuen Daten zeigen einen etwas schwächeren Verlust von rund 128 Gigatonnen.

Insgesamt hebt das Schmelzwasser der Pole die Ozeane der neuen Studie zufolge pro Jahr um 0,4 Millimeter höher als angenommen. Die globalen Meerespegel steigen durchschnittlich um rund drei Millimeter jährlich. Das Schmelzwasser aus Grönland und der Antarktis trägt den neuen Daten zufolge insgesamt etwa einen Millimeter pro Jahr davon zum Anstieg bei.

Weitere Messungen, insbesondere Satellitendaten über die Masse des Eises, müssen die neue Studie noch bestätigen.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 42 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Das Pferd 20.08.2014
1.
höchst unerfreulich. Aber zum Trost gibt es hier gleich wundervolle Beiträge von Leuten, die ohne Messdaten und wissenschaftliche Ausbildung das alles viel besser wissen. Hockeyschläger und 13 Jahre, los gehts,
ir² 20.08.2014
2.
Insgesamt hebt das Schmelzwasser der Pole die Ozeane der neuen Studie zufolge pro Jahr um 0,042 Millimeter höher als angenommen. Die globalen Meerespegel steigen durchschnittlich um rund drei Millimeter jährlich. Das Schmelzwasser aus Grönland und der Antarktis trägt den neuen Daten zufolge 0,66 Millimeter pro Jahr zum Anstieg bei. Weitere Messungen, insbesondere Satellitendaten über die Anziehungskraft des Eises, müssen die neue Studie noch bestätigen.... Also mal wieder nur ein Sturm im Wasserglas damit die Klimakatastrophe auf der Agenda bleibt. Schließlich hängen da viele Karrieren im Forschungssektor dran...
Ruhrfred 20.08.2014
3. Ausrechnen
Ich denke, man kann ausrechnen, was passiert, wenn das Eis schmilzt. Dann kann man auch ausrechnen, was die Auswirkungen sind. Wie wirkt sich das auf z.B. die Küste von Spanien aus? Das ist doch bekannt und kann durchaus im Wege von Visualisierungen mal bekannt gemacht werden. Ich freue mich auf die Bilder.
msdelphin 20.08.2014
4. Landhebung!
Wahrscheinlich ist das Abschmelzen noch dramatischer als vom Sateliten gemessen. Wenn das Eis abschmilzt, wird die Antarktis bzw. Grönland leichter und hebt sich aus den Erdmantel. Das heisst, wenn 2 Meter Eis abschmelzen und sich das Land 1 Meter hebt, dann misst man mit dem Sateliten 1 Meter Eisverlust. Vielleicht tritt dieser Effekt durch die Trägheit auch viel langsamer auf. Egal wie: Nicht nur das geschmolzende Eis läßt die Meere steigen, sondern auch das Ansteigen des Kontinentalschelfes/Kontinentalsockels der Antarktis bzw. Grönlands.
Questionator 20.08.2014
5. Ach, wissen Sie...
Zitat von Das Pferdhöchst unerfreulich. Aber zum Trost gibt es hier gleich wundervolle Beiträge von Leuten, die ohne Messdaten und wissenschaftliche Ausbildung das alles viel besser wissen. Hockeyschläger und 13 Jahre, los gehts,
Ich halte den Klimawandel für wahrscheinlich, einen anthropogenen Anteil immerhin für möglich und eine erfolgreiche menschliche Einflußnahme für illusorisch. Darüber mag ich mich genau so wenig streiten wie darüber, ob im Jenseits jemand auf mich wartet. Das macht den Kopf frei für Dinge, die man wirklich ändern kann.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.